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BUCHBESPRECHUNG/225: Sibylle Berg - RCE - #RemoteCodeExecution (Klaus Ludwig Helf)


Sibylle Berg

RCE - #RemoteCodeExecution

von Klaus Ludwig Helf, November 2022


Der vorliegende Band von Sibylle Berg ist der zweite einer geplanten Dystopie-Trilogie zur Rettung der Welt und setzt da an, wo sein Vorgänger 'GRM. Brainfuck' endet. Der gesellschaftskritische, kulturpessimistische Roman handelt von einer düsteren, nicht allzu fernen Zukunft. Es ist eine Welt am Abgrund, die von wenigen Superreichen beherrscht und kontrolliert wird. Sibylle Berg beschreibt drastisch, eindrucksvoll und pointiert die grotesken Auswüchse eines autoritären Finanz-, Konsum- und Digital-Kapitalismus, auf den wir zusteuern, wenn wir uns nicht rechtzeitig und kraftvoll dagegen wehren. Das übernimmt im Roman eine Gruppe junger Nerds, die das technokratische System der totalen digitalen Überwachung erkennen und es mit seinen eigenen Mitteln überlisten wollen.

In einem abgelegen Bergdorf im Tessin planen diese international vernetzten Hacker im abhörsicheren Container einen Reset der Welt: Quasi per Fernbedienung sollen fremde Rechner mit 'RCE - Remote Code Execution' angreifen, ein totales Chaos verursachen und damit eine Revolution auslösen. Soweit der Kern der Erzählung, die mit dem 'Ereignis', dem kompletten Reset der digitalen Welt, endet. Ob die Revolution im Sinn der Nerds erfolgreich verläuft, bleibt ungewiss. Wir sind gespannt auf den dritten Band:

"Die Menschen gehen nach Hause. Aufgekratzt, gut gelaunt. Die Brigaden berichten aus den Ländern, in denen es einige Verletzte, Ohnmächtige, Umgefallene, Schürfwunden, ein paar Knochenbrüche und einen Infarkt gab. Und keine Toten ... eine Pause im Irrsinn, ein letztes Aufstehen der Menschen. Noch eine Anstrengung, die Sache zu retten, das Aussterben zu verhindern, in einer seltsamen Entschlossenheit vereint. Es ist der letzte Versuch ... Dieses Morgen. Wenn alles von vorne beginnt. Aber vielleicht wird es diesmal besser. Fortsetzung folgt" (S. 678/679). 

Sibylle Berg ist eine deutsch-schweizerische Schriftstellerin, Dramatikerin und Kolumnistin, schreibt Romane, Theaterstücke, Künstlerportraits, Reisereportagen und Glossen (z.B. Fragen Sie Frau Sibylle in Spiegel-Online). Ihr erster Roman erschien 1997 (Ein paar Leute suchen das Glück), ihr bislang größter Erfolg war GRM. Brainfuck (2019).

Die Geschichte der Nerd-Gang wird ausgebreitet auf 700 Seiten, indem Sibylle Berg eine Fülle präzis recherchierter Fakten über aktuelle Zeitbezüge und Debattenthemen sowie über Computertechnologie einbindet, glasklar fokussiert und analysiert und teilweise maliziös, schwarzhumorig, gallig kommentiert. Die Bandbreite der eingestreuten Themen reicht von Armut und Reichtum, Vereinsamung, über Müllberge, Klimakrise, Rassismus, Kolonialismus, Genderfragen und Gesundheit bis hin zur Kultur und zur Technologie des Cyberspace (ein Glossar am Ende des Bandes erleichtert den Zugang zu dieser Welt). Der unprätentiöse Plot, der Verzicht auf dramatisierte Spannungselemente und auf Konturierung der handelnden Personen machen die Lektüre des voluminösen Werks nicht gerade einfach, aber dennoch kann man sich mitreißen lassen vom lakonischen Charme, dem (Wahn)-Witz, der beißenden Ironie und von dem Tempo des Sprachflusses und der präzisen und hintersinnigen Beobachtungsgabe der Autorin bei der Beschreibung der Auswüchse des Turbo-Kapitalismus. So liegt zu Beginn des Romans ein Mann in seiner kalten Wohnung in einem Bärchen-Pyjama unter einer Gewichtsdecke:

"... die ist, neben Psychopharmaka, Singleplattformen und Alkohol, ein weiterer geldwerter Vorteil der codegesponserten Massenvereinsamung, statt eines Menschen oder Hundes decken die Leute sich mit kiloschweren Textilien zu. Sie nennen es kuscheln" (S. 5). 

Neben der alten Mannschaft der Finanz-Oligarchen aus "Kriegsgewinnlern, Bankern, Stahlbaronen und Waffenherstellern und ihren Dynastien" konnten dank Internet einige wenige Menschen mit einer "großen Aggressivität, wenig Moral und einem schlechten Stammbaum mehr Vermögen anhäufen als die alten Dynastien. Marcel hatte den Grundstein seiner Karriere mit dem Hacken von Rechnern in der Nachbarschaft, dem Zugriff auf Kameras und Mikrofone, gelegt. Dazu hatte er nicht einmal onaniert" (S. 101). Fünf Jahre vor dem 'Ereignis' hatten die Freunde - wie sie sich nannten - bereits versucht, die Welt zu retten und die Massen zu mobilisieren: Sie wussten, dass die Menschen manipuliert und überwacht wurden durch das Internet. Sie spielten deshalb Aufnahmen von Überwachungskameras auf öffentlichen, digitalen Werbeflächen ab, schalteten Überwachungskameras aus, aber die Gegenmacht war zu groß. Sie begriffen, dass sie einen Kampf führten gegen Staaten, Geheimdienste, Milliardenunternehmen, Rechtsradikale, Nationalisten, Spinner, Verschwörungstheoretiker und Mörder:

"Wo fing man da an? Kaum hatten sie ein Nazinetzwerk erledigt, wuchsen Tausende von Bots nach. Ein paar Überwachungskameras ausgeschaltet, und schon standen da wie durch ein Wunder neue Laternen mit biometrischen Erkennungssystemen. Sie hatten gekämpft damals - und irgendwann aufgegeben. Denn die Menschheit war zufrieden in einem voll überwachten, geregelten System, das eigentlich ohne Menschen auskäme. Sie waren ruhig und satt inmitten der Auflösung. Es war doch alles so wunderbar smart geworden" (S. 20/21). 

Den 'Freunden' war es nicht gelungen, die Massen zu mobilisieren, das soll sich jetzt ändern. Die fünf Hacker Ben, Kemal, Maggy, Rachel und Pavel planen in London einen letzten Versuch zur Rettung der Welt. Sie sitzen "... in dem alten Metallcontainer, aufgeputscht von Nerdcore-Musik, Koffein und Wut ... sie sahen, dass die Erde brannte oder ihre Zukunft auf dem Mars oder in einem neoliberalen Versuchslabor stattfinden würde" (S. 60). Sie träumen den Traum einer besseren Welt und arbeiten unermüdlich an diesem Ziel mit dem Instrumentenkasten des Cyberspace:

"Mit all seinen Möglichkeiten des codebasierten Widerstands - Blackouts und Reaktorkatastrophen, Autos, die von Brücken stürzten, Schiffe, die mit ihrer Fracht an andere Ziele gelangten - nichts, was man mit ein paar gut ausgeführten Remote Code Executions nicht zum Einstürzen bringen konnte" (S. 61/62).

Bis zum geplanten endgültigen Reset in zweieinhalb Jahren erstellen sie Pläne, Diagramme, Zeitschienen, Namens- und Checklisten, zahllose Accounts in den Social Media und ein weltweites, von ihnen selbst kontrolliertes Netzwerk mit Bots und Trollfarmen. Sie eröffnen Pseudofirmen und -banken und stürzen die internationalen Informations-, Waren- und Finanztransfers in ein Chaos. Sie gründen die Zeitung "RCE" mit einer Online- und einer Print-Ausgabe, die in 27 Ländern kostenlos vertrieben wird und sammeln Millionen von Influencern über ihre eigene, von zentralen Servern unabhängige Chat-App ("RCE"-App). Gezielt verbreiten die Nerds über ihre Netzwerke und Medien Fake-News, um die Menschen total zu verunsichern, streamen eine selbst produzierte RCE-Filmserie über sechs Jugendlichen, die eine europaweite Revolution planen, hacken die Faktencheck-Organisation der Europäischen Union, die Social Observatory for Disinformation and die Social Media Analysis (SOMA), schmuggeln Trojaner in das MS-Word, führen Millionen von Mikrobuchungen bei internationalen Banken aus sowie Fehlbuchungen zwischen Großbanken und Hedgefonds. Kurz vor dem "Ereignis" werden Fake- Meldungen an die Redaktionen der Massenmedien verschickt, dass Banken russische Hackerangriffe verheimlicht hätten und die Kunden ihre Konten räumen sollten.

Überall in Europa werden Börsengebäude gesprengt, Akten und Eigentumsdokumente vernichtet, Überseekabel zerstört, tausende handtellergroße, 3-D-gedruckte, autonome Drohnen greifen Neonazis an und betäuben sie mit Carfentanyl, die Waffen der Scharfschützen werden durch Geofencing von Hackern blockiert. Nach dem Reset steht Bill Gates gedankenverloren auf seinem Anwesen in Malibu. Er habe sich geirrt in der Annahme, dass man 8 Milliarden Menschen lenken und steuern könne:

"Weil ständiges Wachstum zu Bullshit-Ideen führt ... Größenwahnsinnig und zugleich bescheuert, an Schreibtischen und mit Hilfe von Computersoftware entstanden. Wir überwachen die gesamte Weltbevölkerung, erziehen sie zu Mäßigung und Demut, wir verhindern dadurch Unruhen und Aufstände, um einfach unsere Ruhe zu haben, um zu tun, was wir so tun: uns uneinig zu sein, uns zu hassen, zu bekämpfen" (S. 669/670). 

Die Schreibtischplaner hätten aber nicht die Unkontrollierbarkeit von Massen bedacht, weder den Trotz der Menschen noch die Natur mit ihren Katastrophen, Seuchen und anderen Koinzidenzen. Auf die Frage seiner Tochter, warum er dies alles mache, sagte er, dass er sich in die Geschichte einschreiben wolle:

"'Aber Papa', hatte sie gesagt, 'Das interessiert doch die Geschichte nicht' und Bill hatte nichts weiter entgegnet. Er hatte auch nicht geweint ... es war ihm nie um die Rettung der Menschen gegangen. Verdammt, er kannte Menschen, und das war nichts, was man retten sollte. Es ging ihm immer nur um Geld" (S. 670). 

In Deutschland sagt ein bekannter Moderator, dass wir in den nächsten Tagen gemeinsam versuchen sollten, die Welt zu retten:

"Das Leben sollte nicht nur Überleben sein, kein ständiger Missstand, den man flicken muss. Kein Vegetieren in dauernder Panik, in der der Mensch, außer im Netz zu pöbeln und sich zu verschulden, keinen Beitrag mehr leisten kann. Wir werden mit euch zusammen die Länder regieren, die Gemeinden, mit der Beteiligung aller BürgerInnen, wir werden einfach noch einmal starten und versuchen, den Irrsinn zu beenden ... Wir werden noch einmal beginnen. Ohne Kapital, ohne Milliardäre. Aber mit Wissenschaft, fairen Gesetzen und den gleichen Chancen für alle" (S. 672/673). 

Sibylle Berg prangert mit ihrem voluminösen Roman zornig und zynisch, kulturpessimistisch und apokalyptisch die bereits realen und auch die potenziellen Auswüchse eines digitalen Finanz- und Konsum-Kapitalismus an und entführt uns in eine völlig unbekannte Welt des Cyberspace - ein genialer Roman, der mit realen und erfundenen Fakten spielt und trotz aller Schrecken und schriller Zuspitzungen auch humorvolle Seiten hat, und uns vor allem zum kreativen Nachdenken zwingt.


Sibylle Berg: RCE - #RemoteCodeExecution. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022, 704 Seiten, 26 Euro.

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Quelle:
© 2022 by Klaus Ludwig Helf
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 2. Dezember 2022

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