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BUCHBESPRECHUNG/247: Sascha Lobo - Die große Vertrauenskrise. Ein Bewältigungskompass (Klaus Ludwig Helf)


Sascha Lobo

Die große Vertrauenskrise
Ein Bewältigungskompass

Von Klaus Ludwig Helf, Dezember 2023


Eine repräsentative empirische Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vom April 2023 über das Vertrauen in die Demokratie kommt zu dem Ergebnis, dass die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie trotz vielfältiger Krisen (Pandemie, Krieg, Klimakrise, Inflation) zwar insgesamt stabil (48,7 %), aber eine knappe Mehrheit weiterhin unzufrieden ist. Im Vergleich zu 2019 haben sich die regionalen Unterschiede verschärft, die Schere zwischen Ost und West hat sich weiter geöffnet. Große Unterschiede in der Demokratiezufriedenheit ergeben sich je nach sozialer Lage. Menschen, denen es ökonomisch schlechter geht, die niedrigere Bildungsabschlüsse haben oder sich der Unter- oder Arbeiterschicht zurechnen, sind deutlich unzufriedener. Die zunehmende Komplexität der politischen Probleme ist für drei von vier Befragten zu kompliziert und schwer zu durchschauen. Parallel steigt die Sehnsucht nach Einfachheit und vermeintlich klaren Antworten. Verschwörungserzählungen verfangen zumindest in Teilen der Bevölkerung und finden im rechten politischen Spektrum eine relativ hohe Zustimmung. Sascha Lobo hat jetzt einen Band vorgelegt, der sich intensiv mit den vielschichtigen Dimensionen der "großen Vertrauenskrise" in unserer Gesellschaft beschäftigt. Er will "... diese Vertrauensimplosion ergründen, sie analysieren, einordnen und bewerten, aber auch mögliche Lösungsansätze anbieten" (S. 11). Das ist ihm mit analytischem Tiefgang weitgehend gelungen, wenn auch die ökonomischen, sozialen und sozialpsychologischen Ursachenbündel als Folge des postmodernen Neoliberalismus wie Schieflagen in der Einkommens- und Vermögensverteilung, zunehmende Armut und aggressiver Individualismus weitgehend vernachlässigt werden.

Sascha Lobo ist Autor, Publizist, Journalist, Blogger, Hörbuchsprecher und Werbetexter, Gast bei TV-Talk-Runden mit streitbaren und kontroversen Positionen v.a. zu digitalen Themen, Mit-Initiator der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union, Mitglied des Digitalrats der niedersächsischen Landesregierung, Kolumnist bei SPIEGEL-Online und Autor zahlreicher Publikationen zuletzt Der Corona-Schock (2020).

Nach der Einleitung folgen in dem Band drei Kapitel: 'Die Inklusion des Vertrauens', 'Die komplizierte Gegenwart' und ein 'Bewältigungskompass' (Was wir/ich tun können). Der Autor verzichtet leider auf die genaue Angabe seiner verarbeiteten und zitierten Quellen und Literaturen, so dass seine argumentativen Leitlinien kaum nachvollzogen und weiterentwickelt werden können. Das ist auch umso bedauerlicher, als er selbst in seinem Text mehr Transparenz und das Ende des Herrschaftswissens als eine basale Maßnahme zur Förderung von Vertrauen einfordert. In Anlehnung an die empirischen Untersuchungen des Instituts für Demoskopie Allensbach stellt Sascha Lobo die These auf, dass Deutschland schon länger in einer großen Vertrauenskrise stecke. Das Vertrauen in den Staat, in Politik und Medien sowie in wesentliche gesellschaftliche Strukturen sei bei vielen Menschen beschädigt, bei zu vielen sogar zerstört: "Die Vertrauenskrise ist das Symptom der ungenügenden Anpassung der westlichen liberalen Demokratien an die Bedingungen des 21. Jahrhunderts. Es ist, als stünde ein Uhrmacher mit seinem Schraubenzieher ratlos vor einem defekten Smartphone" (S. 49).

In seiner Ursachenanalyse schlägt Sacha Lobo einen weiten globalpolitischen Bogen von den Anschlägen des 11. September 2001 über den Irakkrieg, die Finanz- und die Eurokrisen, den Brexit, über das Erstarken der rechtspopulistischen und -radikalen Parteien, der Krise mit Migration und Flucht bis zum Krieg in der Ukraine. Fast alle bekommen ihr Fett weg: Die zaghaften bis versagenden Politikerinnen und Politiker, Autokraten wie Trump und Putin, Rechtspopulisten und Reichsbürger, die "linksreaktionäre" Sarah Wagenknecht, die "marktkonforme" Angela Merkel, die selbsternannten Leitmedien und der "polit-mediale Komplex", der Lobbyismus und die Korruption, die undurchschaubare und überwuchernde, absurde Bürokratie in Deutschland und in Brüssel und nicht zuletzt die Globalisierung und die ungebremste Digitalisierung, der steigende Medienkonsum, der "aggressive Nachrichtenhagel" und die emotionsgeladene Kommunikation in den sozialen Netzwerken. Die Nachrichtenkanäle Telegram und vor allem YouTube seien "maßgeblich mitverantwortlich" für die Verbreitung von Verschwörungstheorien. So könne man in den westlichen Gesellschaften seit Jahren eine anwachsende "Revolte gegen die Vernunft" feststellen, die während der Pandemie noch einmal grösser geworden sei: "In Zeiten des massiven Wandels durch Digitalisierung und Globalisierung ist es für viele Menschen schwierig, Grundvertrauen in die Berechenbarkeit der Welt aufrechtzuerhalten ... Im Kern ist die Revolte gegen die Vernunft die Folge der Vertrauenspanik, ausgelöst durch Einsamkeit, Überforderung und eine tiefe Enttäuschung. Flankiert von Offenheit für extreme und destruktive Erzählungen, die den Selbstschutz und das eigene Bauchgefühl über alles andere stellen - inklusive des Lebens anderer Menschen" (S. 181/182).

Sparwut und Sanierungsstaus im öffentlichen Bereich (bauliche und digitale Infrastruktur, Fachpersonal) hätten - so Sascha Lobo mit Recht - die Substanz des Landes "massiv beschädigt" und damit auch das Vertrauen in die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit des Landes drastisch reduziert: "Die große Vertrauenskrise ist nicht zuletzt, sondern fast zuerst eine herbeigesparte Krise. Vertrauen in den Staat und die in ihn lenkende Politik setzt schlicht voraus, dass offensichtliche Missstände behoben werden" (S. 223). Auch in der Generationenfrage habe die aktuell herrschende, überalterte Gesellschafts-Elite über die Köpfe junger Menschen hinwegregiert und mit einem "Verrat an der Jugend" versagt, indem sie z.B. die Erziehungs- und Bildungslandschaft (digital wie nicht digital) "bedauernswerter Weise heruntergewirtschaftet", das Thema Altersvorsorge und -sicherung vertagt und die sich abzeichnende Klimakrise sträflich unterschätzt habe. Selten in der Geschichte der Menschheit hätten sich meisten Älteren einerseits sehr fürsorglich um ihre Nachfahren gekümmert, aber gleichzeitig seien sie nicht in der Lage, politische Veränderungen für eine bessere Zukunft zu schaffen und setzten die Zukunft ihrer Kinder aufs Spiel. Sascha Lobo formuliert lakonisch: "Sie haben das Vertrauen der Jugend gegen Hochleistungsdieselmotoren und Erdbeeren im Winter eingetauscht" (S. 253).

In einem "Bewältigungskompass" zur Gewinnung eines "Neuen Vertrauens" schlägt er im Schlusskapitel seines Bandes ein Bündel von Maßnahmen und Verhaltensregeln vor, u.a. einen neuen Generationenvertrag, Transparenz, Vernetzung, Ambiguitätstoleranz, Kollaboration und fortwährende Fehlerkorrektur. Die von Sascha Lobo vorgeschlagenen Lösungsvorschläge sind löblich, greifen aber zu kurz, da Zufriedenheit mit der Demokratie wesentlich auch davon abhängt, ob die Ergebnisse der Politik als gerecht und angemessen erlebt und empfunden werden. Eine Politik, die auf mehr Verteilungsgerechtigkeit und sozialen Ausgleich setzt, kann auch das Vertrauen in die Demokratie wieder steigern. So forderte nach der eingangs erwähnten Studie der FES eine deutliche Mehrheit der Befragten beispielsweise höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen und mehr direkte Beteiligungsmöglichkeiten bei der politischen Gestaltung.


Sascha Lobo
Die große Vertrauenskrise
Ein Bewältigungskompass
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2023
318 Seiten
25 Euro

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Quelle:
© 2023 by Klaus Ludwig Helf
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 12. Dezember 2023

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