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ITALIEN/483: EU-Wettbewerbsaufsicht entscheidet bald über Lufthansa-Einstieg bei Italiens ITA Airways (Gerhard Feldbauer)


Aufatmen bei Lufthansa

EU-Wettbewerbsaufsicht will bis Ende Januar über Einstieg bei Italiens ITA Airways entscheiden

von Gerhard Feldbauer, 11. Januar 2024


Nachdem die EU-Wettbewerbsaufsicht im Rahmen ihres Kartellverfahrens ursprünglich über die Freigabe des Einstiegs der Lufthansa bei der staatlichen Airline Italiens ITA Airways erst im April entscheiden wollte, hat die Behörde nach Zugeständnissen des Kranich-Konzerns jetzt zugesagt, die Überprüfung vorzuverlegen und bis 29. Januar über die Freigabe des Einstiegs zu entscheiden. Auch die italienische Regierung hatte wiederholt auf eine schnelle Entscheidung in Brüssel gedrängt. Ein Lufthansa-Sprecher betonte gegenüber der Plattform airliners: "Im Rahmen dieser Prüfung stehen wir weiterhin mit allen Beteiligten im engen und konstruktiven Austausch." Italiens Minister für Wirtschaft und Made in Italy, Adolfo Urso, zeigte sich optimistisch und äußerte, "ich bin zuversichtlich, dass es positiv enden wird". Den Teilverkauf der nationalen Airline nannte er die Bildung eines "effizienteren Unternehmens im Rahmen einer internationalen Vereinbarung mit einem der größten globalen Unternehmen", wie es die "Lufthansa tatsächlich" ist. Das Quotidiano Nazionale vermerkt dagegen, dass es sich um eine "vorläufige Frist" handelt und die Kommission ihre eingehenden Untersuchungen auch fortsetzen und zur Phase 2 übergehen könnte, wofür weitere 90 Arbeitstage vorgesehen wären. Sollte Letzteres eintreten, müssten wir bis Ende Mai warten, um das Schicksal der italienisch-deutschen Operation zu erfahren.

Während Details über die Zugeständnisse nicht bekannt sind, wird davon ausgegangen, dass es bei den 325 Millionen Euro bleibt, mit dem die Lufthansa in einem ersten Schritt 41 Prozent der Anteile übernehmen will. 2025 könnte das Unternehmen weitere 49 Prozent übernehmen. Entgegen der Absicht der Lufthansa, die italienische staatliche Beteiligung auszuschalten, hat Italien sich bisher durchgesetzt und will seine Anteile halten.

Zur Diskussion stehen dürfte eine Entflechtung an Flughäfen, an denen die Lufthansa durch den Zusammenschluss ihre Positionen stärken würde. Das beträfe vor allem den Flughafen Mailand-Linate und den römischen Flughafen Fiumicino. Da Lufthansa in Frankfurt und München keine Kapazitäten zur Abfertigung weiterer Passagiere hat, hofft ITA Airways, dass ihre Passagiere weiterhin direkt aus Italien in die Vereinigten Staaten fliegen und Fiumicino/Rom das südlichste Drehkreuz im Lufthansa-Netzwerk für Lateinamerika und Afrika wird, weil es anderthalb Stunden näher an der südlichen Hemisphäre liegt als andere Knotenpunkte. Zu sehen ist dabei, dass Lufthansa, zu der bereits Eurowings, Austrian Airlines, Brussels Airlines und Swiss gehören, mit ITA Airways ihre Position auf ihrem wichtigsten europäischen Auslandsmarkt stärkt, zum führenden Unternehmen der Branche wird und auf längere Sicht bei ITA Airways Mehrheitseigner werden will.

Mit der Übernahme durch Lufthansa geht ein unrühmliches, heftig umstrittenes Kapitel zu Ende, in dem die EU im Konkurrenzkampf von Anfang an die Airline ihrer Führungsmacht, die deutsche Lufthansa, bevorzugte, was ihr früherer EZB-Chef Draghi, als er im Januar 2021 Regierungschef wurde, rücksichtslos durchsetzte. Unter Draghi wurde die traditionelle Alitalia zerschlagen und daraus die geschrumpfte ITA Airways gebildet, die mit nur noch der Hälfte der Maschinen kein konkurrenzfähiges Unternehmen ist. Von den 12.000 Alitalia-Beschäftigten wurden rund 8.000 auf die Straße gesetzt. Fast 4.000 von ihnen warten heute noch immer auf die ihnen damals zugesagte Übernahme. Draghis Nachfolgerin, die Ministerpräsidentin der faschistischen Koalition Giorgia Meloni, die im Wahlkampf versprochen hatte, die ITA Airways werde nicht verkauft, setzte diesen Kurs nach ihrem Regierungsantritt im Oktober 2022 wortbrüchig fort. Konkurrenten wie der US-Fonds Certares, Air France-KLM und Delta Airlines, die ebenfalls antraten, hatten keine Chancen.

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Quelle:
© 2024 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 12. Januar 2024

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