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MEMORIAL/225: Zum 130. Geburtstag Antonio Gramscis - ein Leninist klassischen Typs (Gerhard Feldbauer)


Ein Leninist klassischen Typs, Vertreter des Konzepts der Weltanschauungspartei

Zum 130. Geburtstag Antonio Gramscis

von Gerhard Feldbauer, 25. Januar 2021



Foto: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Antonio Gramsci um 1920
Foto: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Wenn es um die Suche geht, nach der Niederlage 1989/90 einen Weg zu einem neuen sozialistischen Anlauf zu finden als auch der wachsenden faschistischen Gefahr entgegenzutreten, kann es keinen besseren Ratgeber als Antonio Gramsci geben, dessen 130. Geburtstag wir am 22. Januar 2021 begehen. [1] Leistete er doch nach der Niederlage der Linken in den revolution√§ren Nachkriegsk√§mpfen 1919/20 und der Errichtung der faschistischen Diktatur unter Mussolini im Oktober 1922 einen gewaltigen Beitrag zur Verbreitung und Anwendung des Marxismus-Leninismus, der die von ihm am 21. Januar 1921 mitbegr√ľndete kommunistische Partei f√ľr den Kampf gegen die faschistische Herrschaft r√ľstete. Er war keineswegs nur ein Theoretiker, sondern ebenso ein Mann der revolution√§ren Praxis.


Das Konzept der Weltanschauungspartei

Entgegen gern verbreiteten Meinungen, er habe sich von Lenin distanziert, war Gramsci "ein Theoretiker der III. Internationale, ein Leninist klassischen Typs, der Vertreter des Konzepts der Weltanschauungspartei", mit dem er uns gerade heute noch "viel zu sagen hat", schrieb Hans Heinz Holz 1991 anlässlich seines 100. Geburtstages. Alle Fragen, mit denen sich Gramsci beschäftigte, sind damit verbunden.

Gramsci geh√∂rte zu den f√ľhrenden K√∂pfen der revolution√§ren Linken in der Italienischen Sozialistischen Partei, die w√§hrend des Ersten Weltkrieges durchsetzten, dass diese als einzige westeurop√§ische Sektion der II. Internationale Antikriegspositionen bezog. Im August 1917 trat er als einer der Organisatoren an die Spitze des Aufstandes der Turiner Arbeiter gegen Hungersnot und f√ľr Frieden. Der reformistisch beherrschte Vorstand der Italienischen Sozialistischen Partei (ISP) wurde abgesetzt und eine neue Leitung mit Gramsci an der Spitze gew√§hlt. Erst nach viert√§gigen Barrikadenk√§mpfen, bei denen Hunderte Arbeiter get√∂tet, noch viel mehr verwundet und Tausende verhaftet wurden, gelang es der Armee, die Erhebung niederzuschlagen.

Die linke Fraktion dominierte noch in der Anfangsphase der revolution√§ren Nachkriegsk√§mpfe die ISP. Deshalb versuchte Gramsci zun√§chst, in der Partei den Bruch mit dem Opportunismus durchzusetzen und sie in eine revolution√§re, was hie√ü kommunistische, umzuwandeln. Ausgehend von der Rolle, die Lenin einer Zeitung bei der Schaffung einer marxistischen Partei in Russland als kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator beigemessen hatte [2], gr√ľndete Gramsci mit weiteren Linken die Zeitschrift Ordine Nuovo, deren erste Ausgabe am 1. Mai 1919 erschien. Die Zeitschrift spielte mit den um sie gescharrten Kommunisten eine gro√üe Rolle bei der Verbreitung der kommunistischen Ideen und bekannte sich zur Kommunistischen Internationale (KI). Ihr revolution√§rer Einsatz kam insbesondere bei der Besetzung aller Gro√übetriebe Norditaliens, der Bildung von Fabrikr√§ten und der Aufstellung bewaffneter Roter Garden zum Ausdruck.

Auf dem XVII. Parteitag der ISP, der am 15. Januar 1921 in Livorno zusammentrat, forderten die Ordinuovisten den Ausschluss der Reformisten aus der Partei. Als die Zentristen das ablehnten, verlie√üen sie den Parteitag und konstituierten sich am 21. Januar zur Kommunistischen Partei. [3] Nach der Parteigr√ľndung setzte Gramsci sich zun√§chst mit dem Linkssektierertum und der Massenentfremdung der F√ľhrungsgruppe um Amadeo Bordiga auseinander. Nachdr√ľckliche Impulse dazu vermittelte die Matteotti-Krise [4] 1924/25, die das Mussoliniregime an den Rand des Sturzes brachte. Dass er nicht gelang, war wesentlich darauf zur√ľckzuf√ľhren, dass Gramscis Linie in der Partei noch keinen Widerhall gefunden hatte. Die Italienische Kommunistische Partei (IKP) forderte eine Arbeiter- und Bauernregierung, was die b√ľrgerliche Opposition ausschloss.


Graphik: Isaak Brodsky, Public domain, via Wikimedia Commons

Amadeo Bordiga, erster Vorsitzender der Kommunistischen Partei Italiens - Zeichnung des sowjetischen K√ľnstlers Isaak Brodsky von 1920
Graphik: Isaak Brodsky, Public domain, via Wikimedia Commons

Gramsci erarbeitete als erster in der kommunistischen Weltbewegung eine Analyse des an die Macht gekommenen Faschismus. [5] Er legte die Widerspr√ľche innerhalb der herrschenden Kreise blo√ü und sch√§tzte ein, dass der "Faschismus als Instrument einer Industrie-Agraroligarchie (handelt), um in den H√§nden des Kapitals die Kontrolle des gesamtem Reichtums des Landes zu konzentrieren." Er hielt fest, dass "die herrschende Klasse in den kapitalistisch hochentwickelten L√§ndern politische und organisatorische Reserven besitzt, die sie z. B. in Russland nicht hatte", so auch "schwerste Wirtschaftskrisen keine unmittelbare R√ľckwirkung auf das politische Leben" hatten. Das schloss ein, dass die Frage der proletarischen Revolution zun√§chst nicht mehr auf der Tagesordnung stand, die Arbeiterklasse ihre "politische Hegemonie" auf der Grundlage der Freiwilligkeit und √úberzeugung erringen musste, ihr Masseneinfluss voraussetzte, das Sektierertum zu √ľberwinden.


Die Konzeption des "Historischen Blocks"

In seiner These vom "Historischen Block" entwickelte Gramsci ein System von B√ľndnissen der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft, den Mittelschichten und der Intelligenz, in dem er dem Zusammengehen mit den katholischen Volksmassen einen hohen Stellenwert beima√ü. Er ging von Lenins Hinweisen f√ľr die italienischen Kommunisten auf dem III. KI-Kongress aus, dass Grundlage daf√ľr sein m√ľsse, dass die Partei "die Massen", die "Mehrheit der Arbeiterklasse" gewinnt. [6] Er betonte, dass die b√ľrgerlichen B√ľndnispartner des "Historischen Blocks" eigene politische Ziele verfolgten, was Zugest√§ndnisse erfordere. Gleichzeitig erkl√§rte er, was heute meist √ľbersehen wird, es m√ľsse sich um einen "ausgeglichenen Kompromiss" handeln, bei dem die Zugest√§ndnisse der KP "nicht das Wesentliche", n√§mlich "die entscheidende Rolle (...), die √∂konomischen Aktivit√§ten der f√ľhrenden Kraft" betreffen d√ľrften, worunter er die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft und die Herstellung einer sozialistischen Ordnung verstand. [7] Gramsci verband den Kampf f√ľr den Sozialismus mit der Verteidigung bzw. der Eroberung der b√ľrgerlichen Demokratie. Seine Konzeption wurde Bestandteil der "Thesen von Lyon", die der Parteitag 1926 als Parteiprogramm beschloss und Gramsci an Stelle Bordigas zum Generalsekret√§r w√§hlte.


Sozialfaschismusthese abgelehnt

Gramsci lehnte die auf dem VI. KI-Kongress aufgestellte Sozialfaschismusthese ab, was dazu f√ľhrte, dass die IKP die Sozialdemokratie als Teil der Arbeiterbewegung anerkannte. Ohne diese Haltung w√§re es der Partei nicht m√∂glich gewesen, die ISP 1934 f√ľr ein Aktionseinheitsabkommen zu gewinnen, das im Juli 1937 w√§hrend des gemeinsamen Kampfes zur Verteidigung der Spanischen Republik mit einem antiimperialistischen Bekenntnis vertieft wurde. [8]

F√ľr die Verwirklichung der Konzeption Gramscis reiften in den 30er Jahren die Bedingungen heran, die im Juli 1943 zum Sturz Mussolinis und danach im April 1944 zum Eintritt der Kommunisten und Sozialisten mit der Democrazia Cristiana (DC) und anderen b√ľrgerlichen Oppositionsparteien in die Regierung des fr√ľheren Mussolini-Marschalls Badoglio f√ľhrte, die damit den Charakter einer antifaschistischen "Koalition des Krieges" gegen Hitlerdeutschland annahm. Erst jetzt wurde eigentlich deutlich, welch √ľberragende Bedeutung die theoretische Leistung Gramscis darstellte.

Unter Bruch seiner Immunität als Abgeordneter wurde Gramsci 1926 verhaftet und im Juni 1928 zu 20 Jahren Kerker verurteilt. Im Gefängnis erarbeitete er ein ungeheures Pensum an theoretischen Erkenntnissen, orientiert auf den praktischen revolutionären Kampf.


Foto: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Antonio Gramsci im Alter von 15 Jahren
Foto: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons


Mit √ľbermenschlicher Willenskraft

Gramsci, der einen Buckel hatte und von zwergenhafter Gestalt war, litt von fr√ľher Kindheit an unter einer schwachen Gesundheit. Mit welch geradezu √ľbermenschlicher Willenskraft er arbeitete, hat der Historiker Giuseppe Fiori in "Das Leben des Antonio Gramsci" (Berlin 2013) geschildert. Gramsci befand sich schon seit 1933 "in einem Prozess des langsamen Sterbens", schreibt Fiori. "Seine Z√§hne waren ausgefallen und er hatte ein schmerzhaftes Magenleiden. Fortschreitende Lungentuberkulose, Arterieosklerose und Pott'sche Krankheit (eine tuberkul√∂se Wirbels√§ulenentz√ľndung) verursachten unertr√§gliche Schmerzen." Mit der abgelehnten medizinischen Betreuung und der Weigerung, ihn in ein Gef√§ngniskrankenhaus zu verlegen, betrieb das Mussolini-Regime systematisch die Ermordung Gramscis. Ohne √§rztliche Hilfe "starb er unter schrecklichen Qualen einen langsamen Tod". Versuche, ihn zu einem Gnadengesuch zu bewegen, die nicht nur von Mussolini, sondern auch von seiner Familie und Freunden ausgingen, lehnte Gramsci entschieden ab, da er darin eine Distanzierung vom antifaschistischen Widerstand und eine Auswirkung auf dessen Kampfkraft sah. Trotz dieses Krankheitszustandes arbeitete Gramsci weiter. Aus dem Jahr 1933 stammen die Gef√§ngnishefte 1 (Notizen zu verschiedenen Themen), 2 (Grundlagen der Politik), 4 und 22, (Verschiedenes). [9]

Entgegen g√§ngigen Meinungen, Moskau habe nichts zur Rettung Gramscis getan, f√ľhrt Fiore an, dass von der UdSSR durch den Volkskommissar f√ľr Ausw√§rtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow, √ľber den italienischen Botschafter in Moskau ein Austausch Gramscis versucht wurde, was Mussolini "schroff abgelehnt" habe.

Fiori geht auch auf die problematische Ehe Gramscis mit Giulia Schucht ein, die er während seines Aufenthaltes als Delegierter bei der Komintern 1922/23 kennenlernte, heiratete und mit der er zwei Söhne hatte. "Er war 31 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt", schreibt Fiori, der darlegt, dass Giulia nicht dazu fand, Antonio in den letzten und schwersten Jahren seines Lebens im Kerker auch nur annähernd beizustehen und ihm ein Trost zu sein. Vergeblich wartete Gramsci auf einen Besuch von ihr im Gefängnis, ja oft erhielt er monatelang nicht einmal Post von ihr.

Der Haltung Giulias stellte Fiore die entgegengesetzte ihrer Schwester Tanja gegen√ľber, die in Italien verblieb und Gramsci aufopferungsvoll zur Seite stand, ihn im Gef√§ngnis besuchte, Literatur besorgte und alles tat, um sein schweres Los etwas zu erleichtern. Menschlich tief ergreifend sind auch die einf√ľhlsamen Briefe Gramscis an seine S√∂hne zu lesen (Delio hat er nie gesehen), die er ihnen bis kurz vor seinem Tod schrieb. [10]

Anfang April 1937 wurde der bereits vom Tod gezeichnete Gramsci im Ergebnis einer internationalen Protestbewegung (Teilnehmer Romain Rolland und Henri Barbusse) aus dem Gefängnis entlassen. Er verstarb am 27. April 1937.


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Julia Schucht mit den Söhnen Delio (geb. 1924) and Giuliano (geb. 1926)
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Anmerkungen:

[1] Es bedarf wohl keiner Erw√§hnung, dass das sch√∂pferisches Herangehen Beachtung der heute grunds√§tzlich unterschiedlichen Kampfbedingungen voraussetzt.

[2] LW, Bd. 5, Berlin/DDR, 1958, S. 9 ff.

[3] Sie nannte sich Kommunistische Partei Italiens, Sektion der KI. Nach Aufl√∂sung der Komintern f√ľhrte sie ab 1943 den Namen Italienische Kommunistische Partei (PCI).

[4] Benannt nach dem F√ľhrer der Partei der Einheitssozialisten, der die Verbrechen Mussolinis entlarvte und daraufhin am 10. Juni 1924 von einem Mordkommando entf√ľhrt und umgebracht wurde.

[5] Diese historisch bedeutsame Leistung hat Palmiro Togliatti in seinem Referat auf dem VII. Kongress der KI im August 1935 (siehe seine Ausgew√§hlten Reden und Aufs√§tze, Berlin/DDR, 1977) mit keinem Wort erw√§hnt. Da Gramsci - im Gegensatz zu Lenin, der sein Wirken in der Komintern hoch gesch√§tzt hatte - bei Stalin vor allem wegen seiner Ablehnung der Sozialfaschismusthese (s.w.u.) nicht gut angesehen war, wagte Togliatti das offensichtlich nicht.

[6] LW, Bd. 32, Berlin/DDR 1961, S. 491 ff.

[7] Gramsci: Quaderni del Carcere, Turin 1975.

[8] Palmiro Togliatti: Il Partito Comunista Italiano, Rom 1961, S. 81.

[9] Gramsci: Gef√§ngnishefte, Turin 1975.

[10] Gramsci: Gedanken zur Kultur, Leipzig 1987, S. 115 ff.

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Quelle:
© 2021 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors


veröffentlicht im Schattenblick zum 2. Februar 2021

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