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MEMORIAL/267: Italiens Übergang auf die Seite der Antihitlerkoalition Teil II - Soldatenwiderstand in der Mussolini-Armee (Gerhard Feldbauer)


Italiens Übergang auf die Seite der Antihitlerkoalition - Teil II [1]

Der Widerstand der Soldaten der Mussoliniarmee
Die blutige Rache der Hitlerwehrmacht

von Gerhard Feldbauer, 24. November 2023


Nach der Okkupation Nord- und Mittelitaliens durch die Hitlerwehrmacht mit 30 Divisionen am 8. September 1943 begann die Entwaffnung der italienischen Streitkräfte. Etwa 200.000 italienische Soldaten und Offiziere, darunter Teile einer Armee und über zehn Divisionen, widersetzten sich in Italien sowie auf dem Balkan und Korsika in zum Teil über zwei Monate dauernden erbitterten Kämpfen der Entwaffnung. [2]


Der Untergang der ARMIR

Grundlagen des Widerstandes in der Mussoliniarmee hatte u. a. der Untergang der italienischen Ostarmee im November/Dezember 1942 am Donez gelegt. Gemäß dem mit Hitler 1939 geschlossenen "Stahlpakt" musste Mussolini nach dem Überfall auf die UdSSR der Wehrmacht Hilfsdienste leisten. Dazu schickte der "Duce" die als Armata Italiana in Russia (ARMIR) bezeichnete VIII. Armee mit etwa 230.000 Mann an die Ostfront. Sie sollte die schweren deutschen Verluste in der Schlacht vor Moskau und beim Vordringen auf Stalingrad ausgleichen. Zusammen mit den Satelliten-Verbänden aus Ungarn und Rumänien hatte die ARMIR im Bestand der Heeresgruppe B am Don einen 270 Kilometer breiten Frontabschnitt zu halten. An dem für ihre Personalstärke viel zu breiten Abschnitt traf sie die volle Wucht der zur Entlastung der Stalingrader Front am 19. November 1942 einsetzenden sowjetischen Gegenoffensive am Don. Als die Reste der 6. deutschen Armee von Paulus zwischen dem 31. Januar und dem 2. Februar 1943 im Kessel von Stalingrad kapitulierten, hatte die ARMIR schon sechs Wochen vorher deren Schicksal ereilt. Sie wurde zwischen dem 11. und 22. Dezember bei eisiger Kälte in die verschneite Donezsteppe getrieben, dort eingekesselt und größtenteils vernichtet. [3]

Der italienische Generalstab, in dessen Kreisen Offiziere mit Marschall Pietro Badoglio an der Spitze bereits erwogen, aus der faschistischen Achse auszubrechen, verfasste dazu einen Bericht. Er besagte, dass die Wehrmacht die Italiener während des schrecklichen Rückzuges in der verschneiten Steppe erbarmungslos ihrem Schicksal überließ, dass die deutschen "Verbündeten" den Italienern "stets jegliche Hilfe versagten, sich aller verfügbaren Kraftfahrzeuge bemächtigten, unsere Verwundeten ohne Transportmittel, ohne Nahrungsmittel und ohne erforderliche Versorgung zurückließen". [4] Der Bericht, der unter Soldaten und Offizieren bekannt wurde, steigerte die latent vorhandenen antideutschen Ressentiments zum regelrechten Hass auf die deutschen "Verbündeten" und gab antifaschistischen Stimmungen Auftrieb. Sie wurden durch die Palastrevolte, die Mussolini am 26. Juli 1943 stürzte, verstärkt.


Hitlerwehrmacht "völlig überrascht"

Die Hitlerwehrmacht wurde von dem Widerstand italienischer Offiziere und Soldaten "völlig überrascht", denn für Hitler waren die Italiener, wie er in seinen Monologen im Führerhauptquartier 1941-1944 niederschrieb, "keine echten Soldaten". [5] Für Feldmarschall Erwin Rommel, den Goebbels in seinen Tagebüchern (Bd. 4) zitierte, "kein Kriegsvolk". Dieser Widerstand gegen die deutsche Okkupation offenbarte, dass es Mussolini nicht gelungen war, sich mit der königlichen Armee und der Militärführung ein mit der Hitlerwehrmacht vergleichbares, willfähriges und bedingungslos dem Kadavergehorsam unterworfenes Instrument zu schaffen. Die gegenüber den italienischen Soldaten und Offizieren eingenommene Herrenmenschenposition der Hitlerfaschisten und ihrer Wehrmacht führte nach Mussolinis Sturz und dem Einfall der deutschen Truppen am 8. September, verbunden mit der Aufforderung an die Italiener, die Waffen niederzulegen und sich gefangenzugeben, zu einem eruptiven Ausbruch der immer latent vorhanden gewesenen antideutschen Ressentiments.

In Rom bezogen vier Divisionen Stellung gegen die deutschen Truppen. An ihrer Seite zogen bereits die ersten Kommunisten an der Porta San Paolo ins Gefecht. General Eisenhower, der Oberkommandierende im Mittelmeer, der versprochen hatte, zu ihrer Unterstützung die 82. US-Luftlandedivision abzusetzen, brach sein Versprechen und die Italiener stellten nach vier Tagen den Kampf ein. Die italienischen Kriegsschiffe liefen von verschiedenen Häfen nach Malta aus. Der Kommandant des Schlachtschiffes "Roma", Admiral Bergamini, weigerte sich auf der Höhe von Maddalena angesichts deutscher Luftangriffe zu kapitulieren und ging mit 1.500 Mann der Besatzung unter. [6]


Über zwei Monate mit Briten und Griechen die Ägäis-Insel Samos verteidigt

Den Flottenstützpunkt auf Leros, einer der kleinsten Inseln der Dodekanes, verteidigte die italienische Besatzung zusammen mit britischen Truppen bis zum 16. November und fügte den Wehrmachtstruppen schwere Verluste zu. Bis zum 22. November hielt die italienische Division "Cuneo" zusammen mit Briten und Griechen die griechische Insel Samos in der Ägäis, bevor sie sich auf das türkische Festland zurückzog.


Rommel befahl "rücksichtsloses Vorgehen"

Nach der Kapitulation der Italiener nahm die Hitlerwehrmacht blutige Rache. Zusammen mit Feldmarschall Kesselring, dem Oberbefehlshaber im Mittelmeerraum, befahl Feldmarschall Erwin Rommel, Befehlshaber der Heeresgruppe B in Italien, die blutigen Massaker. Kesselring wies gegenüber den früheren Verbündeten "rücksichtsloses Vorgehen" und "gegen Verräter keine Schonung" an. Ein britisches Militärgericht verurteilte Kesselring nach dem Krieg unter anderem wegen der Kriegsverbrechen in Italien zum Tode. [7]

Feldmarschall Rommel stand Kesselring in nichts nach. Er, von dem Goebbels sagte, "kaum ein General ist so durchdrungen von der Wichtigkeit des Propagandaeinsatzes", unterschrieb eine kriegsverbrecherische Weisung folgenden Inhalts: "Irgendwelche sentimentalen Hemmungen des deutschen Soldaten gegenüber Badogliohörigen Banden in der Uniform des ehemaligen Waffenkameraden sind völlig unangebracht. Wer von diesen gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt, das plötzlich seine Waffen gegen seinen Freund wendet. Diese Auffassung muss beschleunigt Allgemeingut aller deutschen Truppen werden."


Offiziere vor versammelter Truppe enthauptet

Gemäß dieser Weisungen bezahlten Hunderttausende italienische Soldaten ihren Widerstand gegen die Okkupation mit dem Tod oder der Deportation nach Deutschland. In Italien wurden 11.482 gefangene Soldaten und Offiziere ermordet, darunter fast alle Kommandeure, mehrere im Generalsrang. Besonders erbitterte Kämpfe hatten auf der griechischen Insel Kefalonia stattgefunden, wo die Infanteriedivision "Acqui" mehrere Tage die Angriffe der Wehrmachtstruppen immer wieder abwehrte. Erst den nach Kefalonia verschifften Einheiten der 1. Gebirgsjägerdivision "Edelweiß" gelang es, mit massiver Luftunterstützung und überlegener Artillerie den Widerstand der geschwächten Italiener vom 20. bis 22. September zu brechen. In Gefangenschaft wurden danach von den Gebirgsjägern der Divisionskommandeur und 150 Offiziere sowie 4.750 Mann niedergemetzelt.

Gerhard Schreiber, einer der renommiertesten deutschen Militärhistoriker, führte in seinem Buch "Deutsche Kriegsverbrechen in Italien" (München 1996) Beispiele an, wie die Weisungen Kesselrings und Rommels ausgeführt wurden. Der Kommandeur der Division Perugia, General Ernesto Chiminello, dessen Einheiten die süditalienische Hafenstadt Saranda verteidigt hatten, wurde mit 120 seiner Offiziere, nachdem sie den Kampf eingestellt hatten, bestialisch umgebracht. Nach Augenzeugenberichten enthauptete man zahlreiche Offiziere vor versammelter Truppe. Der vom Körper getrennte Kopf des Generals wurde wie eine "blutige Trophäe" zur Schau gestellt. 60 der ermordeten Offiziere seien in Säcke eingenäht und im Meer versenkt worden. Schreiber hält fest, dass "die Erschießung kriegsgefangener Offiziere sich nur als Mord bezeichnen lässt" und es sich "stets und zweifelsfrei um ein Verbrechen" handelte. Er verweist auf den internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, der feststellte, die italienischen Truppen, die sich der Entwaffnung durch die Wehrmacht widersetzten, "erfüllten hinsichtlich ihres Status als Kriegführende alle Bedingungen der Haager Konvention". [8]

In Salerno wurde der Kommandeur einer Küstendivision, General Ferrante Gonzaga, nachdem er sich nach dem 8. September geweigert hatte, seinen Soldaten zu befehlen, die Waffen zu übergeben, erschossen. Auch in den von Italien besetzten Gebieten Jugoslawiens lehnten die italienischen Divisionen in Montenegro und Dalmatien die Kapitulation ab und kämpften gegen die deutschen Truppen. In Zadar verteidigten Einheiten der Division "Bergamo" mit jugoslawischen Partisanen die Stadt bis zum 27. September. Nachdem die Wehrmachtseinheiten den Widerstand gebrochen hatten, wurden die Generäle Fulgosi, Pelligra, Poligardi und 46 Offiziere erschossen. [9] In Split schlossen sich 350 Mann den Partisanen an und bildeten das erste Bataillon "Garibaldi". In Montenegro schlossen sich Einheiten der Divisionen "Venezia" und "Taurinense" den Partisanen an und bildeten nach gemeinsamen Kämpfen am 2. Dezember 1943 die Division "Garibaldi". Später vereinigte sie sich mit dem Bataillon "Matteotti" zur Division "Italia". [10]

In Albanien verweigerte der Kommandeur der Division "Firenze", General Arnaldo Azzi, die Entwaffnung und stellte es seinen Soldaten und Offizieren frei, Widerstand zu leisten oder sich zu ergeben. Alle Angehörigen der Division - 200 Offiziere mit dem Kommandeur der Infanterie, General Piccini, an der Spitze und die über 10.000 Soldaten - erklärten zu kämpfen. Drei Tage widersetzten sie sich den überlegenen Kräften der Wehrmacht, zogen sich dann zurück und schlossen sich den albanischen Partisanen an. U. a. bildeten sie unter dem Unteroffizier Terzilo Cardinali das Bataillon "Antonio Gramsci".

Als sich die über 600.000 in Gefangenschaft nach Deutschland verbrachten italienischen Soldaten überwiegend weigerten, in Mussolinis Salò-Republik an der Seite der Wehrmacht weiter zu kämpfen, wurden 30.000 von ihnen umgebracht und über 60.000 in Konzentrationslager verschleppt.


Königstochter starb im KZ Buchenwald

Der Terror des Hitlerfaschistischen Besatzungsregimes machte auch weiterhin vor italienischen Militärs und selbst Mitgliedern der Königsfamilie nicht halt. Zu den im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom ermordeten 335 Geiseln gehörten die Generäle Simoni, Fenulli und Castaldi sowie der Oberst Montezemolo, die antifaschistische Positionen bezogen hatten. [11] Um sich an Vittorio Emanuele zu rächen, ließ Hitler dessen Tochter Mafalda von Savoyen in die deutsche Botschaft in Rom locken und festnehmen. Sie wurde in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, wo sie ums Leben kam. [12]

An den Kriegsverbrechen an Italienern beteiligte Offiziere der Wehrmacht konnten ihre Karriere unbeschadet in der Bundeswehr oder anderswo fortsetzen. Karl Wilhelm Thilo, erster Generalstabsoffizier der 1. Gebirgsdivision "Edelweiß" der Wehrmacht, die nach Gründung der Bundeswehr unter demselben Namen übernommen wurde, schaffte es bis zum Drei-Sterne-General. Major Reinhold Klebe, unter dessen Kommando in Kefalonia, wie Schreiber in seinem Buch aufgrund der Quellenlage schlussfolgert, circa 400 Gefangene exekutiert wurden, brachte es als Oberstleutnant bis zum Standortältesten von Mittenwald. In der Zeitschrift "Die Gebirgstruppe" konnte er den Einsatz in Kefalonia "als eine große Leistung deutscher Truppen im Gebirgskrieg" rühmen. Der kommandierende General des XXII. Gebirgsjägerkorps der Wehrmacht, zu dem die "Edelweiß"-Division gehörte, Hubert Lanz, wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren verurteilt, von denen er nur fünf verbüßte. Er wurde sicherheitspolitischer Berater der FDP. Wie unzählige in der Hitlerwehrmacht Verantwortliche für Kriegsverbrechen gingen auch die Gebirgsjäger straffrei aus. Zwar wurde gegen rund 300 Täter aus ihren Reihen ermittelt, aber schon 1972 wurden sämtliche Verfahren eingestellt.

Demnächst erscheint Teil III:
Der "rassisch minderwertige" Verbündete


Anmerkungen:

[1] Teil I: "Die Kriegserklärung am 13. Oktober 1943 an Hitlerdeutschland - Der Nationale Befreiungskrieg" erschien 80 Jahre später, am 13. Oktober 2023, in der Online-Ausgabe des Schattenblick:
www.schattenblick.de → Infopool → Geisteswissenschaften → Geschichte → MEMORIAL/265: Italiens Übergang auf die Seite der Antihitlerkoalition Teil I - Kriegserklärung an Hitlerdeutschland (Gerhard Feldbauer)

[2] Pietro Secchia/Filippo Frassati: Storia della Resistenza. La Guerra di Liberazione in Italia 1943 - 1945, 2 Bände. Rom 1965, Bd. I, S. 88 ff.

[3] Gerhard Förster, Heinz Helmert, Helmut Schnitter: Der Zweite Weltkrieg. Berlin/DDR 1972, S. 227 ff.

[4] Roberto Battaglia/Giuseppe Garritano: Der italienische Widerstandskampf 1943 bis 1945. Berlin/DDR, 1964, S. 15 f.

[5] Herausgegeben von Werner Jochmann, Hamburg 1980.

[6] Battaglia/Garritano, S. 37.

[7] Das Urteil wurde auf lebenslange Haft reduziert. Im Rahmen der Einbeziehung des Wehrmachtspotenzials in die NATO wurde er 1952 begnadigt.

[8] Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien. München 1996, S. 20 ff, 45 ff, 71 f.

[9] Battaglia/Garritano, S. 41 f.

[10] Ebd., S. 39 ff.

[11] Ebd., S. 99 ff. Siehe auch Guido Gerosa: Il caso Kappler. Mailand 1977.

[12] Jobst Knigge: Prinz Philipp von Hessen - Hitlers
Sonderbotschafter in Italien. Berlin 2009, S. 85.

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Quelle:
© 2023 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 12. Dezember 2023

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