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OSSIETZKY/1177: Mit J. Fischer in den Kalten Krieg


Ossietzky - Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft
Nr. 25 vom 23. Dezember 2023

Mit J. Fischer in den Kalten Krieg

von Hans-Peter Waldrich


Irgendwie lebe ich von der Hoffnung, die Menschheit würde klug werden. Ich muss diese Empfindung aus der 1968er-Zeit mitgebracht haben. Wir waren jung und angetreten zur Umkehr. Die fürchterlichen Irrwege unserer Eltern wollten wir nicht noch einmal gehen. Noch lagen die Innenstädte zum Teil in Trümmern. Doch da entstand ein neues, noch viel lauteres Säbelrasseln, ein atomares. Die Mächte versicherten öffentlich, sich gegenseitig vernichten zu wollen. Mutually assured destruction nannte sich das, abgekürzt und sinnig: MAD. Wir jungen Leute wussten also: Man hatte es auch auf uns abgesehen. Während viele unserer Väter "gefallen" waren, blühte nun auch uns ein ähnliches Schicksal. Für mich war diese frühe Erfahrung gleichbedeutend mit dem Wissen, dass die Erwachsenen schlicht unzurechnungsfähig waren. Ich wandte mich ab und wusste, wir müssen neu anfangen.

Ich las Bertrand Russell und Albert Einstein. Einstein: "Die erste Atombombe hat nicht nur die Stadt Hiroshima zerstört. Sie hat auch unsere traditionellen, längst überholten politischen Ideen endgültig vernichtet." Es gehe um ein eindeutiges Entweder-Oder. Entweder die Ächtung der Atomwaffe oder das Ende der Zivilisation. Dieses Entweder-Oder nannte ich die Einstein-Alternative. Entweder die Waffe oder wir. Einstein hatte diese Botschaft gegen Ende seines Lebens immer wieder vorgebracht, in unzähligen Vorträgen, Aufrufen, Interviews. Irgendwann würde man das verstehen - so dachte ich.

Heute, ich bin alt geworden, es ist Anfang Dezember. Joschka Fischer gibt Zeit online ein Interview. Und ich traue meinen Augen nicht, ich lese exakt den Wahnsinn von damals. Wieder müsse man sich gegenseitig mit Vernichtung drohen, nun erneut sei atomare Abschreckung unausweichlich, wieder gibt es einen schrecklichen Feind, und wieder sollen wir auf Rüstung setzen, und natürlich sei das "nicht mit Schuldenbremse und ausgeglichenen Haushalten" zu erreichen. Rüstung kostet richtig Geld. Kanonen statt Butter.

War dieser Mann wirklich einmal jung? Demonstrierte er wirklich 1984 gegen atomare Nachrüstung? War er in der gleichen Partei, die den Krefelder Appell mitinitiierte, einen lauten Aufruf gegen Atomwaffen? War nicht die Pazifistin Petra Kelly eine Leitfigur in dieser Partei, die nun wirklich ganz neue Wege beschreiten wollte? Wie begeistert war ich damals! Aber ich war nicht der Meinung, man sollte, wie Fischer, auf Polizisten einschlagen.

Nun aber eine Stimme wie aus tiefer Gruft. Ich meine Ronald Reagan zu hören oder George W. Busch, jedenfalls einen der kältesten aller kalten Krieger. Probleme löst man mit Waffen, Abschreckung ist das Rezept! War der grüne Neubeginn damals eine Halluzination? Ist es denn das Schicksal aller neuen Ideen, mit dem Altwerden zu verkalken und zu verblöden? Muss zwangsläufig - irgendwann jenseits der 40 - exakt dasjenige wiederholt werden, was man in jungen Jahren bekämpfte? Gewiss, Fischer ist kein Gandhi, Mandela oder Willy Brandt. Wie mit der Lupe suchen wir ja nach Politikern, die tatsächlich einen eignen Kurs durchhalten. Die über einen inneren Kompass verfügen, "echt" sind, wie wir sagen.

"Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!" Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen hatte Fischer von einer Bundestagssitzung ausgeschlossen. Fischer, der Narzisst, geriet in Wut. Ganz ohne Wut, aber tief enttäuscht, frage ich: Mit Verlaub, Herr Fischer, was sind Sie denn? Kennen Sie Bertrand Russell? Damals auch ein alter Mann, aber von der ganz anderen Sorte. Der weltberühmte Mathematiker, Philosoph und Nobelpreisträger ließ sich, 88-jährig, ins Gefängnis sperren, weil sich die britische Regierung Atomwaffen anschaffte und Russell zu Gegendemonstrationen aufrief. Russell: "Was die nukleare Konfrontation angeht, kann man unter Umständen annehmen, dass zwei Seiltänzer zehn Minuten balancieren können, ohne abzustürzen. Aber nicht zweihundert Jahre."

Immerhin gibt es bei Fischer heute eine Differenz gegenüber seinen Kolleginnen und Kollegen in der Regierung. Die neue nukleare Abschreckung soll nicht nur als atomare Teilhabe an der US-Strategie verstärkt werden. Fischer fordert eine europäische Atomstreitmacht. Diejenige Frankreichs und Großbritanniens reiche nicht. Das sagt er einfach so. Wie oft ist eigentlich gezeigt worden, dass man Europa nicht mit Nuklearwaffen verteidigen kann! Nukleare "Verteidigung" ist in Europa eine Selbstmordoption. Wo sind denn die Schlachtfelder, auf denen atomare Kriege ausgefochten werden können? Im Ruhrgebiet? Zwischen Wien und Linz? In Europa gibt es kein Sibirien oder eine Sahara, wo man mal lustig ballern kann. Hat Fischer alles vergessen, was während des Kampfes gegen die Nachrüstung Allgemeingut war? Fallout, Strahlung und schließlich die weltweit desaströsen Klimafolgen auch eines "kleinen" Krieges dieser tödlichen Art.

Europa unter Atomwaffen - Europa, eine atomwaffenfreie Zone. Als Fischer sehr jung war, stand diese Alternative zur Debatte. In der UNO wurde der Rapacki-Plan diskutiert. Hätte man ihn umgesetzt, wären Nuklearwaffen aus Europa zurückgezogen worden. Durchgesetzt hat sich in Deutschland einer, dessen Wiedergänger Fischer ist: Konrad Adenauer mit seiner "Politik der Stärke", einem klaren Feindbild und der Meinung, Atomwaffen seien bloß eine Fortentwicklung der Artillerie. Was bei Fischer keine Rolle spielt, damals wurde es bekannt: Das Nato-Manöver Carte Blanche kam 1955 zu dem Ergebnis, dass man bei moderater Berechnung allein auf dem Gebiet der Bundesrepublik mit 1,7 Millionen Toten und 3,7 Millionen Verletzten rechnen müsse. Die Ost-West-Konfrontation hätte sich vor allem zwischen Kiel und München ausgetobt, keine Maus hätte auf diesem Schlachtfeld mehr einen unverseuchten Schlupfwinkel gefunden. Diese Zahlen waren geschönt. Insbesondere die Langzeiteffekte, etwa durch Fallout und radioaktive Strahlung, waren unterschlagen worden. Und natürlich die weltweite Katastrophe, zu der heute eine Vielzahl von Studien vorliegt.

Immerhin gab es damals eine Öffentlichkeit, die die Gefahr erkannte. Umfragen ergaben, dass sich eine große Mehrheit nicht mehr sicher fühlte und sich vor Atomwaffen fürchtete. 1957 entstand die Protestbewegung "Kampf dem Atomtod", die später in die Ostermarsch-Bewegung überging. "Denn uns allen ist die Frage gestellt", so brachte es 1958 der Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg, Max Brauer (SPD), vor 150 000 Zuhörern auf den Punkt "ob wir den Untergang aller Kultur und den Selbstmord oder ob wir die Rettung des Friedens, die Rettung unserer Frauen, die Rettung unserer Kinder wollen." Ganz anders als heute war die SPD damals eine echte Oppositionspartei, Brauer war Schirmherr des Hamburger Landesausschusses "Kampf dem Atomtod", und einschlägige Großkundgebungen zu diesem Thema unter Beteiligung der Sozialdemokraten waren keine Seltenheit. Wie sich die Zeiten ändern!

Um die gleiche Zeit verbrachte ich oft die Schulferien bei meinem Opa und einer Tante in Bad Godesberg, das heute zu Bonn gehört. Spaziergänge im Kottenforst, Aufstieg auf den Drachenfels, Fahrten auf dem Rhein, eine glückliche Zeit. Was eigentlich soll man fühlen oder denken, hört man das Folgende: 2022 berichtete der Westdeutsche Rundfunk über ein Dokument der damaligen sowjetischen atomaren Zielplanung. Für 1955 zeigt es einen kleinen Ausschnitt dessen, was man für den Ernstfall ins Auge fasste. Es listet die Ziele für einer Bomberstaffel auf, die in der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (einem Teil der Sowjetunion) stationiert war. An der Spitze der dort aufgeführten 13 Ziele stand die damalige Hauptstadt Bonn.

Verdanke ich, dass ich noch lebe, der Abschreckung? Oder eher einem Zufall? Warum kam es auch 1962 während der Kuba-Krise zu keiner Auslöschung Bonns? Viele, mit denen ich rede, meinen sicher zu wissen: wegen der Abschreckung. Atomare Abschreckung habe siebzig Jahre lang ihren Test bestanden. Sie ist ein wissenschaftlich gesichertes Konzept. So heißt es. Das Drama des nun forcierten zweiten Kalten Kriegs besteht nach meiner Überzeugung darin, dass er mit einer Illusion beginnt. Denn nichts ist hier wissenschaftlich bewiesen! Die Gründe, weshalb es so lange zu keinem Versagen der Abschreckung kam, sind vielfältig. Hauptsächlich geht es um Zufall.

So hört es sich an, wenn sich jemand wirklich auskennt. Peter Rudolf, der Atomwaffenexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, sagt es so: "Bei der nuklearen Abschreckung handelt es sich um ein Konstrukt, ein System von nicht verifizierbaren Annahmen, das geradezu ideologischen Charakter hat. Abschreckungspolitik beruht auf Axiomen, für die es keine empirische Evidenz im wissenschaftlichen Sinne gibt, sondern allenfalls anekdotische Evidenz, deren Interpretation also glaubensgeleitet ist. Der Glaube an die nukleare Abschreckung ist ebendies - ein Glaube."

Fischers Rolle also heute: Er bestärkt uns in einem Glauben, der zugleich unser Untergang sein könnte. Von der Einstein-Alternative weiß er offenbar nichts. Eine seltsame Wandlung eines alten Revoluzzers.

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Quelle:
Ossietzky - Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft
26. Jahrgang, Nr. 25 vom 23. Dezember 2023, S. 884-887
Redaktion: Haus der Demokratie und Menschenrechte
Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin
E-Mail: redaktion@ossietzky.net
Internet: www.ossietzky.net
 
Ossietzky wurde 1997 von Eckart Spoo begründet und erscheint zweiwöchentlich.
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 26. Januar 2024

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