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ORTHOPÄDIE/409: "Patienten wollen mobil und aktiv bleiben" - Aktuelle Daten zur endoprothetischen Versorgung (SHÄB)


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023

"Patienten wollen mobil und aktiv bleiben"

von Uwe Groenewold


ENDOPROTHETIK. Rund um den Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie Ende Oktober in Berlin haben zwei Institutionen - das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) - aktuelle Daten zur endoprothetischen Versorgung veröffentlicht.


Dr. Roman Mroz, Leiter des Endoprothetikzentrums am Westküstenklinikum (WKK) Heide, bezeichnet die Hüft- und Knieendoprothetik als die Operationen mit dem "größten Gewinn an Lebensqualität für die Patienten in den vergangenen 100 Jahren". Betroffene mit vormals starken Hüft- oder Kniebeschwerden könnten dank eines Gelenkersatzes aktiv bleiben und weitgehend ohne Einschränkungen leben. Die Standzeiten der künstlichen Gelenke hätten sich dank besserer Materialien und minimalinvasiver OP-Techniken verlängert, frühzeitige Revisionen seien immer seltener, erläutert Mroz auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes.

Das unterstreichen auch die Ergebnisse aus dem Endoprothesenregister: Erstmals veröffentlicht das EPRD Ergebnisse im 10-Jahres-Zeitverlauf, die Aufschlüsse über Entwicklungen beispielsweise bei Folgeeingriffen am Hüftgelenk geben: War 2012/2013 ein lockeres Implantat noch für jede zweite Wechseloperation verantwortlich, so hat sich dieser Wert 2022 auf rund 23 % verringert. Der Rückgang der Lockerungen beim Knie fällt mit 11 % (von 34 zu 23) jedoch geringer aus. Ziel des Endoprothesenregisters ist die Qualitätsmessung und -darstellung der endoprothetischen Versorgung in Deutschland. Das EPRD wurde 2010 auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie aufgebaut. Mit mehr als 2,6 Millionen erfassten Dokumentationen ist das EPRD eigenen Angaben zufolge das zweitgrößte endoprothetische Register in Europa und das drittgrößte weltweit. Im aktuellen Jahresbericht haben die Zahlen der gemeldeten Knie- und Hüftendoprothesen erstmals das Niveau der Vorpandemiezeit überschritten. Im Jahr 2022 wurden insgesamt 177.826 Hüfterstimplantationen und 137.030 Erstimplantationen am Kniegelenk dokumentiert.

"Europaweit nimmt die Zahl der Wechseloperationen zu"
(Dr. Roman Mroz)  

Weniger frühzeitige Lockerungen - dafür mehr Revisionsoperationen nach längerer Standzeit: "Europaweit nimmt die Zahl der Wechseloperationen zu", sagt WKK-Chefarzt Mroz. Der demografische Wandel mit immer mehr aktiven Patienten im höheren Alter, der natürliche Materialabrieb, Infekte oder die steigende Zahl periprothetischer Frakturen seien hierfür verantwortlich. Der Grund für diese Entwicklung sei vor allem in dem veränderten Patientenklientel zu finden: "Früher haben sich Patienten im Schnitt mit deutlich über 75 Jahren operieren lassen und waren auch nach der Operation nur noch selten aktiv, das Risiko und die Wahrscheinlichkeit für eine Wechseloperation waren deutlich geringer. Heute sind die Patienten bei der Erstoperation teilweise deutlich unter 70 Jahre jung. Sie stehen mitten im Leben, wollen mobil und sportlich aktiv bleiben und haben eine deutlich längere Lebenserwartung und ein anderes Freizeitverhalten als frühere Generationen." Dies führe zu einem wachsenden Bedarf an besonders haltbaren und verträglichen Materialien für langlebige Implantate, so Mroz. Antiallergische und antibakterielle Beschichtungen sowie Implantate mit speziellen biomechanischen Eigenschaften, von denen bereits eine große Zahl am Markt sei, helfen, schädliche und mechanisch unerwünschte Wechselwirkungen mit dem umliegenden Gewebe zu vermeiden. "Dadurch können wir die Haltbarkeit und Verträglichkeit künstlicher Gelenke verlängern."

Zur Operationsqualität in den Kliniken beim Kniegelenkersatz hat das Wissenschaftliche Institut der AOK Untersuchungen angestellt. Deren Fazit: Im Viertel der Kliniken mit den besten Ergebnissen gab es nur halb so hohe Komplikationsraten wie im Viertel der Kliniken mit den schlechtesten Ergebnissen. Während die Gesamt-Komplikationsrate im Viertel der Kliniken mit unterdurchschnittlichen Behandlungsergebnissen bei mindestens 6,1 % lag, waren es im Viertel der Kliniken mit den besten Qualitätsergebnissen maximal 2,6 %. Der Durchschnittswert für alle Fälle lag bei 4,1 %. Die Ergebnisse basieren auf rund 137.000 Kniegelenkersatzoperationen von AOK-Versicherten in den Jahren 2019 bis 2021, die Daten sind im Gesundheitsnavigator der AOK abrufbar (www.aok.de/gesundheitsnavigator).

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Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023
76. Jahrgang, Seite 37
Herausgeber: Ärztekammer Schleswig-Holstein
Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg
Telefon: 04551/803-0, Fax: 04551/803-101
E-Mail: info@aeksh.de
Internet: www.aeksh.de
 
Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt erscheint zehn Mal im Jahr.

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 16. Januar 2024

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