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GESCHICHTE/644: Neues Buch "Arm, ledig, schwanger" - Geschichten und Hintergründe zur Kieler Gebäranstalt im 19. Jahrhundert (SHÄB)


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023

Stimme der verstorbenen Mütter

von Dirk Schnack


SACHBUCH. Das Risiko, bei der Geburt zu sterben, liegt für die Gebärende heute weit unter 1 Prozent. Im 19. Jahrhundert dagegen konnten Kleinigkeiten lebensbedrohlich sein. Prof. Ibrahim Alkatout aus Kiel ist Mit-Autor des Buches "Arm, ledig, schwanger", das vergangenen Monat im Solivagus Verlag erschienen ist. Er beschreibt, welche Schicksale hinter den damals verstorbenen Müttern stecken.


Weibliche Beckenskelette, nummeriert und in vier Reihen angeordnet in einer antiken Vitrine: Die weltweit bekannte Kieler Beckensammlung. 14 Frauen konnten über die Präparatesammlung identifiziert werden, weitaus mehr bleiben unbekannt. Die identifizierten Frauen und ihre kurzen Lebenswege, die in aller Regel durch viel Elend im Schleswig-Holstein des 19. Jahrhunderts führten, sind Grundlage für das Buch "arm, ledig, schwanger" des Kieler Arztes Prof. Ibrahim Alkatout und des Medizinhistorikers Dr. Christian Hoffarth, das im vergangenen Monat im Solivagus-Verlag erschienen ist.

Das Buch zeichnet u.a. die Lebenswege der identifizierten Frauen nach und zeigt damit eindrucksvoll, unter welchen erbärmlichen Umständen arme, junge Frauen damals leben mussten und welche - aus heutiger Sicht - Kleinigkeiten zu ihrem Tod während oder kurz nach der Geburt führten.

Entstanden war die Beckensammlung für wissenschaftliche Zwecke und für die Lehre - ein damals nicht unübliches Vorgehen, das heute anders bewertet wird. Alkatout, Leitender Oberarzt an der UKSH-Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Kiel, dort Leiter des Endometriosezentrums und der Kieler Schule für Gynäkologische Endoskopie, kennt den Beckenschrank zwar schon lange, ist aber auf das Thema erstmals 2018 im Rahmen eines Symposiums gestoßen, als er mit seinem späteren Co-Autor, den Medizinhistoriker Christian Hoffarth, ins Gespräch über die Sammlung kam.

Schwangerschaft und insbesondere die Geburt waren damals ein beträchtliches Risiko für Frauen - was sich dann innerhalb weniger Jahre dank des medizinischen Fortschritts änderte. Diese schnell verschwundene Bedrohlichkeit war einer der Beweggründe Alkatouts, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Er ordnet die wegweisende Epoche des 19. Jahrhunderts anhand der Entwicklung in der Geburtshilfe in einen Gesamtzusammenhang ein und beschreibt, was alles gleichzeitig passieren musste, um die Bedrohung für die schwangeren Frauen deutlich zu reduzieren: Die Überwindung der Rachitis, der Einsatz von Antibiotika, Narkose und modernem Nahtmaterial und vieles mehr.

Genauso wichtig war es den Autoren, die Lebenswege der verstorbenen Mütter nachzuzeichnen. "Sie haben eine so wichtige Rolle in der Entwicklung medizinischer Fortschritte gespielt, hatten aber nie eine Stimme", verdeutlicht Alkatout. Tatsächlich hat sich im 19. Jahrhundert kaum jemand für arme und ledige Schwangere interessiert. Dies gilt auch für die für die Schwangerschaft verantwortlichen Männer, in deren Familienhaushalt die Frauen oft als Dienstmädchen mit 18-Stunden-Tagen beschäftigt waren - um dann rechtzeitig vor der Geburt verschwinden zu müssen. Wer das Glück hatte, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen und selbst keinen Schaden zu nehmen, geriet häufig in noch prekärere Lebenssituationen als ohne Kind. Die Frauen, die die Geburt nicht überlebten, konnten nichts hinterlassen, was ihnen eine Stimme geben konnte. "Das war eines der Primärziele des Buches", sagt Alkatout.

Um die Lebenswege nachzeichnen zu können, haben Hoffarth und Alkatout in Landes- und Kircharchiven recherchiert und darüber viele Details zu den Einzelschicksalen dieser Frauen herausgefunden. Das Grundmuster ähnelt sich: In ärmlichen Verhältnissen geboren, schnell verwaist, ausgenutzt, geschwängert, bei der Geburt gestorben.

"Mich hat berührt, dass wir bei der Arbeit am Buch den Menschen und ihren Schicksalen so nahegekommen sind und Zusammenhänge beleuchten konnten, die nicht in Vergessenheit geraten sollten", sagt Alkatout dazu.

Fünf Jahre hat das Duo aus Kiel an dem Buch gearbeitet, für das sie gezielt nach einem regionalen Partner gesucht haben. Als Zielgruppe betrachten sie alle Menschen, die sich für Medizingeschichte interessieren, für die Geschichte Schleswig-Holsteins und für das Leben in Armut und gesellschaftlichen Ausnahmesituationen - neben denen, die sich mit den Themen Geburtshilfe, medizinischer Fortschritt, Ethik, Leben und Tod beschäftigen - ein Buch also für ein breites Publikum.

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Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023
76. Jahrgang, Seite 42
Herausgeber: Ärztekammer Schleswig-Holstein
Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg
Telefon: 04551/803-0, Fax: 04551/803-101
E-Mail: info@aeksh.de
Internet: www.aeksh.de
 
Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt erscheint zehn Mal im Jahr.

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 16. Januar 2024

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