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UMWELT/877: Der Klimawandel bedroht unsere Gesundheit - Bundesweiter Hitzeaktionstag am 5. Juni 2024 (ÄKN)


Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) - Presseinformation vom 4. Juni 2024

Der Klimawandel bedroht unsere Gesundheit


Durch die Veränderung des Klimas in Deutschland entstehen bereits heute konkrete Gefahren für die Gesundheit. Die Ärztekammer Niedersachsen unterstützt deshalb den bundesweiten Hitzeaktionstag am 5. Juni 2024 und klärt über Risiken und Schutzmaßnahmen auf.


Hannover, 4. Juni 2024. Extremwetterereignisse, anhaltende Hitzeperioden, Atemwegserkrankungen durch Luftverschmutzung und ganzjährige Pollenbelastung sowie Infektionskrankheiten durch Ausbreitung heimischer und "neuer" Erreger stellen das Gesundheitssystem in Deutschland bereits jetzt vor große zusätzliche Herausforderungen. "Die Klimakrise ist eine der größten Herausforderungen für unsere Gesellschaft überhaupt", betont Dr. med. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN).

Extreme Hitzeperioden in Deutschland

Laut des im November 2023 von der Bundesregierung vorgelegten Monitoringberichts haben extreme Hitzesituationen in Deutschland stark zugenommen. Die durchschnittliche Anzahl heißer Tage im Jahr mit Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius hat sich seit 1951 stetig von drei auf inzwischen zehn Tage erhöht. Niedersachsen liegt hier noch im Mittel - in Teilen Brandenburgs, in Nordsachsen oder im Rhein-Neckar-Gebiet sind es inzwischen 20 und mehr Hitzetage pro Jahr.

Gesundheitliche Belastung durch Hitzeperioden

Die Klimaveränderung in Deutschland führt zu einer enormen gesundheitlichen Belastung in der Bevölkerung. Schlafstörungen und Magen-Darm-Infekte beispielsweise nehmen zu, es treten vermehrt Wundheilungsstörungen auf und die Gefahr für Herzrhythmusstörungen steigt durch den durch Schwitzen verursachten Mineralstoffverlust. Die Wirksamkeit vieler Medikamente kann durch Hitze vermindert oder verstärkt werden; auch unerwünschte Nebenwirkungen können auftreten. Dies gilt zum Beispiel für Blutdrucksenker und Entwässerungstabletten, Antibiotika und Schmerzmittel sowie Schlafmittel. "Generell ist es Menschen, die Medikamente einnehmen, zu empfehlen, mögliche Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen mit ihrem Arzt beziehungsweise ihrer Ärztin zu besprechen", so Wenker. Zusätzlich sollten Ärzte und Ärztinnen vor absehbaren Hitzewellen ihre Patientinnen und Patienten auf mögliche Besonderheiten oder Einschränkungen, die durch einzunehmende Medikamente bei extremer Hitze auftauchen können, hinweisen und für mögliche Wechselwirkungen sensibilisieren.

Steigende Luftverschmutzung

Der Klimawandel hat auch eine Verschlechterung der Luftqualität in Deutschland zur Folge: Extreme Hitzeperioden beispielsweise führen zu einer erhöhten Bildung von Ozon sowie weiteren Schadstoffen und somit zu einer Belastung der Lunge und Atemwege. Und auch außerhalb der besonders heißen Tage sorgen die ganzjährig milderen Temperaturen für eine Ausweitung der Pollensaison, so dass sich die Leidenszeit der Pollenallergikerinnen und -allergiker verlängert.

Gefahr des Hitzschlags

Besonders während extremer Hitzeperioden ist von einer Zunahme lebensbedrohlicher Hitzschläge auszugehen. Die medizinische Versorgung, insbesondere von vulnerablen Patientinnen und Patienten, muss hierauf angepasst werden "Sowohl Ärztinnen und Ärzte, professionell Pflegende und Mitarbeitende im Rettungsdienst als auch Angehörige und Ersthelfer müssen Symptome von Hitzschlägen sicher erkennen und Maßnahmen einleiten können", bekräftigt Wenker.

Neue Infektionskrankheiten

Unter den wärmeren Klimabedingungen können sich krankheitserregende Bakterien in Deutschland deutlich vermehren. Auch Virus-Überträger wie Zecken und Mücken breiten sich mit steigenden Temperaturen stärker aus und tropische Arten werden heimisch. Laut Robert Koch-Institut vermehrt sich beispielsweise die Tigermücke in Deutschland drastisch. Sie kann gefährliche Viren wie zum Beispiel das Dengue-Virus, das Chikungunya-Virus und das Zika-Virus übertragen. Die globale Erwärmung verstärkt außerdem das Risiko von Zoonosen, also den Übertritt von Infektionskrankheiten von Tieren auf Menschen und umgekehrt. "Der Klimawandel begünstigt die Verbreitung möglicher neuer Infektionserkrankungen und damit auch eine Pandemie, wie wir sie jüngst erst erlebt haben. Hierauf müssen wir uns im Katastrophen- und Zivilschutz sowie in der medizinischen Versorgung einstellen", mahnt Wenker.

Jeder kann etwas tun

Um die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen, appelliert ÄKN-Präsidentin Wenker an das persönliche Engagement jedes Einzelnen: "Die Klimakrise ist auch eine große Chance für unsere Gesundheit. Es gibt zahlreiche Co-Benefits, die sowohl der individuellen Gesundheit als auch der Begrenzung der Erderhitzung nutzen. Dazu gehören beispielsweise eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung, eine muskelbasierte statt einer motorisierten Fortbewegung sowie saubere Luft durch die Umstellung von fossilen auf klimaneutrale Energieträger."

Unterstützung des bundesweiten Hitzeaktionstags

Um auf die gesundheitliche Bedrohung durch den Klimawandel hinzuweisen, ist ÄKN-Präsidentin Wenker bereits seit Jahren aktiv - durch eigene Vorträge wie zuletzt am 23. Mai 2024 in Cuxhaven oder auch durch gemeinsame Teilnahme mit Thomas Perau, Hausarzt und Sprecher des Gesundheitsplenums der Region Hannover, am Forum "Wie Klimaschutz Gesundheit fördert" am 27. Mai 2024 in Hannover mit einem Vortrag des Meteorologen Sven Plöger. Insbesondere auch der von Bundesärztekammer, Hausärztinnen- und Hausärzteverband sowie weiteren Organisationen des Gesundheitssektors initiierte bundesweite Hitzeaktionstag am 5. Juni 2024, einschließlich der nachfolgend aufgeführten Forderungen, werden von der Ärztekammer Niedersachsen ausdrücklich begrüßt und unterstützt. Weitere Informationen zum Umgang mit Hitze stellt die ÄKN unter www.aekn.de/hitze zur Verfügung.


Hitzeaktionstag 2024 - Politische Kernforderungen

Für ein hitzeresilientes Deutschland fordert das Bündnis des Hitzeaktionstags:

Einen klaren gesetzlichen Rahmen für gesundheitlichen Hitzeschutz auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, in dem Hitzeschutz als Pflichtaufgabe verankert und von Bundes- und Landesebene ausreichend finanziell unterstützt wird. In diesem gesetzlichen Rahmen sollte/n:

1.1. die Entwicklung, Umsetzung und Anpassung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit als verbindlicher Teil der Klimaanpassungskonzepte für Kommunen als Pflichtaufgabe gesetzlich verankert werden. Die Bundes- und Landesebene sollte die Umsetzung auf kommunaler Ebene zusätzlich durch Vernetzungs- und Beratungsangebote unterstützen und monitoren.

1.2. auch institutionelle Hitzeaktionspläne für Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, Not- und Rettungsdienste sowie in Settings mit hohem Risiko als Pflichtaufgabe gesetzlich verankert werden.

1.3. die fachliche Begleitung und notwendige Einbindung der Gesundheitsämter bei der Entwicklung und Umsetzung von kommunalen Hitzeaktionsplänen festgelegt und zur Pflichtaufgabe des ÖGD werden. Der ÖGD ist durch Länder und Kommunen mit hinreichenden Ressourcen auszustatten.

1.4. Hitzeschutz ressortübergreifend geplant, umgesetzt und fortentwickelt werden.

Neben der Verankerung von gesundheitlichem Hitzeschutz in Gesetzen des Gesundheitsrechts ist Hitzeschutz auch in relevanten Gesetzen und Rechtsverordnungen anderer Sektoren zu berücksichtigen. Hierzu gehören insbesondere das Baurecht und Arbeitsrecht.

Hitzewellen können zu Überlastungen führen und Kapazitätseinschränkungen in der Versorgung verursachen. So sind schon heute die Belastungen für Gesundheitspersonal, insbesondere für beruflich Pflegende, während Hitzewellen besonders hoch. Im Rahmen der Deutschen Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen und der Klimaanpassungsstrategie gibt es Handlungsbedarf im Gesundheitsbereich, etwa den Schutz und die Reaktionsfähigkeit des Gesundheitssystems bei diversen Gefahrenlagen. Gesundheitsakteure und -akteurinnen sollten entsprechend einbezogen werden. Hitze sollte als zentrale Herausforderung im Zivil- und Katastrophenschutz integriert werden.

Hitzewellen haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesundheit am Arbeitsplatz und die Produktivität der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie führen zu einer erhöhten Krankheitslast und erheblichen Produktivitätsverlusten und sind ein Risiko für wirtschaftliche Stabilität mit heute schon hohen bisher verdeckten Folgekosten. Die Dringlichkeit, Deutschland hitzeresilient zu machen, ist auch aus wirtschaftlicher Perspektive sehr hoch. Die dazu nötigen Investitionen sollten daher unverzüglich in den entsprechenden Haushalten und Budgets eingestellt werden. Maßnahmen zum Hitzeschutz und zur Prävention hitzebedingter Erkrankungen und Arbeitsunfälle sind Investitionen in Produktivität und wirtschaftliche Stabilität.


Über die Ärztekammer Niedersachsen:

Die Ärztekammer Niedersachsen ist die standesrechtliche Vertretung der mehr als 45.000 Ärztinnen und Ärzte im Flächenland Niedersachsen. Sie nimmt in Selbstverwaltung öffentliche Aufgaben im Gesundheitswesen wahr und erfüllt zugleich weisungsgebunden staatliche Aufgaben. Außerdem setzt sie sich für eine qualitativ hochwertige ärztliche Fort- und Weiterbildung ein und betreut die Ausbildung der Medizinischen Fachangestellten.

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Quelle:
ÄKN - Ärztekammer Niedersachsen - Kommunikation
Presseinformation vom 4. Juni 2024
Karl-Wiechert-Allee 18-22, 30625 Hannover
Telefon: 0511 380-02, Fax: 0511 380-2240
E-Mail: info@aekn.de
Internet: www.aekn.de


veröffentlicht im Schattenblick am 4. Juni 2024

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