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AUSLAND/2660: Gaza - Konvoi von Ärzte ohne Grenzen angegriffen ... eine Person getötet (Ärzte ohne Grenzen)


Ärzte ohne Grenzen - Pressemitteilung vom 19. November 2023

Gaza: Konvoi von Ärzte ohne Grenzen angegriffen - eine Person getötet


Bei einem Angriff auf einen Konvoi von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen ist am Samstag ein Familienmitglied einer für die Hilfsorganisation arbeitenden Person getötet worden. Eine weitere Person wurde verletzt. Mit dem Konvoi sollten 137 Menschen - Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen und deren Angehörige, darunter auch 65 Kinder - evakuiert werden. Sie waren zuvor eine Woche in der Nähe des Al-Shifa-Krankenhauses in Gaza eingeschlossen. Die Organisation verurteilt den Angriff auf das Schärfste.


Der Konvoi hatte das Gelände der Organisation am Samstagmorgen verlassen, um einen sichereren Ort im Süden des Gazastreifens zu erreichen. Auf dem Gelände sind ein Gästehaus, ein Büro und eine Ambulanz von Ärzte ohne Grenzen untergebracht. Es war in der vergangenen Tagen unter Beschuss geraten, weshalb die 137 Menschen evakuiert werden sollten.

Die Organisation hatte beide Konfliktparteien über die Evakuierung informiert. Die fünf Autos des Konvois waren alle deutlich als Fahrzeuge von Ärzte ohne Grenzen gekennzeichnet - auch auf den Autodächern. Der Konvoi folgte der von der israelischen Armee angegebenen Route und erreichte den letzten Kontrollpunkt in der Nähe von Wadi Gaza. Die Mitarbeiter*innen und ihre Angehörigen konnten den stark überfüllten Kontrollpunkt aber nicht passieren. Nach mehreren Stunden des Wartens hörten die Mitarbeiter*innen Schüsse, die sie dazu veranlassten, umzukehren und sich auf den Weg zurück zu dem etwa sieben Kilometer entfernten Gelände von Ärzte ohne Grenzen zu machen.

Auf dem Rückweg wurde der Konvoi zwischen 15.30 und 16.00 Uhr Ortszeit in der Nähe des Büros von Ärzte ohne Grenzen in der Al-Wehda-Straße nahe der Kreuzung mit der Said-Al-A'as-Straße angegriffen. Ein Familienmitglied einer für Ärzte ohne Grenzen arbeitenden Person wurde dabei getötet, eine weitere Person verletzt.

Die Organisation fordert erneut dringend einen Waffenstillstand, um die Mitarbeiter*innen und ihre Angehörigen sowie Tausende von Zivilisten sicher zu evakuieren.

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Unsere Hilfe in den Palästinensischen Gebieten
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Die aktuelle Situation im Gazastreifen

Das Gesundheitssystem im Gazastreifen ist zusammengebrochen. Die meisten Krankenhäuser funktionieren nicht mehr. Medikamente, Lebensmittel, Wasser und Treibstoff fehlen. Lieferungen mit Hilfsgütern müssen kontinuierlich ausgebaut werden und medizinisches Personal muss in den Gazastreifen ein- und ausreisen dürfen. Aufgrund der anhaltenden Kampfhandlungen ist unsere Arbeit im Gazastreifen stark eingeschränkt. Einige unserer Mitarbeitenden sind mit ihren Familien in den Süden gegangen, während andere weiterhin in einigen wenigen Krankenhäusern Patient*innen versorgen. Wir fordern für unsere Mitarbeitenden und Patient*innen sowie Tausende Zivilist*innen, die dies wünschen, die Möglichkeit einer sicheren Evakuierung.

Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand, um sicher humanitäre Hilfe und medizinische Versorgung für die Menschen zu gewährleisten.

"Ärzte ohne Grenzen verurteilt das brutale Massaker an Zivilist*innen durch die Hamas am 7.Oktober. Gleichzeitig sind wir entsetzt über die verheerenden Folgen der massiven Angriffe Israels auf den Gazastreifen, die meine Kolleg*innen vor Ort sehen."
(Christian Katzer, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland) 

Wir appellieren an alle Konfliktparteien, den Schutz der Zivilbevölkerung und von medizinischem Personal, Einrichtungen einschließlich Krankenwagen zu gewährleisten, so wie es das humanitäre Völkerrecht vorgibt. Medizinische Einrichtungen müssen in bewaffneten Auseinandersetzungen respektiert werden. Sie dürfen nicht für militärische Zwecke genutzt und keine militärischen Ziele werden. Eine ungehinderte Versorgung mit lebensrettenden Medikamenten, medizinischem Material sowie der Zugang zu unabhängiger humanitärer Hilfe muss sichergestellt werden.


So helfen wir

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1989 in den Palästinensischen Gebieten - dem Gazastreifen sowie dem Westjordanland - aktiv.

• Ein 15-köpfiges Team, u.a. spezialisiert auf chirurgische Nothilfe, ist über den Grenzübergang in Rafah eingereist und ist im südlichen Teil des Gazastreifens aktiv und leistet medizinische Nothilfe.

• Einige unserer Kolleg*innen versorgen im Gazastreifen weiterhin Patient*innen in einzelnen Krankenhäuser. Wir stehen nur noch punktuell mit ihnen in Kontakt und unterstützen sie, wo möglich.

• Wir haben bisher 26 Tonnen medizinische Hilfsgüter nach Ägypten geschickt. Sie decken den Bedarf für 800 chirurgische Eingriffe. Ein Teil davon konnte mittlerweile in den Gazastreifen transportiert werden.

• Unsere Teams beobachten seit Beginn des Krieges den sich verändernden medizinischen Bedarf im Westjordanland, da die Gewalt auch dort weiter eskaliert. Wir spenden auch im Westjordanland Medikamente und medizinische Ausrüstung - z.B. an Menschen aus dem Gazastreifen, die in Dschenin festsitzen, weil ihre Arbeitserlaubnis nach dem 7. Oktober nicht mehr gültig ist.


Humanitäre Hilfe muss möglich sein!

Die verbleibenden Krankenhäuser im Gazastreifen sind stark überlastet. Medikamente - selbst Schmerzmittel - fehlen, während gleichzeitig viele Schwerverletzte versorgt werden müssen.

"Wir haben angefangen auf dem Boden zu operieren. Auf dem Gang. Wir amputieren den Fuß eines 9-jährigen Jungen, fast ohne Betäubung. Unser Anästhesist hielt seinen Mund offen, damit er nicht erstickt. Das ist gerade unser Bestes. Mehr können wir nicht tun."
(Mohammed Obeid, unser Chirurg im Al-Shifa-Krankenhaus am 11. November 2023) 

Chronisch Erkrankte, Schwangere und Verletzte befinden sich oft in kritischem Zustand. Ohne Treibstoff können keine Generatoren betrieben werden: Ohne Strom gibt es keine Brutkästen für Neugeborene, keine Beatmung auf Intensivstationen, keine funktionierenden Operationssäle. Zusätzlich besteht angesichts fehlender Lebensmittel, Trinkwasser und medizinischer Versorgung jetzt ein hohes Risiko für Krankheitsausbrüche.

"Wir tun alles, was wir können, um das Leid in dieser katastrophalen Situation zu lindern. Wir bestehen auf unsere Forderung nach einem Waffenstillstand als unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die Menschen Hilfe erhalten können."
(Christophe Garnier, unser Projektkoordinator im südlichen Gaza) 

Unser Team, das aktuell im Süden des Gazastreifens medizinische Nothilfe leistet, soll perspektivisch dort unterstützen, wo die medizinische Infrastruktur zusammengebrochen ist und die Mediziner*innen erschöpft sind.

Mehr als eine Million Menschen mussten aus dem Norden in den Süden fliehen. In einigen Unterkünften stehen pro Person weniger als zwei Quadratmeter zur Verfügung und teils wird eine Toilette von mehr als 600 Menschen benutzt. Unsere Mitarbeitenden berichten von hungernden Müttern, die ihre Neugeborenen nicht ernähren können, und von Familien, die tagelang ohne eine richtige Mahlzeit auskommen müssen.


Zunehmende Gewalt auch im Westjordanland

Unsere Mitarbeitenden berichten, dass auch im Westjordanland die Gewalt in den vergangenen Wochen zunahm und zuletzt eskaliert ist. Besonders betroffen ist Dschenin und die Region um Hebron. So wurden in Dschenin unsere Notärzt*innen in den vergangenen Wochen fast jede Nacht in das öffentliche Krankenhaus gerufen. Unser Team wurde Zeuge, wie die Fassade eines Krankenhauses in Dschenin beschossen wurde. Auch ein Sanitäter musste in der Region behandelt werden, da er in einem Krankenwagen angeschossen wurde.

"Die Gewalt dauert an, und die meisten Patient*innen, die zu uns kommen, haben lebensbedrohliche Verletzungen - wie etwa Schusswunden"
(Pedro Serrano, unser Arzt auf der Intensivstation) 

Mehrere palästinensische Familien, die in der Region Hebron gewaltsam aus ihrem Zuhause vertrieben wurden, erhielten von unseren Teams psychologische Unterstützung. Außerdem versorgten wir sie mit lebenswichtigen Hilfsgütern wie Decken, Matratzen und Heizgeräten.


Grundprinzipien unserer Arbeit

Wir haben auch israelischen Krankenhäusern Unterstützung angeboten, die eine hohe Zahl von Verletzten behandeln. Gemäß unserer Charta leisten wir dort medizinische Unterstützung, wo Menschen keinen ausreichenden Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versorgung haben, unabhängig von ihrer Herkunft, politischen Überzeugung oder ethnischen Zugehörigkeit. Als unabhängige medizinische Hilfsorganisation verpflichten wir uns der medizinischen Ethik und den humanitären Prinzipien der Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit.

Unabhängigkeit
Wir helfen Menschen in Kriegs- und Krisenregionen, unbeeinflusst von politischen, militärischen oder sonstigen Interessen. Dies ist auch deswegen möglich, weil wir unsere Arbeit fast ausschließlich durch private Spenden finanzieren.

Neutralität
Wir beziehen in Konflikten keine Stellung und leisten auf allen Seiten Hilfe, wenn diese notwendig ist und es die Lage zulässt. So schaffen wir Vertrauen und Akzeptanz für unsere Arbeit.

Unparteilichkeit
Die medizinische Ethik und das Maß der Not der Menschen bestimmen unser Handeln. Herkunft, politische Überzeugungen oder Glaubenszugehörigkeit spielen dabei für uns keine Rolle.

[1] https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/unsere-arbeit/einsatzlaender/palaestinensische-autonomiegebiete

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Quelle:
Ärzte ohne Grenzen e. V. / Medecins Sans Frontieres
Pressemitteilung vom 19. November 2023
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Pressestelle: Telefon: + 49 (30) 700 130 - 230
Fax: + 49 (30) 700 130 - 340
E-Mail: office@berlin.msf.org
Internet: www.aerzte-ohne-grenzen.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 21. November 2023

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