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KASSEN/1922: Barmer fordert Umleitung von Klinikpatienten in die ambulante Behandlung (SHÄB)


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 11, November 2023

Kasse fordert Umleitung von Klinikpatienten

von PM/RED


KLINIKEN. 96.000 stationäre Behandlungen jährlich allein in Schleswig-Holstein, die auch ambulant erfolgen könnten: Diese Zahl ermittelte ein Institut der Barmer für ihren Versorgungskompass. Die Krankenkasse hofft, dass sich diese Zahl mit der Klinikreform senken lässt.


In Schleswig-Holstein stehen nach Meinung der Barmer zu viele Operationen und Behandlungen im Zusammenhang mit einem Krankenhausaufenthalt. Zu der Einschätzung kam die Krankenkasse im vergangenen Monat nach Auswertung einer Analyse im Versorgungskompass des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg).

Laut Versorgungskompass hätte knapp jede fünfte Krankenhausbehandlung (19,7 %) im vierten Quartal 2022 in Schleswig-Holstein ambulant im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis erfolgen können. Bei Frauen im Alter von 40 bis 49 Jahren hätte sogar deutlich mehr als jede vierte stationäre Behandlung (29 %) ambulant stattfinden können, wobei Geburten nicht eingerechnet wurden.

"Krankenhausaufenthalte sind für manche Patientinnen und Patienten mit großen Belastungen verbunden. Studien belegen außerdem, dass die Genesung im eigenen Zuhause oftmals schneller und komplikationsloser verläuft. Das sind gute Gründe dafür, mehr ambulant zu operieren", sagte der Landesgeschäftsführer der Barmer in Schleswig-Holstein, Dr. Bernd Hillebrandt. Zudem bänden stationäre Aufenthalte viel Personal. "Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sollten die knappen Personalressourcen im Krankenhaus möglichst effektiv eingesetzt werden", forderte Hillebrandt. Insgesamt käme es durch mehr ambulante Operationen zu einer Win-Win-Situation mit weniger Belastungen für Patienten, mehr Ressourcen für die Leistungserbringer und reduzierten Kosten in der GKV.

Der Katalog ambulant durchführbarer Operationen, sonstiger stationsersetzender Eingriffe und Behandlungen (AOP-Katalog) listet Behandlungen auf, die ambulant oder stationär durchführbar sind. Beispiele daraus sind Katarakt-Operationen, Gebärmutterausschabungen, Leistenbruch-OPs oder auch die Entfernung von Polypen. Neben dem AOP-Katalog wurden für die Analyse im Versorgungskompass weitere potenziell ambulantisierbare Operationen aus dem IGES-Gutachten herangezogen.

"Die Basis unserer Untersuchung bilden alle somatischen Krankenhausfälle im Land mit Ausnahme von Geburten, da hier Wahlfreiheit herrscht", erläuterte Hillebrandt. Dementsprechend habe es in Schleswig-Holstein im Jahr 2022 rund 513.000 Krankenhausbehandlungen gegeben. Das Ambulantisierungspotenzial, also der Anteil der Fälle, die entweder im AOP-Katalog oder IGES-Gutachten zu finden sind und bei denen keine ersichtlichen Risikofaktoren (z. B. hohes Patientenalter oder eine Begleiterkrankung) einen stationären Aufenthalt erforderlich machten, habe im vergangenen Jahr relativ konstant zwischen 18,8 und 19,9 % gelegen. Folglich hätten in Schleswig-Holstein mindestens 96.000 stationäre Behandlungen auch ambulant erfolgen können. "Wenn fast 100.000 Krankenhausbehandlungen umgeleitet werden können, bekommt man eine Vorstellung davon, wie viel Personal dadurch für andere vollstationäre Behandlungen eingesetzt werden könnte", so Hillebrandt.

Die Analyse zeigt auch regionale Unterschiede innerhalb Schleswig-Holsteins. Am niedrigsten fiel das Ambulantisierungspotenzial laut Versorgungskompass im vierten Quartal 2022 mit 16,8 % im Kreis Steinburg, am höchsten im gleichen Zeitraum im Landkreis Segeberg mit 23,2 % aus. Dies sei jedoch lediglich eine Momentaufnahme, so Hillebrandt, da die Reihenfolge im Zeitverlauf (von 2019 bis 2022) variiere. Für ihn bleibe es ein "Fakt, dass es in Schleswig-Holstein durchaus Möglichkeiten für mehr ambulante Behandlungen gibt."

Als Chance betrachtet er in diesem Zusammenhang die Krankenhausreform. Hier müsse u.a. in den Blick genommen werden, welche Funktionen regionale Versorgungszentren bei ambulanten Operationen übernehmen könnten.

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Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 11, November 2023
76. Jahrgang, Seite 16
Herausgeber: Ärztekammer Schleswig-Holstein
Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg
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Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt erscheint 12-mal im Jahr.

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 5. Dezember 2023

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