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DEPRESSION/210: Jugendliche gefangen in der Konfliktblase (SHÄB)


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023

Jugendliche gefangen in der Konfliktblase

von Astrid Schock


DEPRESSIONEN. Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen bleiben auf einem hohen Niveau. Die DAK Gesundheit stellte das Thema in den Mittelpunkt ihres Symposiums in Kiel.


Das neue Jahrzehnt wird für mich super: ich mache mein Abitur, gehe studieren, finde einen tollen Job und gründe vielleicht sogar eine Familie. So oder mit ähnlicher Vorfreude haben viele Jugendliche 2020 in die Zukunft geblickt. Dann begann die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die Klimakatastrophe schritt voran, der Konflikt in Nahost eskalierte. Viele Kinder und Jugendliche spüren keine Entspannung, fühlen sich in der "Konfliktblase" gefangen, Träume drohen zu platzen, der Alltag muss neu gedacht werden. Was macht dies mit den Kindern und Jugendlichen und wie wirkt es sich auf die Gesundheit aus?

Ergebnisse einer DAK-Studie zeigen: nach einem starken Anstieg von Depressionen, Angstzuständen und Essstörungen während der Coronapandemie scheint sich die Kurve langsam zu entspannen. Für jugendliche Frauen gilt das nur bedingt: Im Vergleich zu 2019 sind die diagnostizierten Depressionen um 11 % und die der Angststörungen um 44 % gestiegen. Auch die Komorbidität von Depression und Angst ist deutlich gestiegen. Bei den Jungen dagegen stagnieren die Zahlen oder sind rückläufig. Woran liegt das? Dr. Manuel Munz, Klinikleiter des ZIP Kiel, erklärte dies mit den unterschiedlichen Verhaltensweisen der Geschlechter. Die Betroffenheit der Jungen äußere sich in Wutausbrüchen, Beleidigungen, Drogenkonsum oder auch dem Weglaufen von Zuhause - was seltener zu Diagnosen und Behandlungen führe. Eine Entwarnung zur Entwicklung der Depressionen und Angstzuständen bei Jungen hält Munz nicht für angezeigt.

Auch Gesundheitsministerin Prof. Kerstin von der Decken (CDU) machte deutlich: "Wir sollten nicht vergessen, dass wir den Peak an gesundheitlicher Verschlechterung zwar überwunden haben, auf dem Niveau von vor der Pandemie sind wir aber noch lange nicht".

DAK-Bundeschef Andreas Storm forderte in Kiel, Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche auszubauen und dort anzubieten, wo sich Betroffene aufhalten: In Schulen, Kitas, Jugendeinrichtungen. Deshalb hat die DAK das Projekt "fit4future" initiiert, bei dem an 100 Schulen bundesweit und an sechs Schulen in Schleswig-Holstein, Schularbeiter eingesetzt werden, um die Kinder und Jugendlichen ganzheitlich auf ihre Zukunft vorzubereiten und mögliche Erkrankungen und Probleme frühzeitig zu erkennen.

Irene Johns, Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes, lobte das Engagement, gab jedoch zu bedenken, dass Pilotprojekte in Deutschland häufig gut anlaufen, dann aber aus Kosten- und Zeitgründen wieder einschlafen. Auch Storm appellierte an die Bundesregierung, bei den Haushaltsplanungen die Kinder- und Jugendlichen nicht zu vergessen und warnte, an den falschen Stellen Gelder einzukürzen. "Wenn die Politik regelmäßige Berichte zur aktuellen Lage erhalten würde, ergäbe sich automatisch ein Handlungsdruck, um auf die aufgezeigten Defizite reagieren zu müssen", ist sich Storm sicher. Auch Munz sieht den Stellenwert der Kinder und Jugendlichen in Deutschland als zu gering an. "Wir dürfen nicht vergessen: wir brauchen die Jugend mehr als die Jugend uns", so Munz. Er und Thomas Lorenz, Oberarzt Tagesklinik Baumhaus in Rendsburg, berichteten von zu vielen rechtlichen Vorgaben und Einschränkungen. Sie sind sich sicher, dass die Arbeit mit psychisch kranken Jugendlichen nur ohne Zeit- oder Gelddruck möglich ist, um "kreativ im Kopf" zu bleiben. "Zudem müssen wir es schaffen, Betroffene nach der Behandlung in gute Strukturen zu entlassen. Sie müssen dort gesund werden können und bleiben, wo sie auch leben", sagte Lorenz.

Doch eben diese Strukturen fehlen oft. Johns und Dr. Ralf van Heek, Landesvorsitzender im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte im Land, sehen Armut als eine der Ursachen für die Erkrankungen der Kinder und Jugendlichen. "Wir müssen unsere Gelder sinnvoll investieren, um den Start ins Leben für alle Kinder bestmöglich zu gestalten", so van Heek. Er und Johns sprachen sich dafür aus, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen.

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Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023
76. Jahrgang, Seite 17
Herausgeber: Ärztekammer Schleswig-Holstein
Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg
Telefon: 04551/803-0, Fax: 04551/803-101
E-Mail: info@aeksh.de
Internet: www.aeksh.de
 
Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt erscheint 12-mal im Jahr.

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 29. Dezember 2023

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