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LATEINAMERIKA/2181: Kolumbien - International Kampagne der Mütter der "Falsos Positivos" für Gerechtigkeit (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Kolumbien
Internationale Kampagne für Gerechtigkeit

von Alvaro Garreaud



Ein Paar schwarze Gummistiefel mit weißen Blumen darin steht seitlich auf einem Plakat - Foto: Alvaro Garreau (Radio Matraca)

Ein Paar schwarze Gummistiefel mit weißen Blumen darin sind ein Symbol zum Gedenken an die Opfer
Foto: Alvaro Garreaud (Radio Matraca)

In Kolumbien kämpfen die Mütter der Falsos Positivos für juristische Wahrheit und leisten Aufklärungsarbeit. Offen bleibt die Frage: Wer gab den Befehl?

(Berlin, 10. Dezember 2023, npla) - "Wer gab den Befehl?" Jacqueline Castillo und Rubiela Giraldo, Vertreterinnen des Kollektivs "Madres de los Falsos Positivos - MAFAPO", bereisten zwischen Oktober und November im Rahmen der "#MafapoEuropaTour" verschiedene europäische Länder, um eine besonders perfide Kategorie von Verbrechen anzuprangern, das Andenken an die Opfer zu bewahren und Gerechtigkeit zu fordern.


Was sind die Falsos Positivos?

Im Jahr 2008 verschwanden Dutzende junger Menschen aus Soacha in der Nähe von Bogotá (Kolumbien). Sie stammten alle aus armen Bauernfamilien, waren fast alle von ihrem Land vertrieben worden, und sie waren arbeitslos, obwohl sie Arbeitsversprechen erhalten hatten. Monate später stellte sich heraus, dass sie alle in das weit von ihrer Heimat entfernte Departement Norte de Santander gebracht worden waren, wo sie ermordet und von der Nationalen Armee als im Kampf getötete Mitglieder bewaffneter Gruppen dargestellt wurden. Diese Verbrechen sind in Kolumbien als Falsos Positivos [1] bekannt und kosteten mehr als 6402 unschuldigen jungen Menschen aus dem ganzen Land das Leben. Bis heute sind diese Todesfälle ungesühnt geblieben, und viele der Leichen sind noch immer nicht gefunden worden. Die Mütter, Ehefrauen und Verwandten dieser jungen Menschen schlossen sich zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen und vom kolumbianischen Staat Aufklärung über die Geschehnisse zu verlangen. Zunächst wurden sie als "Mütter von Soacha" bekannt, 2010 änderten sie ihren Namen in MAFAPO - Mütter der Falsos Positivos.

Rubiela Giraldo erinnert sich an ihren Sohn: "Ich bin die Mutter von Diego Armando Marín Giraldo. Der Junge hatte im Oktober 2007 gerade seinen Militärdienst beendet. Am 6. Februar holten sie ihn aus meinem Haus und boten ihm einen Job an, er war auf der Suche nach Arbeit. Er ging am 6. Februar um 07:30 Uhr, am 8. Februar war mein Sohn bereits tot. Ich dachte zunächst, nur ich würde nach meinem Sohn suchen, aber später, so Ende Oktober, Anfang November, fand ich heraus, dass eine ganze Gruppe von Müttern Nachforschungen betrieb, weil ihre Kinder in Ocaña, im Department Norte de Santander, getötet worden waren. Nachdem wir herausgefunden hatten, dass es nicht nur ein Kind war, sondern viele, haben wir Mütter uns zum Ziel gesetzt, nicht zu schweigen. Wir waren 19 Personen, deren Kinder ermordet und als im Kampf getötete Guerilleros präsentiert worden waren."

Jacqueline Castillo, Gründerin und Rechtsvertreterin des Kollektivs, erzählt, wie der Kampf entstanden ist: "Ich bin Jacqueline Castillo, die Rechtsvertreterin des Kollektivs MAFAPO. Mein Bruder Jaime Castillo verschwand am 10. August 2008. Zwei Tage später fand man ihn tot in Ocaña, Norte de Santander, wie die Jugendlichen aus Soacha. Er wurde als im Kampf getöteter Guerrillo präsentiert. Als ich nach Jaime suchte, sah ich die Nachrichten darüber, was mit den Jugendlichen aus Soacha geschehen war. Ich hätte nie gedacht, dass mein Bruder Teil dieses makabren Plans sein würde, der in Soacha umgesetzt wurde. Nachdem sie mir seine Leiche ausgehändigt hatten, reichte ich Klage ein. Dann wandte ich mich im November 2008 an die Mütter von Soacha. Ich kannte die Gruppe bereits aus den Nachrichten und wusste, dass es sich um etwas sehr Ernstes handelte, es ging um ein Verbrechen, das von der Armee begangen wurde, die sich eigentlich um das Leben der Zivilbevölkerung kümmern sollte. Und wir wissen, dass sie für den Tod von Tausenden von Zivilisten in Kolumbien verantwortlich ist. Wir konnten nicht zulassen, dass das vergessen wird. Nachdem der Skandal bekannt war, stellte sich heraus, dass Soacha nur die Spitze des Eisbergs der Falschmeldungen ist: Als ich öffentlich machte, was mit Jaime passiert war, gab es noch mehr Überraschungen. Es gab diese Fälle nicht nur in Soacha, sondern auch in Bogotá. Und nachdem wir die Fälle öffentlich gemacht haben, meldeten sich Leute in vielen Gegenden und erzählten, dass ihren Kindern das Gleiche passiert war. Heute können wir sagen, dass das eine systematische Praxis war."


Die JEP - Justicia Especial para la Paz (Sonderjustiz für den Frieden)

Im Jahr 2016 wurde im Rahmen des Friedensabkommens zwischen dem kolumbianischen Staat und der wichtigsten Guerillaorganisation Kolumbiens, den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens - Volksarmee (FARC-EP), eine Sonderjustiz eingerichtet, die sich mit "Falschmeldungen" befasst, d. h. mit "Hinrichtungen bzw. gewaltsamem Verschwindenlassen von Personen, die von Agenten des Staates fälschlich als Kampfopfer dargestellt wurden". Aber einerseits gibt die große Mehrheit der Militärangehörigen keine Informationen über die Verwicklung ihrer Oberen preis. Andererseits akzeptieren hochrangige Militärs, die sich der JEP stellen, nur den Vorwurf der Unterlassung, aber nie den der Täterschaft. "Keiner von ihnen sagte: 'Ich habe den Befehl gegeben. Ich war es, der die Tötung dieser Menschen angeordnet hat", klagt Castillo.


Die Gummistiefel als Symbol

In Kolumbien kämpfen die Frauen von MAFAPO nicht nur für die juristische Wahrheit. Sie leisten Aufklärungsarbeit in Schulen und Universitäten über die Verbrechen der Falsos Positivos. Sie setzen sich dafür ein, dass der Abschlussbericht der Wahrheitskommission über die strukturelle Gewalt in Kolumbien zum Unterrichtsmaterial an Schulen wird. So sollen staatliche Verbrechen wie die Falsos Positivos "nicht in Vergessenheit geraten, damit sie sich nicht wiederholen", sagt Castillo. "Die Gummistiefel haben eine große Bedeutung für uns", ergänzt Rubiela, "denn den meisten, fast allen Jungen wurden Stiefel angezogen, teils verkehrt herum, neue, alte, als sie starben, wurden ihnen diese Stiefel angezogen. Deshalb sind wir mit der Idee einverstanden. Es gibt 6402 Stiefel, die wir sammeln werden, um zu zeigen, dass dies keine Erfindung von uns, den Müttern der sogenannten Falsos Positivos, ist, sondern dass dies eine Wahrheit und eine Realität ist, und wir wollen, dass die ganze Welt davon erfährt."


Gustavo Petro hat Gerechtigkeit versprochen

Die progressive Regierung von Gustavo Petro hat den Frauen von MAFAPO versprochen, anders als die Vorgängerregierungen von Juan Manuel Santos (2010-2018) und Iván Duque (2018-2022) alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die Fakten aufzuklären und die Verantwortlichen zu finden. Außerdem hat Präsident Petro versprochen, eine Gedenkstätte in Soacha zu errichten, dem Viertel in Bogotá, in dem die ermordeten Jugendlichen lebten. Anfang Oktober 2023 hielten der Regierungschef, der Verteidigungsminister und der Armeechef außerdem eine Zeremonie im Namen des Staates ab, um sich bei den Müttern und allen Angehörigen der Opfer der Falsos Positivos für die vom Staat begangenen Verbrechen zu entschuldigen.


"Wer gab den Befehl?" Die Frage nach den Hauptverantwortlichen

Die "MAFAPO-Europe Tour 2023" (Belgien, England, Deutschland, Schottland, Irland, Österreich, der Schweiz, Spanien und Italien) hatte zum Ziel, den Kampf der MAFAPO-Mütter international sichtbar zu machen, damit ihre Stimmen in Parlamenten, Versammlungen, auf öffentlichen Plätzen, auf der Straße und in allen Räumen der internationalen Solidarität, wo der Kampf für Gerechtigkeit und Wahrheit unterstützt wird, gehört werden. "Nun, unser Ziel ist es, sowohl national als auch international, diese Ereignisse sichtbar zu machen, bekannt zu machen, dass es sich um reale Ereignisse handelt, dass wir auf irgendeine Weise damit Gerechtigkeit suchen können, dass wir es schaffen, irgendwann die Wahrheit ans Licht zu bringen, damit so etwas nie wieder passiert. Es darf nicht in Vergessenheit geraten, und wir dürfen diesen Kampf, trotz der Zugeständnisse und der Entschuldigung von Seiten des Staates, die es mittlerweile gegeben hat, nicht aufgeben. Wir müssen an die wahren Verantwortlichen, an die Auftraggeber herankommen, wir müssen wissen, wer tatsächlich den Befehl zu all diesen Verbrechen gegeben hat", schließt Jacqueline.


Audiobeiträge zu diesem Thema finden Sie auf Deutsch [2] und auf Spanisch [3] unter den angegebenen Links.


Anmerkungen:
[1] https://www.npla.de/lexikon/falsos-positivos/
[2] https://www.npla.de/thema/memoria-justicia/wer-gab-den-befehl-internationale-kampagne-fuer-gerechtigkeit/
[3] https://www.npla.de/thema/memoria-justicia/quien-dio-la-orden-campana-internacional-por-la-justicia/


URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/memoria-justicia/internationale-kampagne-fuer-gerechtigkeit/


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https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

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Quelle:
poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen
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Telefon: 030/789 913 61
E-Mail: poonal@npla.de
Internet: http://www.npla.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 29. Dezember 2023

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