Schattenblick → INFOPOOL → POLITIK → UNO


ORGANISATION/631: "Den Kindern im Gazastreifen läuft die Zeit davon" (UNICEF)


UNICEF - Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
Genf/Köln - 12. Januar 2024

"Den Kindern im Gazastreifen läuft die Zeit davon"

Zusammenfassung des Statements von Lucia Elmi, Leiterin von UNICEF in Palästina, bei der heutigen Pressekonferenz im Palais des Nations


"Nach fast 100 Tagen Gewalt, Tötungen, Bombardierungen und Geiselhaft ist das Leid der Kinder im Gazastreifen unermesslich.

Mit jedem Tag, der vergeht, steigt für Kinder und Familien im Gazastreifen die Gefahr, durch die Luftangriffe ihr Leben zu verlieren, zu erkranken, weil es kein sauberes Wasser mehr gibt, und Hunger zu leiden, weil die Nahrungsmittel ausgehen. Für die beiden israelischen Kinder, die weiterhin als Geiseln in Gaza festgehalten werden, geht der schreckliche Albtraum weiter, der am 7. Oktober begann.

Die Lage der Kinder verschlechtert sich rapide. UNICEF hat in der vergangenen Woche vor der "dreifachen Bedrohung" gewarnt, der Kinder im Gazastreifen ausgesetzt sind: Konflikt, Krankheiten und Mangelernährung. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, doch die Herausforderungen sind gewaltig.

Den Kindern im Gazastreifen läuft die Zeit davon, während ein Großteil der lebensrettenden humanitären Hilfslieferungen, auf die sie so dringend angewiesen sind, aufgrund unzureichender Zugangskorridore und langwieriger Inspektionen feststecken. Die steigenden Bedarfe und die unzureichende Reaktion darauf sind die Formel für eine Katastrophe epischen Ausmaßes.

Tausende Kinder haben bereits ihr Leben verloren. Tausende weitere Kinder werden sterben, wenn wir folgende drei Punkte nicht adressieren:

Erstens - die Sicherheit der Kinder: Kein Ort im Gazastreifen ist sicher. Die Bombardierungen und die anhaltenden Kampfhandlungen in dicht besiedelten Stadtgebieten gefährden das Leben der Zivilbevölkerung und der humanitären Helfer*innen.

Die Bombardierungen erschweren auch die Lieferung dringend benötigter Hilfsgüter. Als ich vergangene Woche in Gaza war, haben wir sechs Tage lang versucht, Treibstoff und medizinische Hilfsgüter in den Norden zu bringen. Und sechs Tage lang wurden wir durch Bewegungseinschränkungen daran gehindert. Meine Kolleg*innen in Gaza haben bereits seit Wochen mit denselben Problemen zu kämpfen. Treibstoff wird dringend benötigt, um Wasser- und Abwasseranlagen zu betreiben. Sie warten immer noch.

Zweitens - die Logistik: Es gelangen noch immer nicht genügend Hilfsgüter in den Gazastreifen, gestern waren es lediglich 139 Lastwagen (73 über den Grenzübergang in Rafah und 66 über Kerem Shalom). Der Inspektionsprozess ist nach wie vor langsam und unvorhersehbar. Einige der Materialien, die wir dringend benötigen, sind nach wie vor gesperrt, ohne dass es dafür eine klare Begründung gibt. Dazu gehören Generatoren für die Stromversorgung von Wasserwerken und Krankenhäusern sowie Kunststoffrohre zur Reparatur der stark beschädigten Wasserinfrastruktur.

Wenn die Hilfe erst einmal angekommen ist, gibt es erhebliche Probleme bei der Verteilung, insbesondere im Norden und neuerdings auch in der Mitte des Gazastreifens.
Die häufigen Kommunikationsausfälle machen es extrem schwierig, die Verteilung der Hilfsgüter zu koordinieren und die Menschen darüber zu informieren, wie und wann sie Zugang zu den Hilfsgütern erhalten.

Immer wieder werden Lastwagen gestoppt, weil so viele Menschen in den Süden geflüchtet sind und die Verzweiflung so groß ist, dass sie versuchen, an Hilfsgüter zu gelangen.
Der Mangel an Treibstoff und Lastwagen innerhalb des Gazastreifens sowie die schweren Straßenschäden verlangsamen die Lieferungen und tragen dazu bei, dass sie weniger häufig stattfinden können.

Drittens - kommerzielle Güter: Humanitäre Hilfe allein reicht nicht aus. Die Menge an kommerziellen Gütern muss dringend erhöht werden - und zwar schnell. Täglich werden mindestens 300 Lastwagen mit privaten Handelsgütern benötigt. Das wird den Menschen helfen, lebenswichtige Güter zu erwerben, Spannungen in den Gemeinden abbauen und die von UNICEF und anderen Organisationen angebotenen Bargeldhilfen zu fördern.
Doch es ändert sich kaum etwas - und Kinder sterben weiter.

Ein sofortiger und dauerhafter Waffenstillstand ist die einzige Möglichkeit, das Töten und Verletzen von Kindern und ihren Familien zu beenden und dringend benötigte Hilfe zu ermöglichen. Dafür setzen wir uns weiter ein. Gleichzeitig braucht es dringend:

  • Die Öffnung aller Grenzübergänge in den Gazastreifen;
  • Schnellere, effizientere und vorhersehbare Genehmigungs- und Kontrollverfahren für Hilfsgüter;
  • Die Wiederaufnahme kommerzieller und privater Aktivitäten;
  • Die sofortige Einfuhr größerer Mengen an Treibstoff;
  • Zuverlässige und ununterbrochene Telekommunikationskanäle;
  • Höhere LKW- und Transportkapazitäten innerhalb des Gazastreifens;
  • Den Schutz der zivilen Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser;
  • Zugang zum Norden des Gazastreifens, damit wir Kinder und Familien in Not erreichen können, die dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

Die beiden Kinder, die weiter in Gaza als Geiseln festgehalten werden, müssen bedingungslos und sicher frei gelassen werden.

Die Gewalt muss aufhören."

*

Quelle:
UNICEF - Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
Statement vom 12. Januar 2024
Herausgeber: Deutsches Komitee für UNICEF, Pressestelle
Höninger Weg 104, 50969 Köln
Telefon: 0221/936 50-0, Fax: 0221/93 65 02 79
E-Mail: mail@unicef.de
Internet: www.unicef.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 16. Januar 2024

Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang