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ORGANISATION/632: Gaza - schnellerer und sicherer Zugang zu Hilfsgütern sowie mehr Versorgungswege nötig (WFP)


Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen
Pressemitteilung vom 15. Januar 2024

Schnellerer und sicherer Zugang zu Hilfsgütern sowie mehr Versorgungswege nötig, um Hungersnot und tödliche Krankheiten in Gaza zu verhindern


ROM/GENF/NEW YORK - Da die Gefahr einer Hungersnot zunimmt und immer mehr Menschen tödlichen Krankheitsausbrüchen ausgesetzt sind, muss die Art und Weise, wie humanitäre Hilfe in den Gazastreifen gelangt, dringend geändert werden, warnten die Organisationen der Vereinten Nationen heute. Die Leiter*innen des Welternährungsprogramms (WFP), von UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärten, die Versorgung des Gazastreifens mit Hilfsgütern hänge jetzt davon ab, dass neue Zufahrtswege geöffnet werden, mehr Lastwagen täglich die Grenzkontrollen passieren dürfen, die Bewegungsfreiheit humanitärer Helfer*innen weniger eingeschränkt wird und die Sicherheit der Menschen, die Hilfe erhalten und verteilen, gewährleistet ist.

Ohne die Möglichkeit, Lebensmittel zu produzieren oder zu importieren, ist die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. Doch diese Hilfe allein kann die Not der Menschen im Gazastreifen nicht lindern. Den Vereinten Nationen, internationalen Hilfsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen ist es bisher gelungen, trotz außerordentlich schwieriger Bedingungen in begrenztem Umfang humanitäre Hilfe im Gazastreifen zu leisten, aber die Mengen reichen bei weitem nicht aus, um einen tödlichen Mix aus Hunger, Unterernährung und Krankheiten zu verhindern. Der Mangel an Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und medizinischer Hilfe ist in den nördlichen Gebieten besonders groß.

Humanitäre Hilfe wird durch die Schließung aller Grenzübergänge bis auf zwei im Süden und die mehrstufige Überprüfung von Lastwagen, die in den Gazastreifen einfahren, stark eingeschränkt. Sobald die Hilfe in Gaza ist, werden Bemühungen zur Einrichtung von Versorgungsstellen für Notleidende durch Bombardierungen und ständig wechselnde Fronten erschwert, die das Leben der Menschen im Gazastreifen und der UN-Mitarbeiter*innen und anderer humanitärer Organisationen gefährden.

"Die Menschen im Gazastreifen laufen Gefahr zu verhungern, nur wenige Kilometer entfernt von Lastwagen voll mit Nahrungsmitteln ", sagte WFP-Exekutivdirektorin Cindy McCain. "Jede verlorene Stunde gefährdet unzählige Menschenleben. Wir können die Hungersnot in Schach halten, aber nur, wenn wir ausreichend Nahrungsmittel liefern und einen sicheren Zugang zu allen Notleidenden haben, egal wo sie sind."

Der jüngste Bericht zur Ernährungssicherheit (Integrated Food Security and Nutrition Phase Classification - IPC) stellte ein verheerendes Ausmaß an Hunger im Gazastreifen fest und bestätigte, dass die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens - etwa 2,2 Millionen Menschen - akuten Hunger auf Krisenniveau oder schlimmer leidet. Praktisch alle Palästinenser*innen im Gazastreifen lassen täglich Mahlzeiten ausfallen. Viele Erwachsene hungern, damit Kinder essen können. Sollten die derzeitigen Bedingungen anhalten, droht eine Hungersnot, warnte der Bericht.

Seit dem 7. Oktober versorgt WFP die Menschen im Gazastreifen täglich mit Nahrungsmitteln und hat im Dezember mehr als 900.000 Menschen mit Ernährungshilfe erreicht. Das erforderte eine Neuausrichtung der Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort, einschließlich der Suche nach sicheren Orten für die Verteilung, der Weiterleitung von Weizenmehl an Bäckereien, damit diese ihre Produktion wieder aufnehmen können, und der Verteilung von Spezialnahrung, die Mangelernährung bei Kindern bekämpfen soll. Am Donnerstag lieferte der erste WFP-Nahrungsmittelkonvoi seit der humanitären Pause Lebensmittel für rund 8.000 Menschen in den nördlichen Gazastreifen.

"Kinder, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind, an Unterernährung und Krankheiten zu sterben, brauchen dringend medizinische Behandlung, sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen, aber die Bedingungen vor Ort erlauben es uns nicht, die bedürftigen Kinder und Familien sicher zu erreichen", sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. "Einige der Materialien, die wir dringend für Reparaturen und eine verbesserte Wasserversorgung benötigen, dürfen weiterhin nicht nach Gaza transportiert werden. Das Leben von Kindern und ihren Familien steht auf dem Spiel. Jede Minute zählt."

UNICEF warnt seit November davor, dass Kinder im südlichen Gazastreifen nur 1,5 bis 2 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung haben, was weit unter dem empfohlenen Bedarf zum Überleben liegt. UNICEF und Partner haben bereits über 1,3 Millionen Menschen mit sauberem Trinkwasser erreicht, aber es ist noch viel mehr nötig, um die verzweifelte Lage zu verbessern. UNICEF hat außerdem medizinische Hilfsgüter, darunter 600.000 Dosen Impfstoff, Spezialnahrung und Vitamine für Kinder und schwangere Frauen sowie humanitäre Geldtransfers für über 500.000 Haushalte bereitgestellt.

Seit Beginn der Kämpfe unterstützt die WHO und ihre Partner das Gesundheitssystem im Gazastreifen mit der Lieferung von medizinischer Ausrüstung und Hilfsgütern, Medikamenten und Treibstoff, der Koordinierung medizinischer Notfallteams und der Überwachung von Krankheiten. Es gab mehr als ein Dutzend Hochrisiko-Missionen zur Versorgung von Krankenhäusern im nördlichen und südlichen Gazastreifen. Die WHO und Partner halfen bei der Einrichtung von zwei Küchen im Al-Shifa-Krankenhaus, in denen nun täglich 1.200 Mahlzeiten ausgegeben werden, und lieferten medizinische Hilfsgüter für die Behandlung von bis zu 1.250 Kindern mit schwerer akuter Mangelernährung sowie für die Einrichtung von therapeutischen Ernährungszentren.

"Die Menschen in Gaza leiden unter dem Mangel an Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten und angemessener medizinischer Versorgung. Eine Hungersnot wird die ohnehin schon schreckliche Situation noch katastrophaler machen, weil kranke Menschen eher dem Hungertod erliegen und hungernde Menschen anfälliger für Krankheiten sind", sagte WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Wir brauchen einen ungehinderten, sicheren Zugang für Hilfslieferungen und einen humanitären Waffenstillstand, um weiteres Sterben und Leiden zu verhindern."

Die Hilfsorganisationen benötigen dringend die israelische Erlaubnis, einen funktionierenden Hafen in der Nähe des Gazastreifens und der Grenzübergänge im Norden zu nutzen. Der Zugang zum Hafen von Ashdod, der etwa 40 km nördlich liegt, würde es ermöglichen, wesentlich größere Mengen an Hilfsgütern zu transportieren, die dann direkt in die schwer betroffenen nördlichen Regionen des Gazastreifens gebracht werden könnten, die bisher nur wenige Konvois erreichen konnten.

"Der Zustrom von Hilfsgütern war ein Rinnsal im Vergleich zu dem Ozean humanitärer Bedürfnisse", sagte Phillipe Lazzarini, Generalkommissar des UNO-Flüchtlingswerks (UNRWA). "Die humanitäre Hilfe wird nicht ausreichen, um den sich verschlimmernden Hunger in der Bevölkerung zu bekämpfen. Kommerzielle Lieferungen sind unabdingbar, damit die Märkte und der Privatsektor wieder geöffnet werden können und eine Alternative für den Zugang zu Nahrungsmitteln geschaffen wird."

Die Leiter der Hilfsorganisationen betonen die dringende Notwendigkeit, die Hindernisse und Beschränkungen für die Lieferung von Hilfsgütern nach und innerhalb des Gazastreifens aufzuheben und den Handelsverkehr wieder aufzunehmen. Sie bekräftigen ihre Forderung nach einer humanitären Waffenruhe, um lebenswichtige humanitäre Hilfe zu ermöglichen, die von mehreren Organisationen durchgeführt wird.

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Quelle:
Pressemitteilung vom 15. Januar 2024
Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen
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E-Mail: wfp.berlin@wfp.org
Internet: https://de.wfp.org

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 16. Januar 2024

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