Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL - Presseinformation, 06.06.2025 - Forschung
FAQ: Einfluss des Permafrosts auf Bergstürze
Der Permafrost in den Alpen erwärmt sich schnell und mit Auswirkungen auf grosse Felsinstabilitäten. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Die Veränderungen im alpinen Permafrost finden meist im Verborgenen statt, haben aber zunehmend bedeutende Konsequenzen für die Berggebiete. Die abnehmende Stabilität von Permafrosthängen beeinträchtigt Hochgebirgsinfrastrukturen und führt zu einer Zunahme von Naturgefahren wie Felsstürzen und Murgängen. Hier fassen wir einige grundlegenden Informationen über Permafrost in den Schweizer Alpen und seiner möglichen Rolle bei grossen Felsinstabilitäten zusammen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Als Permafrost werden Boden, Fels und Sedimente bezeichnet, in welchen die Temperatur für mindestens zwei Jahre (im Allgemeinen für deutlich längere Zeiträume) nie über null Grad Celsius steigt. In den Schweizer Alpen findet man Permafrost in Schuttgebieten oberhalb von circa 2200 m.ü.M. und in Felswänden oberhalb von circa 3000 m.ü.M. Schattseitig ist die Permafrostgrenze ein paar hundert Höhenmeter tiefer als in stark besonnten Südhängen. Er reicht bis in eine Tiefe von mehreren zehn Metern, auf den höchsten Gipfeln bis zu mehreren hundert Metern. In der Schweiz tritt Permafrost etwa auf drei Prozent der Landesfläche auf. Gemessene Jahresmittel der Permafrosttemperaturen reichen von bis zu minus zehn Grad Celsius in den höchsten nordseitigen Lagen zu nur wenig Grad unter null nahe der Permafrostgrenze. Der grösste Teil des Permafrosts in den Schweizer Alpen ist warm, das heisst, seine Temperatur liegt nur ein bis zwei Grad unter dem Schmelzpunkt. Einen einfachen Überblick über die Permafrostverteilung erhält man mit Hilfe der SLF Permafrostkarte (PGIM) unter maps.wsl.ch. In Klüften und in den mikroskopisch kleinen Poren (Hohlräumen) vom Permafrostfels existiert Eis, welches tausende Jahre alt sein kann. Dieses Eis kann nach einem Felssturz in der Anrisszone sichtbar werden, oft sind die kleinen Mengen aber auch kaum erkennbar.
Langfristige Messungen zeigen, dass die Permafrosttemperaturen in der Schweiz und weltweit in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen sind. In der Schweiz reichen die Messdaten bis ins Jahr 1988 zurück und seit 25 Jahren wird die Permafrostbeobachtung durch das Schweizer Permafrostmessnetz PERMOS [1] koordiniert. Die neuesten Auswertungen [2] zeigen Änderungen der Bodentemperaturen im Permafrostgebiet im letzten Jahrzehnt 2015?2024 in zehn Metern Tiefe zwischen -0.1 und +1.1 Grad Celsius. Die grössten Änderungen werden an kalten, hochgelegenen Standorten sowie in Felsgebieten beobachtet. Im Gegensatz zu Schutthalden enthält Fels-Permafrost wenig Eis und kann sich deshalb schneller erwärmen. In zwanzig Metern Tiefe ist die Erwärmung erst etwa halb so gross. In noch grösserer Tiefe von fünfzig Metern und mehr ist die Erwärmung noch klein, da die oberflächennahen Veränderungen der letzten Jahrzehnte erst mit grosser Verzögerung in dieser Tiefe ankommen. Eine Übersicht zu den Veränderungen der Permafrostverteilung in den obersten etwa zwanzig Metern des Bodens seit den 1980er Jahren ist ebenfalls auf maps.wsl.ch dargestellt.
Von einem Bergsturz spricht man generell ab sehr grossen Volumen von einer Million Kubikmeter und mehr. Ob ein Bergsturz möglich ist, hängt vom kombinierten Effekt dreier Faktoren ab:
Ermöglicht die Kombination aller drei Faktoren grundsätzlich einen Bergsturz, führen die Spannungen im Hang durch die Schwerkraft über tausende Jahre zur Felsermüdung und ein Bergsturz wird irgendwann eintreten. Weitere, von aussen einwirkende Faktoren können diesen Ermüdungsprozess beschleunigen und den Zeitpunkt eines Felssturzes beeinflussen.
Es existiert eine Vielzahl äusserer Einflussfaktoren. Je nach Ausgangssituation kann ihr Einfluss auf die Entwicklung einer Felssinstabilität sehr unterschiedlich ausfallen. Im Folgenden eine unvollständige Auswahl:
Änderungen im Permafrost können sowohl oberflächennahe Stürze wie Stein- oder Blockschlag beeinflussen, als auch tiefgründige Hangbewegungen von mehr als einer Millionen Kubikmetern, welche zu Bergstürzen führen können. Hier fokussieren wir auf den Einfluss von Permafrost auf Bergstürze.
Permafrosteis beeinflusst die Hydrologie von Berghängen. Fels im kalten Permafrost ist kaum wasserdurchlässig, da das Eis die Klüfte versiegelt. Erwärmt sich das Eis im Untergrund oder taut langsam auf, kann Wasser in Klüfte eindringen und zu Staudrücken führen. Das erhöht die Spannungen im Hang und beschleunigt die Felsermüdung. Dieser Prozess konnte beim Bergsturz vom Pizzo Cengalo bei Bondo im August 2017 beobachtet werden und spielt aktuell auch im Fall des Spitze Stei oberhalb von Kandersteg eine wichtige Rolle. Einige Felsarten verlieren ausserdem deutlich an Festigkeit, wenn sie mit Wasser gesättigt werden. Diese Effekte variieren stark in Abhängigkeit von Felsart, Klüftung und hydrologischer Ausgangssituation.
Auch Permafrosteis in Klüften und den mikroskopisch kleinen Poren im Fels kann Hangbewegungen beeinflussen. Eis ist ein plastisches Material, ähnlich wie Knete. Die Festigkeit von Eis nimmt mit steigender Temperatur ab. Ausserdem ist die Festigkeit von Eis davon abhängig, wie schnell es verformt wird. Je schneller Eis belastet wird, desto stärker leistet es Widerstand. Wird es sehr langsam belastet, leistet es keinen Widerstand. Permafrosteis kann daher unter Umständen die Deformationsgeschwindigkeit einer bestehenden Hanginstabilität limitieren und einen Sturz um Jahre oder sogar Jahrzehnte verzögern.
Das Ausmass dieser verzögernden Wirkung ist ebenfalls von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Am Pizzo Cengalo zum Beispiel, brachen intakte Felsstrukturen in immer grösserer Anzahl durch. Gegenüber deren Festigkeit ist jene von Eis wenig bedeutend (Hier war die oben erwähnte zunehmende Wasserdurchlässigkeit relevant). Am Spitze Stei oberhalb von Kandersteg handelt es sich um einen labilen Rutschprozess auf einer Gleitfläche mit viel höheren Deformationsgeschwindigkeiten. Hier kann die Festigkeit vom Eis einen Unterschied machen. Überwachungsdaten deuten drauf hin, dass Eis die Deformationsgeschwindigkeit limitiert und einen Absturz verzögert. Diese verzögernde Wirkung wird kleiner, wenn sich der Permafrost erwärmt oder auftaut.
Im Fall des Kleinen Nesthorns oberhalb von Blatten war die
Felsstruktur sturzanfällig. Jahrtausende wirkende Erosion durch
Gletscher hat den Hang steiler werden lassen, als es die Felsstruktur
langfristig erlaubt. Der Bereich der Abbruchstelle liegt im
Permafrostgebiet. Messungen an Standorten in ähnlicher Lage sowie die
Permafrosthinweiskarte des SLF [3] deuten im Anrissgebiet auf
Permafrosttemperaturen von minus drei bis minus zwei Grad Celsius und
eine Mächtigkeit von mehr als hundert Metern hin. Der Abbruch erfolgte
in grosser Tiefe und Permafrost in diesem Bereich ist von
langfristigen Änderungen beeinflusst und nicht von den
Witterungsbedingungen der letzten Wochen oder Monate. Wie überall in
den Schweizer Alpen oder den Gebirgen Europas hat sich der Permafrost
in den letzten Jahrzehnten auch am kleinen Nesthorn erwärmt. Es ist
daher möglich, dass Eisverlust und vermehrte Wassereinträge auch hier
zu Staudrücken und zusätzlichen Spannungen im Hang geführt haben
könnten. Dies wiederum könnte einen Absturz beschleunigt haben.
Genauere Untersuchungen der Felsstruktur, der Permafrostbedingungen
und des Destabilisierungsprozesses werden nun folgen und können
möglicherweise Anhaltspunkte dazu geben, welchen Einfluss die
Änderungen im Permafrost auf die Destabilisierung und deren Verlauf im
Fall des Kleinen Nesthorns hatte.
Links:
Bergsturz, Steinschlag und Co.: FAQ und Dossier
https://www.slf.ch/de/naturgefahren/bergsturz-steinschlag-und-co-faq-und-dossier/
Forum für Wissen Extremes: WSL Bericht
https://www.dora.lib4ri.ch/wsl/islandora/object/wsl:39736/datastream/PDF/
Forschungsgruppe Permafrost
https://www.slf.ch/de/permafrost/
[1] https://www.permos.ch/
[2] https://www.dora.lib4ri.ch/wsl/islandora/object/wsl%3A39741
[3] https://interactive-maps.wsl.ch/permafrost/
*
Quelle:
Presseinformation vom 06.06.2025
Eidg. Forschungsanstalt WSL
Zürcherstrasse 111, CH-8903 Birmensdorf
Tel.: +41 44-739 21 11
E-Mail:
Allgemeine Anfragen: wslinfo(at)wsl.ch
Medien: media(at)wsl.ch
Internet: www.wsl.ch
eröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 25. Juli 2025
Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang