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ARTENRAUB/332: "Eisbären, geliebt und verraten" - Wie deklarierter Schutz zu legalisierter Wilderei wird (DER RABE RALF)


DER RABE RALF
Nr. 236 - Oktober / November 2023
Die Berliner Umweltzeitung

"Ein toter Bär ist ein toter Bär"
Wie deklarierter Schutz zu legalisierter Wilderei wird

von Maiia Davletkhanova


In unserer Zeit wird sehr viel über den Schutz der Natur, der Tiere und der Biodiversität gesprochen. Umweltstiftungen werden gegründet, Freiwillige nehmen an Naturschutzaktionen teil, Gesetze zum Schutz von Arten und Lebensräumen werden beschlossen. Gewöhnliche Menschen bekommen den Eindruck, dass der Natur wunderbar geholfen ist und kein Ökologieproblem mehr unbeachtet bleibt. Es gibt jedoch erstaunlich große Lücken bei diesem Schutz. Eine davon ist die Eisbärenjagd.

Eine Geschichte ...

Wer das Buch "Eisbären, geliebt und verraten" von Morten Jørgensen in die Hand nimmt, wird vermuten: Das ist entweder ein wissenschaftliches, sehr schwer lesbares Werk oder ein dramatischer Roman. Umso erstaunlicher ist das, was man vorfindet: Das Buch gehört in Teilen zu beiden Genres, jeweils das Beste davon nehmend. Es erzählt die spannende, dramatische Geschichte eines Verhältnisses zwischen Tier und Mensch, eine Geschichte von Liebe und Verrat.

Morten Jørgensen ist Reiseveranstalter, Expeditionsleiter, Dozent, Autor, Fotograf und Naturschützer. Er hat sich seit 25 Jahren auf Expeditionen mit kleinen Schiffen in den Polarregionen spezialisiert. Jørgensen setzt sich dafür ein, den Schutz der Eisbären zu verbessern, indem er die Öffentlichkeit über das Versagen des derzeitigen Managementsystems informiert, das die Art zum Aussterben bringt.

... von Liebe ...

Das Buch hat acht Kapitel, eine Einleitung und einen Epilog. Jedes Kapitel belichtet ein besonderes Thema: Biologie der Eisbären, Bedrohungen für Eisbären, Jagd als die wichtigste Bedrohung, Manipulation mit Statistiken zu Eisbären-Populationen.

Weitere Kapitel sind den Strategien von Anrainerstaaten, der Frage der Inuit-Identität sowie den Perspektiven und möglichen Lösungen gewidmet. Das auf jeder Doppelseite vorhandene Bild drückt das Geliebtsein aus, der Text auf der Seite daneben spricht dagegen vom Verratenwerden. Der Kontrast zwischen beidem ist der rote Faden des Buches. Eine Besonderheit ist, dass ungefähr die Hälfte der Fotos farbig und die andere Hälfte schwarz-weiß ist, was sehr beeindruckend den Wechsel von Polartag und Polarnacht kennzeichnet.

Seit mehreren Jahrtausenden war der Eisbär sehr beliebt und respektiert. In der Mythologie der Inuit spielt "Nanuq", so das Inuktitut-Wort für Eisbär, eine bedeutende Rolle. Bis heute ziert der Eisbär das Wappen Grönlands und auch andere Wappen und Flaggen nordischer Städte und Regionen, wie Norilsk in Russland oder Hammerfest in Norwegen.

Die grönländischen Inuit nennen den Eisbären Angalatooq, großer Wanderer, wegen der extremen Distanzen, die die Tiere auf der Nahrungssuche zurücklegen, oft tausende Kilometer im Jahr. In der animistischen Tradition der Inuit wird der Eisbär aufgrund seiner Intelligenz, Kraft, Furchtlosigkeit und Ausdauer als das stärkste Totemtier verehrt. In Ostgrönland wird er auch Tornassuk genannt, Herr der helfenden Geister.

Auch in unserer Kultur sind Eisbären beliebt. In Literatur und Film, vor allem für Kinder, kommen immer wieder Eisbären vor. Die Beliebtheit von Fernsehsendungen und Fotobüchern über Eisbären ist seit Jahren ungebrochen. Und vor der Außenanlage mit den Eisbären im Zoo stehen immer Dutzende Besucher. Umso verstörender wirkt der Verrat.

... und Verrat

Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Schusswaffen und der Kommerzialisierung der Jagd hat das Ausmaß der Eisbärenjagd enorm zugenommen. Schon in 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde klar, dass der Eisbär zu verschwinden droht. Es gab nur einen Grund dafür - die Jagd.

1956 erließ die Sowjetunion ein Verbot der Eisbärenjagd auf ihrem Gebiet. 1972 verabschiedeten die USA den "Marine Mammal Protection Act", der nicht nur die Jagd auf Meeressäuger, sondern auch auf Eisbären untersagte. Ein Jahr später verbot Norwegen die Eisbärenjagd, außer zu "besonderen Zwecken". Kanada jedoch ging einen ganz anderen Weg und erlaubte 1970 die Trophäenjagd. Zwischen 1973 und 1977 unterzeichneten alle diese Länder sowie Dänemark (für Grönland) ein Abkommen zum Schutz der Eisbären. Trotzdem werden Eisbären weiter gejagt. Seit 1973 wurden jährlich fast tausend Eisbären absichtlich und größtenteils legal getötet, das sind fast drei Eisbären pro Tag. Nach den obengenannten "Schutzmaßnahmen" stieg die Zahl der getöteten Eisbären wieder um etwa 30 Prozent an.

Der Verrat an den Eisbären vollzieht sich unterschiedlich von Land zu Land. In Russland und Norwegen ist die Eisbärenjagd weiterhin verboten, die USA und Grönland haben Quoten für eine "nachhaltige Jagd" eingeführt. Gleichzeitig ist Norwegen einer der größten Importeure von Eisbärfellen und fördert damit die Eisbärenjagd. Auch Dänemark erlaubt die Einfuhr von Eisbärenkörperteilen. In Russland nehmen die Bestrebungen zu, die Eisbärenjagd wieder zu erlauben, unterstützt von parteiischen Wissenschaftlern aus den USA.

Für die allermeisten getöteten Eisbären ist jedoch Kanada verantwortlich. Als einziges der Länder hat Kanada die Jagd nicht eingeschränkt, sondern sogar eine auf Trophäenjagd basierende nationale Industrie aufgebaut. Das dazu geschaffene komplexe System bürokratischer Institutionen soll die Eisbärenjagd angeblich regulieren und kontrollieren. In Kanada gibt es eine lange Tradition der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, die bereit sind, die geforderten Zahlen zu liefern. Die kommerzielle Jagd mithilfe verfälschter Daten ist das schlimmste, was den Eisbären angetan wird.

In Ländern, in denen die Eisbärenjagd erlaubt ist, wird sie sehr schlau begründet und legalisiert. Die Eisbären werden in 19 Teilpopulationen untergliedert, obwohl sie Tausende von Kilometern wandern und damit nur eine einzige Eisbärenpopulation bilden. Der Begriff "nachhaltige Jagd" ist eine weitere Manipulation. Die Jagdquoten basieren auf unrealistischen Populationszahlen und Reproduktionsraten.

Das erinnert an den Aphorismus, der Benjamin Disraeli zugeschrieben wurde: "Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, verdammte Lügen und Statistiken."

Die Jagdquoten werden damit begründet, dass die Eisbärenjagd für die Inuit überlebensnotwendig sei. Deshalb wird ihnen hier ein besonderes Privileg zuerkannt. Dabei leben fast alle Inuit heute ein modernes Leben, kaufen im Lebensmittelhandel ein, wohnen in Häusern, nutzen das Internet. Eisbären sind für sie keine Nahrungsquelle. Die Eisbärenjagd ist rein kommerziell.

Die einzig mögliche Lösung

Sollte diese Geschichte keinen guten Ausgang haben, wäre sie eine Tragödie. Der Autor aber sieht sie optimistisch: Wenn wir die Eisbären retten wollen, ist das immer noch möglich. Dafür ist eine Reihe von wirksamen Schutzmaßnahmen nötig. Die wichtigste ist das vollständige Verbot der Eisbärenjagd und der Einfuhr von Eisbärfellen.

Auch jeder von uns kann etwas dafür tun: sich mit der Gesamtwirkung der von Menschen verursachten Bedrohungen auseinandersetzen, sich an Debatten beteiligen und vieles mehr. Wichtig ist auch zu verstehen, dass niemand das Privileg haben darf, Tiere einer bedrohten Art zu töten. Doch die wichtigste Botschaft des Buches ist: Lieben Sie die Natur und respektieren Sie sie, lassen Sie kein Aussterben von Tierarten zu! Denn: "Wenn sie einmal weg sind, sind sie weg."

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Morten Jørgensen:
Eisbären, geliebt und verraten
Aus dem Englischen von Melanie Glaubitz
Natur+Text, Rangsdorf 2023
208 Seiten, 24,90 Euro
ISBN 978-87-973965-2-0
https://www.naturundtext.de
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Quelle:
DER RABE RALF
34. Jahrgang, Nr. 236, Seite 27
ISSN: 1438-8065
Herausgeber:
GRÜNE LIGA Berlin e.V. - Netzwerk ökologischer Bewegungen
Prenzlauer Allee 8, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg
Redaktion DER RABE RALF:
Tel.: 030/44 33 91-47/-0, Fax: 030/44 33 91-33
E-mail: raberalf@grueneliga.de
Internet: www.raberalf.grueneliga-berlin.de
 
Erscheinen: zu Beginn gerader Monate
Abonnement: jährlich, 25 Euro

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 29. Dezember 2023

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