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WALD/265: Kein Räumen von Totholz - Neues Positionspapier von ROBIN WOOD (ROBIN WOOD magazin)


ROBIN WOOD magazin - Nr. 159/4.2023

Neues Positionspapier von ROBIN WOOD
Kein Räumen von Totholz

von Jana Ballenthien, ROBIN WOOD-Waldreferentin


Rund 600.000 Hektar Wald sind seit 2018 in Deutschland durch Extremwetterereignisse wie Stürme, Feuer, Hitze und Trockenheit und durch Borkenkäferbefall abgestorben. Diese abgestorbenen Flächen erreichten epische Ausmaße. Dazu, wie mit diesen Flächen zu verfahren ist, stehen sich Waldnaturschutz und Waldwirtschaft oft diametral gegenüber. Das neue ROBIN WOOD-Positionspapier zu den Totholzflächen soll die Argumente des Waldnaturschutzes bündeln und der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Unsere Wälder leiden an den Folgeschäden des menschengemachten Klimawandels. Die weitaus höchste Absterberate zeigt die Fichte. Sie wird hauptsächlich in Monokultur gepflanzt und ist ein Schlaraffenland für den Borkenkäfer.

Der Befall einer Fläche bedeutet bei Fichte fast immer den Totalausfall aller Bäume. Während alle anderen Baumarten seit der ersten Erhebung von 1990 niemals die Absterberate von einem Prozent knackten, durchstieß die Fichte schon 2020 die Vier-Prozent-Marke und lag 2022 bei einem Rekordwert von 4,35 Prozent.

Das Märchen vom Schadholz und warum es dringend liegen gelassen werden muss

"Ich kann nicht pflanzen, wenn noch Schadholz auf der Fläche ist", äußerte Julia Klöckner sich noch bei einer Pressekonferenz am 28.08.2019. Es sei klar - die abgestorbene Fichte müsse weg. Inzwischen ist diese Meinung zum Glück auch in den Ministerien überholt, und die Subventionierung großflächiger Räumungen läuft in diesem Jahr aus. Warum viele Waldbesitzende immer noch zur Kettensäge greifen und damit riesige Kahlflächen schaffen, sei hier erläutert.

Muss das Schadholz billig verkauft werden, um ökonomische Verluste zu mildern?

Das "Schadholz" wirft zwar weniger Profit ab, dennoch lässt es sich verkaufen. Und das tun viele Waldbesitzende, um Verluste abzudämpfen. Das ist verständlich. Für manche sind die Verluste existenzbedrohend. Ökonomische Zwänge sollten aber in Zeiten der Klimakrise kein Kriterium mehr sein. Hier sind Förderinstrumente gefragt, die den ökonomischen Verlust abfangen, ohne dass die Fläche dafür geräumt werden muss.

Befallen die ausfliegenden Käfer benachbarte Flächen?

Ja, das ist richtig. Ist der Käfer allerdings erst einmal ausgeflogen, ist die Gefahr gebannt und zwar schon sieben bis zehn Wochen nach dem Befall. Seit 2018 zeigt sich, dass die betroffenen Flächen aufgrund ihrer Größe kaum mehr in diesem Zeitraum geräumt werden können. Insofern trifft dieses Argument in den meisten Fällen nicht zu.

Außerdem sind nur ähnlich monokulturelle Nachbarflächen gefährdet, die ohnehin keine Zukunft mehr haben. Die Chance für einen beschleunigten Waldumbau hin zu struktur- und artenreichen, altersdurchmischten Wäldern ist groß! Für die berechtigten ökonomischen Ängste gilt auch hier: Es braucht Fördergelder für eine naturnahe und zukunftsträchtige Waldwirtschaft, die Räumungen ausschließt.

Unter Fichte wächst nur Fichte?

Ja, auch das stimmt, zumindest bedingt. Wenn die angrenzenden Flächen ebenfalls nur aus Fichten bestehen, wie es in den besonders betroffenen Regionen der Mittelgebirge oft der Fall ist, ist es fast unmöglich, alleine durch Naturverjüngung einen vielfältigen und strukturreichen Mischwald zu etablieren. Aber sich alleine auf Naturverjüngung - also auf das Nachwachsen junger Bäume ohne menschliches Zutun - zu verlassen, ist auch nicht nötig! Oft wird argumentiert, es sei zu gefährlich die Schadflächen zu betreten solange sie nicht geräumt sind. Aber außer bei Sturmwurfflächen ist ein Betreten in den ersten zwei Jahren relativ gefahrlos möglich, und die Setzlinge können zwischen die abgestorbenen Bäume gepflanzt werden.

Das Bepflanzen von Kahlflächen hingegen beinhaltet unter den derzeitigen klimatischen Bedingungen ein großes ökonomisches Risiko und gleicht einem Lotteriespiel: Die Kosten für die Räumung der Flächen, für die Setzlinge und die Pflanzungen sind hoch. Und im schlimmsten Fall vertrocknen die Setzlinge im Folgejahr auf den aufgeheizten Kahlflächen.

Totholzflächen dagegen bieten Jungbäumen sehr gute Wachstumsbedingungen. Die Jungbäume finden dort mehr Schatten und Feuchtigkeit sowie Windruhe und niedrigere Temperaturen als auf den geräumten Flächen. Außerdem sind sie geschützter vor Hagel, Starkregen, Stürmen und Frost. Während des Verrottens setzt das Totholz in den Folgejahren Nährstoffe frei, von denen die nachfolgende Waldgeneration profitiert. Das Totholz ist zusätzlich eine gute und kostenlose Schutzmaßnahme vor Wildverbiss.

Biodiversität braucht Totholz

Nicht nur die nachfolgende Waldgeneration profitiert von den Nährstoffen des sich zersetzenden Totholzes. Auch andere Pflanzen sowie Tiere und Pilze nähren sich vom Holz, oder es ist für sie ein notwendiger Lebensraum. In jedem Sukzessions- und Verrottungszustand profitieren andere Arten vom Holz.

Für einige Rote Liste-Vogelarten in Deutschland eröffnen sich ungeahnte Chancen zur Erholung ihrer Population, so zum Beispiel für den Berglaubsänger, die Zippammer, den Dreizehenspecht, den Wendehals, den Gartenrotschwanz und das Auerhuhn. Sie finden in den Totholzflächen einen sehr attraktiven und seltenen Lebensraum. Baumfalken und andere Greifvögel finden genügend Jagdwarten, und die stark gefährdete Mopsfledermaus ausreichend Quartiere hinter Rindenschuppen. Totholzliebende Käfer und andere wirbellose Tiere finden ausreichend Totholz in verschiedenen Sukzessionsstadien.

Die abgestorbenen Flächen können das Artensterben in unseren totholzarmen Wäldern durch neue Habitat-Strukturen abzumildern. Wird hingegen die Fläche leergeräumt und der Boden mit schwerem Gerät verdichtet, und trocknet er anschließend aus, so sind all diese Chancen passé. Viele der oben genannten Arten und Bodenlebewesen wie Mikroorganismen, Pilze oder Käferarten sterben ab. Nährstoffe werden ausgewaschen.

Ein neues Ökosystem kann sich auf einer dann ungeeigneten Fläche jahrzehntelang nur mühevoll neu entwickeln. Zusätzlich wird die Entwicklung neuer Waldstrukturen mit der Klimakrise zunehmend schwieriger.

Anfang Texteinschub
ROBIN WOODs Forderungen an die Politik

• Großflächige Räumungen in geschädigten oder abgestorbenen Waldbeständen müssen künftig unterbleiben. Die Novelle des Bundeswaldgesetzes muss solche sogenannten "Sanitärhiebe" untersagen. Stattdessen muss das Holz zum Schutz von Klima und Artenvielfalt auf den Flächen verbleiben.

• Zudem müssen Waldbesitzende durch entsprechende Förderprogramme mehr ökonomische Anreize bekommen, Wälder naturnah zu bewirtschaften. Einen Hebel dafür bietet das "Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz (ANK)" der Bundesregierung. ROBIN WOOD fordert, die darin vorgesehenen Fördermittel an die Auflage zu knüpfen, geschädigte und abgestorbene Flächen naturnah und ohne flächige Räumungen umzubauen und der natürlichen Sukzession den Vorrang zu geben.

• Falls den Totholzflächen Holz entnommen wird, muss dies einer stofflichen Nutzungskaskade zugeführt werden.
Ende Texteinschub


Ungeräumte Totholzholzflächen mildern das lokale Klima und dienen weiter als CO2-Senken

Gleichzeitig verschärft die flächige Räumung von Totholzflächen die lokalen klimatischen Bedingungen. An heißen Sommertagen sind die Kahlflächen rund 15 Grad wärmer als Totholzflächen. Deren kühlende Wirkung ist vergleichbar mit der von intakten Waldflächen. Wird die Biomasse von den Totholzflächen geräumt, ist der Boden stark gefährdet, durch Witterungs- und Wettereinflüsse zu erodieren. Neben dem Auswaschen der Nährstoffe führt die Zerstörung der Humusschichten über mehrere Jahre zu weiteren CO2-Emissionen - eine zusätzliche Belastung für das Klima.

Leider ist es seit mehreren Jahren gängige Praxis, einen Großteil des geräumten Holzes zu verbrennen. Das schadet dem Klima doppelt, denn das im Holz gebundene CO2 wird sofort freigesetzt. Biomasse wächst zwar irgendwann nach und bindet CO2, aber das dauert angesichts der Schärfe der Klimakrise viel zu lange.

Die Mär von der nachhaltigen deutschen Forstwirtschaft

Wann immer ROBIN WOOD erwähnt, dass die Holzverbrennung unser Klima belastet, schlägt uns das Argument entgegen, dass dies nicht der Fall sei, wenn dem Wald - entsprechend der im Bundeswaldgesetz vorgegebenen ordnungsgemäßen, nachhaltigen Forstwirtschaft - nur so viel Holz entnommen würde wie nachwächst. Über die Interpretation von Nachhaltigkeit und den Anteil der nachhaltig entnehmbaren Biomassezuwächse gibt es unterschiedliche Ansichten. Aus Waldnaturschutzperspektive kann in Zeiten der Klimakrise nur eine naturnahe, ökosystemare Betrachtung des Waldes mit einer stark reduzierten Holzentnahme den Fortbestand unserer Wälder nachhaltig gewährleisten.

Treffen die klassischen Nachhaltigkeitskonzepte noch zu, wenn zwar einige Waldbesitzende nachhaltig wirtschaften, aber in den Forsten ihrer Nachbarn gigantische Kahlflächen existieren? Wohl kaum. Das bisherige Bundeswaldgesetz wie eine Bescheinigung für nachhaltige Waldbewirtschaftung vor sich her zu tragen, reicht nicht mehr. Denn über 600.000 Hektar Kahlflächen können nicht mit einem "Weiter-wie-bisher" auf den übrigen Flächen ausgeglichen werden.

Nie zuvor waren wir so dringend auf den Erhalt und die Wiederherstellung von intakten Waldökosystemen angewiesen wie jetzt. Doch die Belastbarkeit der Wälder nimmt in Zeiten des Klimawandels und des Artensterbens ab. Unser Umgang mit dem Ökosystem Wald muss sich an diese Gegebenheiten anpassen.

Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:
  • Knüllwald in Nordhessen. Großflächige Räumung von Fichten in einem Vogelschutzgebiet
  • Absterberate der Hauptbaumarten von 2020 bis 2022. Datenquelle: Bundesweite Waldzustandserhebung, Thünen-Institut, https//wo-apps.thuenen.de/apps/wze/
  • Eine großflächig beräumte Fläche im Harz bei Schierke in Sachsen-Anhalt


weitere Informationen:

wald@robinwood.de

ROBIN WOOD-Positionspapier wider die Totholzflächenräumung
https://www.robinwood.de/sites/default/files/Blog_Schadholzflaechen_Raeumungen_Kahlschlag_Totholz_final_0.pdf

aktuelle Zahlen des Thünen-Instituts
https://www.thuenen.de/de/themenfelder/klima-und-luft/emissionsinventare-buchhaltung-fuer-den-klimaschutz/standard-titel

"Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz (ANK)"
https://www.bmuv.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Naturschutz/ank_2023_kabinett_lang_bf.pdf

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Quelle:
ROBIN WOOD-Magazin Nr. 159/4.2023, Seite 22-24
Zeitschrift für Umweltschutz und Ökologie
Verlag:
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ISSN: 1437-7543
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 2. Januar 2024

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