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MASSNAHMEN/357: Schwalm und Nette - Feuchtgebiet am Tropf (BUND MAGAZIN)


BUND MAGAZIN - 4/2023
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND
Friends of the Earth Germany

Schwalm und Nette
Feuchtgebiet am Tropf

von Severin Zillich

Die Schwalmniederung an der niederländischen Grenze zählt zu den wichtigsten Feuchtgebieten in Nordrhein-Westfalen. Dabei hat ihr der nahe Braunkohletagebau längst das Wasser abgegraben.


Hinsichtlich der europäischen Schutzgebiete entlang der Schwalm geizt das Landesamt für Natur nicht mit Superlativen: »Der über weite Strecken naturnahe Komplex von Fließgewässern und Sumpf-, Bruch-, Quell- und Auenwäldern ist in dieser Größe und in solch gutem Zustand in Nordrhein-Westfalen einzigartig. Er ist damit von landesweiter und bundesweiter Bedeutung und hochgradig schutzwürdig.« Was die Behörde an dieser Stelle unterschlägt: Nur dank einem enormen technischen Aufwand fließt hier überhaupt noch Wasser.

Nordwestlich von Erkelenz im Kreis Heinsberg entspringt in einem Bruchwald die Schwalm. Ein großes Schild weist am Waldrand auf naturkundliche Besonderheiten hin. Einige Meter entfernt, im Waldesinneren, quillt Wasser aus dem Boden. Nur wer im Dämmerlicht genau hinsieht, erkennt: Die Quelle ist gar keine, das Wasser dringt aus einem breiten Metallrohr. Und nicht Grundwasser tritt hier zutage, sondern Grubenwasser. Weil es chemisch gereinigt wurde, spricht der Kohlekonzern RWE tatsächlich von »Ökowasser«.

Damit der nur 13 Kilometer entfernte Tagebau Garzweiler und die anderen Tagebaue nicht volllaufen, muss RWE unentwegt riesige Wassermengen abpumpen, 20 Milliarden Kubikmeter bisher. So sank der Grundwasserspiegel rapide, und das in weitem Umkreis. Auf etwa 3200 Quadratkilometern, einem Zehntel NRWs, wären alle vom Grundwasser abhängigen Feuchtgebiete längst trockengefallen, würde das abgepumpte Wasser nicht über Brunnen und Rohre, Sickerschlitze und Direkteinleitungen großflächig wieder verteilt.

Langzeitschäden

Auch die Schwalmniederung hängt seit Jahrzehnten an diesem Tropf. Und wird noch über Generationen daran bleiben. Dirk Jansen, der BUND-Geschäftsleiter in NRW, beschäftigt sich schon ewig mit den Umweltschäden des Braunkohle-Tagebaus. Er schätzt, dass nach dem geplanten Kohle-Aus 2030 die Pumpen noch 300 Jahre laufen müssen, um das Grundwasser wieder auf ein naturverträgliches Niveau zu heben.

Die Rückstellungen von RWE werden dafür kaum ausreichen. Um die Kosten langfristig zu decken, fordert der BUND eine Stiftung einzurichten. »Bis heute vermissen wir eine volkswirtschaftliche Gesamtbilanz der Kohleförderung, mit allen Langzeitfolgen für Klima, Wasserhaushalt und Kulturlandschaft«, so Jansen.

Mit Rheinwasser fluten?

Besonders aufwendig wird es, die Tagebaue nach ihrer Schließung zu fluten. Um die riesigen Gruben in Garzweiler und im benachbarten Hambach zu füllen (200 und 360 Meter tief), wird eine 45 Kilometer lange Leitung zum Rhein gelegt.

Bei Dormagen will man dafür 40 Jahre lang Wasser entnehmen, sechs Milliarden Kubikmeter insgesamt. Was dieser Aderlass wohl für einen Fluss im Klimastress bedeutet? Im August maß der Rheinpegel stellenweise nur noch vier Zentimeter ...

Allerdings ist die Flutung eine Voraussetzung dafür, dass die Kohlegruben standsicher bleiben und ihre Böschungen nicht abrutschen. Und dass Feuchtgebiete wie die Schwalmniederung überdauern. »Keine einfachen Antworten« sieht Dirk Jansen denn auch auf all die Fragen zu der irren Dimension und den Folgen der Rekultivierung im rheinischen Revier.

Um die geschundene Region nach dem Kohleausstieg zu reanimieren, fordert der BUND die verbliebenen Lebensräume ab 2030 großzügig zu verbinden. Mit einem Anschluss auch ans waldreiche Gewässersystem der Schwalm.

Feuchtes Mosaik

Ruhig liegt das Mühlenbruch in der Spätsommersonne. Die Schwalm schlängelt sich hier durch einen Erlen- und Eschenwald. Nebenbäche und Stillgewässer, offene Moorböden, Seggenriede und Weiden-Faulbaumgebüsche bilden ein kleinräumiges Mosaik. An vielen Stämmen haben die Nagezähne der Biber ihre Spuren hinterlassen. Insekten sirren und brummen herum, hier und da klopft ein Specht. Ansonsten regt sich wenig an diesem Nachmittag.

Auch wenn sie sich gerade rarmachen: Speziell für Vögel und Amphibien ist die Niederung von herausragendem Wert. Eine weitere Besonderheit sind üppige Vorkommen atlantischer Pflanzen wie Königsfarn und Kleines Helmkraut.

Unsichere Zukunft

Die Schwalm ist ein Refugium für viele Arten geblieben - weil und obwohl ihr seit Jahrzehnten künstlich Wasser zugeführt wird. Ihr Umland ist dicht besiedelt und intensiv bewirtschaftet. Dies steigert noch ihre Bedeutung für den Naturschutz und die Naherholung in der Region.

Zwar soll der Strukturwandel nach dem Aus für die Kohle selbstredend nachhaltig passieren. Doch Dirk Jansen hat Zweifel: »Etliche Kommunen planen bereits große Gewerbegebiete auf dem frei werdenden Grund.« Der BUND wird die Rekultivierung des Reviers daher aufmerksam begleiten. Damit die Schwalm sich in ferner Zukunft wieder aus echtem Quellwasser speist.

Mehr zum Thema
unter www.bund-nrw.de/braunkohle
- mit Informationen und Hintergründen
zur Situation im rheinischen Kohlerevier


Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:

  • Auwald im Mühlenbruch - die feuchten Wälder der Schwalmniederung sind einzigartig in NRW.
  • Auswirkung des Kohletagebaus auf die Menge des Grundwassers im Westen NRWs. Der Naturpark Schwalm-Nette umfasst diverse nationale und europäische Schutzgebiete.
  • Atlantische Pflanzen wie das Kleine Helmkraut sind eine Besonderheit der Schwalmniederung
  • Dichte Wälder begleiten die Schwalm und ihre Nebenbäche
  • Mithilfe von Rheinwasser soll der Tagebau Garzweiler zu einem der größten Seen Deutschlands werden.

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Quelle:
BUND MAGAZIN 4/2023, Seite 34-35
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Friends of the Earth Germany
Kaiserin-Augusta-Allee 5, 10553 Berlin
Tel. 030/27586-457, Fax. 030/27586-440
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 9. Februar 2024

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