Leo Lukas
Wer rettet die Retter?
Perry-Rhodan-Heft Nr. 3340
Agolei, 8. - 11. September 2250 NGZ
Nach der Vernichtung der OBJEKTIV-Station 4774 durch Fressmetall war es Terrybor, der Obersten Architektin der Wyconder, gelungen, zusammen mit Sichu Dorksteiger, Zhobotter und Meghan Ontares in einem Raumboot zu fliehen. Da auch ihr Schiff kontaminiert war, musste sie einen erheblichen Teil des Modulraumers absprengen und dabei 32 Wissenschaftler, die sich in den von Fressmetall befallenen Antriebs-Modulen aufhielten, dem Tod überlassen. Diese Entscheidung lastet schwer auf ihr, obwohl sie nicht anders hätte handeln können. In dieser Situation entstofflicht Sichu Dorksteiger ein weiteres Mal und niemand weiß, ob sie jemals wieder zurückkehren wird.
Die restlichen Module des Raumers sind manövrier- und kommunikationsunfähig und die Energie für die Lebenserhaltung neigt sich dem Ende zu. Nur der Orter funktioniert noch. Und so wissen die Havarierten, dass sie 97 Lichtjahre von der zerstörten OBJEKTIV-Station entfernt im Raum treiben. Da Terrybor ihr Flaggschiff RITAKOR mit der Nachricht, später nachzukommen, ins Wycosystem vorausgeschickt hatte, wird sie vorerst nicht vermisst und niemand sucht nach ihr.
Was sie bisher vor ihren Schicksalsgenossen verheimlicht hat, ist, dass die Verantwortlichen von OBJEKTIV 4774 schon vor neun Tagen einen hochfrequenten Psi-Puls aufgefangen haben, der exakt 14,03 Minuten anhält und sich alle 19 Stunden und 43 Minuten wiederholt. Er ähnelt den Suchimpulsen der wycondrischen Tech-Spürer, die das All nach Hinweisen auf den Einsatz wycondrischer Technik absuchen. Da ihre Ahnen selbst Technikdiebe waren, wollen sie verhindern, dass durch den Einsatz dieses gestohlenen Gutes die rechtmäßigen Besitzer auf die Diebe aufmerksam werden. Man befürchtet Vergeltungsmaßnahmen.
Bislang haben die Wyconder den Psi-Impuls, den sie nicht zuordnen konnten, ignoriert. Doch nun will Terrybor ihn nutzen, um auf ihr havariertes Boot aufmerksam zu machen. Sie weiht Zhobotter ein und bittet ihn, ihr zu helfen, aus dem Ortungsgerät kurzfristig einen Psi-Reflektor zu machen, damit der eintreffende Puls an den Absender reflektiert wird. Dafür wird alle Energie der noch funktionstüchtigen Geräte für 14,03 Minuten auf den Orter umgeleitet.
Diese Aktion führt tatsächlich zu einer Reaktion. In vier Millionen Kilometer Entfernung taucht ein Tryortan-Schlund auf, was schon recht ungewöhnlich ist, denn solche hyperphysikalischen Phänomene treten normalerweise nur in Begleitung von Hyperorkanen auf, von denen es in ihrer Umgebung keine Anzeichen gibt. Zu Meghans großer Erleichterung materialisiert in dem Moment Sichu Dorksteiger und meint, dass sie wohl durch das Auftauchen des Tryortan-Schlundes ins Einstein-Kontinuum zurückgedrückt wurde. Ihre Stofflichkeit ist aber nur von kurzer Dauer. Doch sie kann als Hyperphysikerin zur Klärung des Problems beitragen. Tryortan-Schlünde saugen Objekte auf und entlassen sie an ganz anderen Orten wieder in den Normalraum. Die versetzten Dinge kommen jedoch - wenn überhaupt - nicht immer heil an. Da den Schiffbrüchigen aber ohnehin keine andere Wahl bleibt, müssen sie sich dem Schlund anvertrauen.
Um Sichus Stofflichkeit für weitere zwei bis drei Stunden zu sichern, bekommt sie noch einmal Nanoroboter von Zhobotter, obwohl der selbst schon sehr geschwächt ist. Als Zhobotter zusammenbricht, stellt Meghan Ontares mit Entsetzen fest, dass seine nanorobotische Körperhälfte bereits durchscheinend ist und deren Organe derartig geschrumpft sind, dass sie kaum noch funktionieren dürften.
Das Raumboot wird eine Million und 200.000 Lichtjahre von ihrem Abstrahlpunkt entfernt wieder in den Normalraum entlassen. Für diese Strecke hätte der PHOENIX sechs Monate gebraucht. Die Schicksalsgenossen befinden sich nun am entgegengesetzten Ende der Agolei, in der Nähe eines Planeten, von dem die Streustrahlung hochwertiger, abgeschirmter Maschinen empfangen wird. Auf dem Hauptkontinent befindet sich eine gigantische urbane Anlage aus würfelförmigen Blöcken. Ehe sie sich versehen, werden sie mit ihrem Raumboot per Fiktivtransmitter genau in diese Stadt versetzt.
Terrybor befürchtet, dass ein Volk, das einen Tryortan-Schlund als Transportmittel nutzen kann, mit dem identisch sein könnte, das die Ahnen der Wyconder einst bestohlen hatten. Eine Nachricht ertönt über Normalfunk, die nur Sichu Dorksteiger versteht, denn sie ist in der Sprache der Mächtigen formuliert. "Willkommen auf Yorgil! Rettet, denn ihr seid gerettet worden!" Diese Botschaft wiederholt sich nach 14,03 Minuten. Auf Funkanrufe reagiert jedoch niemand. Da außer Sichu Dorksteiger keiner der Anwesenden einen funktionierenden Raumanzug trägt und die ammoniakhaltige Atmosphäre des Planeten nicht atembar ist, beschließt die Ator, das Raumboot zu verlassen, um Kontakt zu den Fremden aufzunehmen.
Die Ausmaße der Gebäude sind so gewaltig, dass hier wohl Riesen gewohnt haben müssen. Sichu wird Zeuge, wie rochenartige Wesen von riesigen Krebsen gejagt werden, obwohl diese selbst schon sehr angegriffen aussehen. Sie findet in einem Turm den Ort, von wo aus die Funknachricht gesendet wird. Die Höhe der Treppenstufen lässt auf sehr große Individuen schließen. Auch das Bedienpult des Senders weist überdimensionale Tasten auf. Nachdem Sichu einen Holoprojektor in Gang gesetzt hat, erhält sie die Fortsetzung der Nachricht. So erfährt sie, dass es sich bei der Sendung um einen Notruf handelt. Sichu wundert sich, dass ausgerechnet ein Volk, das einfach so Tryortan-Schlünde erzeugen kann, auf die Hilfe von Schiffbrüchigen angewiesen ist. Aber offenbar hat bislang noch niemand auf den Psi-Impuls reagiert.
Die Yorgiler sind nicht physisch vorhanden, denn ihre Bewusstseine befinden sich in Biospeichern. Sie sind ein digitalisiertes Kollektiv, das auf diese Weise Unsterblichkeit erlangt hat. Sichu muss nun herausfinden, welche Gefahr den Yorgilern droht. Diese bieten ihr an, ihr Raumboot per Tryortan-Schlund in besiedelte Welten zu schicken, wenn sie ihnen hilft. Um der besseren Verständigung willen versetzen die Yorgiler Sichu an einen anderen Ort, in das sogenannte Silo, in dem die Zeit schneller abläuft und sie trotz ihrer Halbstofflichkeit besser agieren kann. Hier erfährt sie über eine Gemäldegalerie die Geschichte der Yorgiler:
Deren Ahnen waren einst die Steuerleute einer Kleingalaxis gewesen, bei der es sich, wie Sichu vermutet, um einen Sternenschwarm handeln könnte. Dieser havarierte nach dem Angriff einer übermächtigen gegnerischen Fraktion, vermutlich der Terminalen Kolonne TRAITOR. Künstlich entfesselte Gravitationskräfte zerrissen vor 300 Millionen Jahren die Spiralgalaxis und formten sie zum Sternenstrom der Agolei um. Diese Katastrophe war der Auftakt eines extrem langen Krieges, der mit furchtbaren Waffen geführt wurde. Vor 26.000 Jahren verminte der übermächtige Gegner die gesamte Agolei mit Nekrophoren - Massenvernichtungswaffen der Chaotarchen. Diese sind Gegenstücke zu den Biophoren der Kosmokraten, die Leben und Intelligenz stiften. Die Zündung der Nekrophoren löste den sofortigen Tod aus - fast alle besiedelten Planeten wurden entvölkert.
Die Vorfahren der Yorgiler hatten versucht, diesem Verbrechen Einhalt zu gebieten, aber es war ihnen nur gelungen, die Zündung einer einzigen Nekrophore zu verhindern. Diese versiegelten sie und deponierten sie in einem Hyperkokon auf einem geeigneten Planeten. Um den Hyperkokon zu bewachen, gaben die verbliebenen ihrer Gemeinschaft - 1,5 Milliarden Individuen - ihre ursprünglich leibliche Existenz auf und transferierten sich in die Körper der auf diesem unwirtlichen Planeten existierenden Lebensform - in Riesenkrebse.
Um ihr Exil zu erleichtern installierte man Maschinen, die eine angenehmere Umwelt simulierten. Die rohen, rein zweckdienlichen Gebäude wurden innen wie außen durch bunte Projektionen überdeckt. Aber nach einiger Zeit fand sich eine bessere Lösung. Mittels weiterentwickelter Technologie wurde per Digitalisierung eine endgültige Vergeistigung ermöglicht. Gildhva war die treibende Kraft hinter dieser Bewegung, während ihr Gefährte Yornum sich nur wegen ihr zu diesem Schritt entschloss. Zusammen gaben sie ihrem digitalisierten Kollektiv den Namen Yorgil. Diejenigen, die diesen Schritt nicht wagten, blieben als Riesenkrebse auf dem Planeten zurück und degenerierten allmählich.
Doch nun ist der Hyperkokon durch einen starken sechsdimensionalen Impuls instabil geworden. Dieser Impuls entstand, als das Mentatron am 12. August 2250 NGZ auf der ELDA-RON explodierte, wodurch auch Sichus zeitweilige Entstofflichung verursacht wurde. Er hat die Zündungssequenz der Nekrophore wieder gestartet. Explodiert sie, entvölkert sie nicht nur den Planeten Yorgil, sondern weite Teile der gesamten Agolei. Also muss jemand in den Hyperkokon eindringen und die Zündung mit einem entsprechenden Psi-Impuls stoppen. Geräte, die einen solchen Impuls erzeugen, stehen dort zur Verfügung. Man muss sie nur aktivieren. Das Problem ist, dass Sichus Zustand schon so labil ist, dass sie nichts mehr anfassen kann. Ihren Schutzanzug kann sie nicht an jemand anderen abgeben, weil er der gleichen Entstofflichung unterliegt.
Zhobotter schlägt vor, Sichu sein gesamtes Nanokontingent zu übertragen. Das müsste ihre Stofflichkeit lange genug aufrechterhalten, um aktiv werden zu können. Für die Zwischenzeit würde er sein Bewusstsein ebenfalls digitalisieren lassen. Ihn fasziniert diese Daseinsform ohnehin, kommt sie der des PHOENIX doch sehr nah. Im Silo gibt es sogar noch einen Digitalisator, der das bewerkstelligen kann. Seine andere, organische Körperhälfte wird derweil in einem Kältetank konserviert.
Ausgestattet mit Zhobotters Nanorobotern gelingt es Sichu tatsächlich nach Überwindung einiger Hindernisse in den Hyperkokon einzudringen und die Zündung der Nekrophore mit einem Psi-Emitter zu stoppen.
Als sie danach an Bord des Raumboots zurückkehrt, muss sie jedoch feststellen, dass sie das Nanokontingent nicht mehr an Zhobotters organische Hälfte abgeben kann. Es will den Körper der Ator nicht mehr verlassen und Meg Ontares stellt fest, dass Sichus Körpermasse allmählich wieder zunimmt. Der Oszillationseffekt ist zum Erliegen gekommen. Zhobotter hatte mit dieser Entwicklung gerechnet und auch damit, nicht mehr in seinen Körper zurückkehren zu können. Das Nanokontingent ist nun eine Bindung mit Sichus Körper eingegangen. Doch was bedeutet das für sie? Verliert sie nun auch ihre Gefühle? Wird sie mit Perry überhaupt noch eine Ehe führen können? Ein großer Gewinn ist allerdings, dass die Nanoroboter ihre Alterung verlangsamen.
Zhobotter ist mit seinem Zustand zufrieden, denn durch die Digitalisierung seines Bewusstseins hat er bei den Yorgilern seine Menschlichkeit zurückgewonnen. Er muss keine Gefühle mehr simulieren, sondern empfindet sie tatsächlich. Die Yorgiler haben ihn gerne bei sich aufgenommen und nun klingt er geradezu glücklich und gelöst, als er von ihnen ausrichten lässt, die Wyconder sollten sich der Welt gegenüber öffnen. Ihre Furcht, für den Diebstahl ihrer Ahnen verantwortlich gemacht werden zu können, sei vollkommen unbegründet.
Die Yorgiler halten ihre Abmachung ein und versetzen das Raumboot mit einem Tryortan-Schlund an einen Ort, wo seine Insassen gerettet werden können. Dass dies jedoch genau die Stelle ist, von der sie geholt worden sind, entsetzt Terrybor zunächst. Doch die Wyconder sind längst auf den zweimaligen Aufriss eines Tryortan-Schlunds aufmerksam geworden. Wenig später materialisiert die RITAKOR. Allerdings fordert die Kommandantin des Schiffs Terrybor auf, sich zu ergeben und als Verräterin auszuliefern. Die Oberste Architektin lässt sich darauf ein.
29. August 2025
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