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ITALIEN/490: Proteste gegen Inbetriebnahme einer weiteren Erdgasverflüssigungsanlage (Gerhard Feldbauer)


Weitere Erdgasverflüssigungsanlage in Italien nimmt Betrieb auf

Umweltschützer warnen, dass giftige, chlororganische Verbindungen in den Lebensmittelkreislauf gelangen

von Gerhard Feldbauer, 2. März 2024


Unter anhaltenden Protesten der Bevölkerung nimmt in diesen Tagen in der toskanischen Stadt Piombino ein weiterer LNG seine Arbeit auf. Die Lieferung von Flüssig-Erdgas kommt aus der Hafenstadt Pointe-Noire der Republik Kongo, mit der der italienische Energiekonzern Ente Nazionale Idrocarburi (ENI) das Fünf-Milliarden-US-Dollar-Projekt "Congo LNG" geschlossen hat. Die Lieferung sollen rund 4,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erreichen.

Es ist der vierte LNG-Terminal, der in Italien in Betrieb genommen wird. In Ravenna in der Emilia Romagna ist ein gigantisches, 300 Meter langes und fast 50 Meter hohes LNG-Schiff vor der Küste der Stadt installiert worden, das jährlich 5 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus verflüssigtem Zustand bei minus 162 Grad in den gasförmigen Zustand umwandeln soll. Außerdem sind in Italien - im Hafen von Panigaglia (Ligurien) und vor der Küste von Porto Viro auf Sardinien - bereits 2 solche Anlagen in Betrieb. Umweltschützer warnen vor der Gefahr, dass giftige, chlororganische Verbindungen in den Lebensmittelkreislauf gelangen können.

Das in Ravenna 8,5 km von der Küste von Punta Marina entfernt liegende Schiff wird durch eine Pipeline auf See und eine weitere, 34 km lange an Land verbunden, um das Gas in das Verteilungsnetz nordwestlich von Ravenna zu bringen. Das Netz verläuft südlich von Ravenna zwischen Tälern, Flüssen und Landschaften. Vertreter von Greenpeace warnen, dass der normale Betrieb eines Regasifizierungsterminals die Verwendung des Bleichmittels (NaClO) in einem kontinuierlichen Zyklus als Antifouling erfordert. Riesige Mengen Meerwasser fließen so durch diese Rohre, und werden dann kalt, gechlort und sterilisiert ins Meer zurückgeführt, wobei das Risiko besteht, dass giftige, mutagene, biologisch schwer abbaubare chlororganische Verbindungen in den Lebensmittelkreislauf gelangen.

Die Umweltaktivistin Nadia d'Arco, Sprecherin von No Rigas, verwies schon vor längerer Zeit darauf, dass das Wasser der Adria niedrig ist und häufige Baggerarbeiten für die Installation und Beständigkeit erforderlich seien, ganz zu schweigen von den etwa 50 Gas-Tankern, die jährlich um sie herum kreisen werden. Die Wiedervergaser implizierten auch eine Verbreitung von LNG-Tankern auf See und LNG-Lagerstätten entlang der Küsten, mit einem erhöhten Unfallrisiko. Außerdem sollte man daran denken, dass das LNG aus Tausenden von Kilometern Entfernung kommt, was eine Energieverschwendung sei und dass es ferner u. a. durch Fracking produziert wird, was ebenfalls verheerend für die Umwelt und das Grundwasser sei.

Die Errichtung der Regasifizierungsterminals begann unter der Regierung Mario Draghis nach dem Krieg in der Ukraine, um Italien, das aus Russland mit 29 Mrd. Kubikmetern Gas 40,6 % seines Bedarfs bezog, von der Lieferung aus Russland unabhängig zu machen, und wird von der Regierung Meloni forciert. Dazu kaufte der Konzern Società Nazionale Metanodotti (SNAM), ein italienischer Fernleitungsnetzbetreiber für Erdgas, für jeweils etwa 300 Millionen Euro drei schwimmende Regasifizierungsterminals - für Piombino die "Golar Tundra", für Ravenna die "BW Singapur" und das dritte, die "Golar Arctic", für Sardinien. In Ravenna leitet der Präsident der Region Emilia Romagna, Stefano Bonaccini, Vorsitzender des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), der noch von Draghi zum außerordentlichen Kommissar ernannt wurde, die Arbeiten. Er betrachtet seine Region mit Ravenna als "nationales Gasdrehkreuz" und steht damit "im Einklang mit den Positionen der Regierung Meloni".

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Quelle:
© 2024 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 5. März 2024

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