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WIRTSCHAFT/142: Wettlauf ins Weltall - EU will bis 2028 eigenes Raumschiff entwickeln (Gerhard Feldbauer)


Wettlauf ins Weltall

EU will bis 2028 eigenes Raumschiff entwickeln
Italien baut die Trägerrakete Ariane

von Gerhard Feldbauer, 23. November 2023


Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA will bis 2028 ein eigenes Raumschiff entwickeln, für das Italien die Trägerrakete Ariane-6 auf die Startrampe bringen wird. Das wurde, wie der europäische Fernsehsender Euronews berichtete, von den 22 Mitgliedsländern der ESA am 6./7. November auf ihrem Gipfel im spanischen Sevilla beschlossen. Damit beginne ein neues "Weltraum-Zeitalters für Europa". Das Thema habe danach auch im Mittelpunkt der EU-Weltraumwoche der Agentur des Weltraumprogramms der EU (EUSPA) gestanden. Grundlage für einen Großteil der Entscheidungen in Sevilla waren - angefangen bei der Programmierung der Starts der Ariane 6 bis zum Ziel, 2030 einen europäischen Astronauten auf den Mond zu bringen - Vereinbarungen, die der italienische Wirtschaftsminister Adolfo Urso, sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire und der deutsche Vizekanzler Robert Habeck unterzeichneten. Dazu sprach Urso Klartext und sagte, dass die erzielte Einigung "den Weg zu einer breiteren Konvergenz in der industriellen Verteidigungspolitik ebnen kann", und dass "Weltraum- und Kriegsperspektiven eng miteinander verbunden sind". Dieses trilaterale Format versuche, "die treibende Kraft hinter der EU als umfassender geostrategischer Akteur zu sein", kommentierte das kommunistische Magazin Contropiano auf seinem Online-Portal.

Der Raumtransporter soll zunächst Fracht zur Internationalen Raumstation ISS fliegen und von dort zur Erde zurückkehren, aber so konzipiert sein, dass er für eigenständige europäische Missionen ausgebaut wird und später auch Menschen ins All transportieren kann. Auch an künftige Flüge zum Mond werde gedacht. Des Weiteren habe man auch die zunehmende Kommerzialisierung des Weltraums und den steigenden Einfluss privater Akteure vor allem aus den USA, wo Elon Musk mit seiner Firma SpaceX schon jetzt die kommerzielle Raumfahrt dominiere, im Blick, zumal der New Space Economy Markt derzeit einen Wert von 460 Milliarden Dollar hat, der aber im Jahr 2030 schätzungsweise 1000 Milliarden Dollar erreichen soll.

Der italienische Experte, Ingenieur Marcello Spagnulo, verdeutlichte in der Fachzeitung Airpress, Europa müsse "eine eigene Autonomie in der bemannten und robotisierten Raumfahrt haben, weil die Welt nicht nur geopolitisch, sondern auch technologisch wirklich multipolar geworden ist". Entgegen den Begründungen, den Weltraum für eine "grüne Zukunft zu nutzen" und die Raumfahrt "nachhaltiger" zu gestalten, gehe es dabei vor allem um die Militarisierung im Weltall, bei der die Projekte der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie einen strategischen Sektor im globalen Wettlauf ins All bilden, so Contropiano weiter. Mit der Vergabe der Herstellung der Trägerrakete Ariane 6 habe sich Italien "bei der Militarisierung im Weltall durch die Europäische Union einen Spitzenplatz gesichert".

Rom fängt nicht bei Null an, sondern kann vor allem zurückgreifen auf seine Erfahrungen, so des Raumfahrtkonzerns SNIA der früheren Turiner Fiat-Gruppe, der schon in den 80er Jahren SDI-Aufträge erhielt, an Raumfahrtprojekten von Arianespace und EUREKA beteiligt war und Motoren und Hitzeschilde für Satelliten lieferte und Raketentreibstoff produzierte, der beim amerikanischen Space Shuttle und auch bei militärisch genutzten Raketen verwendet wurde. Das trifft auch auf die Ariane 6 zu, die mit einer Nutzlast von 5 bis 11,5 t von der Avio Aero hergestellt wird, Nachfolger des italienischen Flugzeug- und Triebwerkherstellers Fiat Aviazione, heute eine Tochtergesellschaft der US-amerikanischen General Electric Aviation.

Die ESA-Mitgliedstaaten Frankreich, Deutschland und Italien wollen in das Ariane-6-Raketenprogramm jährlich bis zu 340 Millionen Euro investieren. Insgesamt hat die ESA bereits rund vier Milliarden Euro in die Entwicklung der Rakete gesteckt. 2024 soll sie nach mehrfachen Verschiebungen endlich an den Start gehen. Zum Programm gehört ferner die ebenfalls von Avio produzierte kleinere Trägerrakete Vettore Europeo di Generazione Avanzata (Vega-C), die bis zu 2,5 Tonnen transportieren kann.

Die ESA will (oder kann) sich dennoch von den USA nicht abkoppeln. Sie hat eine Vereinbarung mit Airbus und Voyager Space unterzeichnet, um die Zusammenarbeit in diesem Bereich zu vertiefen, wobei Europa ein autonomer Zugang zum Weltraum garantiert werden soll.

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Quelle:
© 2023 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 24. November 2023

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