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MEMORIAL/270: Die Schlacht um Monte Cassino - Eisenhowers Tatenlosigkeit kostete 60.000 alliierte Soldaten das Leben (Gerhard Feldbauer)


Die Schlacht um Monte Cassino

Eisenhowers Tatenlosigkeit bezahlten 60.000 alliierte Soldaten mit ihrem Leben

von Gerhard Feldbauer, 13. Januar 2024


Nach monatelangen Verzögerungen der Kampfhandlungen eröffneten die anglo-amerikanischen Truppen am 17. Januar 1944 ihre Offensive gegen die sogenannte Gustav-Linie der Hitlerwehrmacht mit der Schlüsselstellung auf dem 519 Meter hohen Monte Cassino, etwa 120 km südlich von Rom. Bereits am 3. Januar hatten US Special Forces im Vorfeld der deutschen Stellungen mit der Gefechtsaufklärung begonnen.

Nach der Kapitulation Italiens und dem Waffenstillstand am 8. September 1943 hatte der Befehlshaber des anglo-amerikanischen Mittelmeerkommandos, General Dwight D. Eisenhower, auf eine Landung bei Rom verzichtet und den italienischen Streitkräften, die der Besetzung Nord- und Mittelitaliens durch die Wehrmacht Widerstand leisteten, keinerlei Unterstützung gewährt. In Rom wurden vier italienische Divisionen, die den Wehrmachtstruppen entgegentraten, im Stich gelassen. Mit einer Landeoperation bei Rom wäre es möglich gewesen, die Wehrmachtstruppen aufzuspalten, was wegen der Versorgungsschwierigkeiten zu deren baldiger Vernichtung im Süden hätte führen können. Stattdessen landeten die Alliierten mit ihrer Hauptstreitmacht am 9. September bei Salerno südlich von Neapel. Sie verharrten auch vor der Stadt und gewährten den Partisanen, die sich am 28. September gegen die Hitlerwehrmacht erhoben, keine Hilfe. In viertägigen Kämpfen, bei denen 311 Neapolitaner fielen und 162 verwundet wurden, vertrieben die Aufständischen die deutschen Besatzer noch vor dem Eintreffen der Anglo-Amerikaner am 1. Oktober 1943 aus der Stadt.

Tatenlos hatte Eisenhower auch zugelassen, dass die Hitlerwehrmacht 120 Kilometer südlich von Rom die sogenannte Gustav-Linie mit der Schlüsselstellung auf dem 519 Meter hohen Monte Cassino errichten konnte. Die Abwehrfront reichte von der Garigliano-Mündung am Tyrrhenischen Meer quer durch das unwegsame Gebirge bis zu der des Sangro an der Adria. Eisenhowers Handeln im Herbst 1943 beruhte darauf, dass Churchill und reaktionäre US-Kreise auf den Sieg der Hitlerwehrmacht setzten. Erst als die Rote Armee zur Befreiung der besetzten Gebiete der UdSSR, Rumäniens, Ungarns und Bulgariens ansetzte, sahen sich die anglo-amerikanischen Alliierten zur Kehrtwende veranlasst und gingen zur Offensive an der Gustav-Linie wie auch zur Eröffnung der zwei Jahre verzögerten zweiten Front in Frankreich über, da sie jetzt befürchteten, die Rote Armee könnte allein in Deutschland einmarschieren und selbst zum Rhein vorstoßen.

Die Gustav-Linie verteidigten rund 50.000 Soldaten der 10. und 14. Armee der Wehrmacht, darunter das XIV. Panzerkorps, gegen die in der Endphase der Schlacht 140.000 Mann der 5. US-Army und 240.000 der 8. Britischen Armee, die mit über 1.600 Geschützen zum Angriff antraten. Unter dem Befehlshaber der anglo-amerikanischen Truppen in Italien, General Harold Alexander, kämpften Angehörige von 20 Ländern, darunter aus Südamerika, Indien, Australien, Neuseeland, polnische Exilverbände und eine internationale jüdische Einheit. Bei den monatelangen Kämpfen nutzten die Alliierten lange nicht ihre Überlegenheit an Kräften und Material und verzichteten auch auf massive Luftbombardements.

Mit dem Ziel, eine zweite Ausgangsstellung zu schaffen und die Verteidiger einzukreisen, landeten die Alliierten am 22. Januar mit zwei Divisionen südlich von Rom bei Anzio und Nettuno an der Adriaküste im Hinterland der Deutschen. Auch dieser Seelandung fehlte die nötige Stoßkraft. Die herangeführten Wehrmachts-Einheiten drängten die alliierten Verbände in die Verteidigung und verhinderten den Ausbau des Brückenkopfes. Die schwersten Kämpfe fanden vor den am stärksten befestigten westlichen Verteidigungsstellungen statt. Auch hier konnte die Wehrmacht den Vorstoß durch das Liri-Tal an der Küste des Latiums in Richtung Rom aufhalten.

Auf dem Berg befand sich das Jahrhunderte alte Benediktiner-Kloster mit einer Bibliothek mit etwa 1200 historischen Büchern und Dokumenten, Bildern von Leonardo da Vinci, Tizian und Raffael sowie den sterblichen Überresten des Benedikt von Nursia. Der Vatikan intervenierte, den unersetzlichen architektonischen Schatz in die Engelsburg nach Rom in Sicherheit zu bringen. Von dem Kloster aus konnte das gesamte Umfeld des Berges mit den Angriffsstellungen der Alliierten eingesehen und beobachtet werden. Entgegen den Verlautbarungen des deutschen Oberbefehlshabers der Wehrmacht in Italien, Generalfeldmarschall Kesselring, er habe die Einbeziehung des Klosters in die deutschen Stellungen verboten, erklärte das Alliierte Kommando, ihre Aufklärung habe festgestellt, dass aus dem Kloster Gefechtsaufklärer und Artilleriebeobachter die Verteidigung leiteten. Zwischenzeitlich wurden die Kunstschätze des Klosters von Einheiten der SS-Panzerdivision "Hermann Göring" in den Vatikan evakuiert. Dabei wurden 13 Meisterwerke geraubt, die nach Kriegsende in einem Stollen des Salzbergwerks Altaussee, wo Hitler und Göring ihre Kunstsammlungen untergebracht hatten, gefunden wurden.

Nach der Evakuierung der Kunstschätze eröffneten am 15. Februar 229 "B-17 Flying Fortress" (Fliegende Festungen) des 96. US-Bombergeschwaders (Red Devils) die Luftangriffe auf den Monte Cassino und warfen 500 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab. Am Vortag hatte das Alliierte Kommando die im Kloster anwesenden Menschen mit Flugblättern aufgefordert, die Abtei zu verlassen. Bomberpiloten meldeten, dass etwa 100 deutsche Soldaten "fluchtartig das Kloster verließen". Zusammen mit schwerem Artilleriebeschuss wurde das Kloster binnen dreier Stunden mit Ausnahme der Krypta völlig zerstört. Von den etwa 800 Menschen - Mönche und schutzsuchende Einwohner -, die sich zu Beginn der Angriffe im Kloster und dessen Kellergewölben aufhielten, sollen nach unterschiedlichen Angaben zwischen 250 und 427 ums Leben gekommen sein. Auch die Stadt Cassino, umliegende Städte und Dörfer erlitten das gleiche Schicksal.

Nachdem sich der Vatikan hinter die Behauptungen Kesselrings gestellt hatte, rechtfertigte US-Präsident Franklin D. Roosevelt persönlich die alliierten Luftangriffe und erklärte auf einer Pressekonferenz, dass "die Deutschen es zu militärischen Zwecken verwendet hätten" (United Press, 16. Februar 1944). Der Oberbefehlshaber der US Air Force, Henry H. Arnold, nannte die Bombardierung ein "Wahrzeichen für die Zerstörungskraft der Air Force". Das Alliierte Kommando nutzte jedoch auch den moralischen Faktor der Bombardierung der deutschen Stellungen auf dem Monte Cassino und seine Lufthoheit nicht zu einem entscheidenden Sturm. So zogen sich die Kämpfe noch fast drei Monate hin, ehe am 11. Mai die 5. Amerikanische Armee aus dem Landekopf bei Anzio und Nettuno und die 8. Britische Armee beiderseits von Monte Cassino den Widerstand der Wehrmacht brachen. Angesichts der sich verschlechternden militärischen Situation in Italien insgesamt befahl Kesselring am 17. Mai den Rückzug nach Norden. Einen Tag später besetzten als Erstes polnische Einheiten unter General Wladislaw Anders die Ruinen von Monte Cassino. Sie gelten in Polen als nationales Symbol für den Tod tausender polnischer Soldaten, die im Exil auf Seiten der Alliierten für die Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus ihr Leben ließen. Dem Ereignis ist das Lied Czerwone maki na Monte Cassino, zu Deutsch Roter Mohn am Monte Cassino gewidmet.

Dass Eisenhower im Herbst 1943 tatenlos die Errichtung der Gustav-Linie der Hitlerwehrmacht zugelassen hatte, bezahlten in der Schlacht um Monte Cassino etwa 60.000 alliierte Soldaten mit ihrem Leben. Die deutschen Verluste betrugen 24.000 Mann.

Mit dem Fall von Monte Cassino war der Weg nach Rom frei, in das am 4. Juni die 1. US-Panzerdivision und die 36. US-Infanteriedivision kampflos einrückten. Im Ergebnis von Verhandlungen Papst Pius XII. mit dem SS-Kommandanten von Rom, General Wolff, war Rom vorher zur offenen Stadt erklärt worden.

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Quelle:
© 2024 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 16. Januar 2024

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