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MEMORIAL/271: Revolutionärer Prozess - Vor 175 Jahren Ausrufung der "Römischen Republik" in Italien (Gerhard Feldbauer)


Vor 175 Jahren

Mit der Ausrufung der "Römischen Republik" erreichte die Revolution von 1848/49 in Italien ihren Höhepunkt
Nach der Niederlage ging der revolutionäre Prozess in Italien weiter und endete 1860/70 mit einem Dreiviertelsieg

von Gerhard Feldbauer, 15. Januar 2024


Als im November 1848 in Rom Nachrichten über einen reaktionären Staatsstreich des Papstes bekannt wurden, brachten junge Revolutionäre am 15. des Monats den Innenminister des Papstes, Pellegrino Rossi, im Stile eines Tyrannenmordes um. Als er die Vorhalle seines Amtssitzes im Palazzo della Cancelleria betrat, umringten ihn mehrere junge Leute in Uniformen des päpstlichen Korps, das am Befreiungskrieg gegen Österreich teilgenommen hatte, und brachten ihm mit Dolchen tödliche Stiche bei. Giuseppe Garibaldi schrieb später, "ein junger Römer hat zum Dolch des Marcus Brutus gegriffen." [1] Der Anschlag gab das Signal zum Aufstand gegen die päpstliche Fremdherrschaft. Eine große Menschenmenge begab sich am nächsten Tag zum Quirinalspalast [2], verlangte, eine provisorische Regierung zu bilden und eine Verfassungsgebende Versammlung einzuberufen. Pius IX. lehnte ab und ließ seine Truppen gegen die Menge vorgehen. Mit Hilfe von Nationalgardisten vertrieben die Demonstranten die päpstlichen Einheiten. In der Nacht zum 24. November floh Pius IX. mit seinen Kardinälen nach der neapolitanischen Festung Gaeta.


Die "Römische Republik"

Am 21. Januar 1849 wählten die Revolutionäre eine Verfassungsgebende Nationalversammlung, die am 8. Februar die "Römische Republik" ausrief und die weltliche Herrschaft des Papstes aufhob. Die italienische Revolution erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt. Das gewählte Parlament, in dem neben den revolutionären Demokraten mit Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi an der Spitze die Handels- und Industriebourgeoisie starken Einfluss hatte, beschloss eine Reihe bürgerlich-demokratischer Reformen: Es nationalisierte den Kirchenbesitz und übergab ihn gegen rückzahlbare Staatsanleihen an landlose und landarme Bauern in Erbpacht, beseitigte die kirchliche Gerichtsbarkeit, erklärte die Unabhängigkeit der Schulen von bischöflicher Intervention und dekretierte die progressive Besteuerung.


Der Beginn der Revolution

Die revolutionären Erhebungen hatten in Italien im Januar 1848 mit Volksaufständen in Mailand, auf Sizilien und in Neapel, wo Ferdinand II. gezwungen wurde, einer Verfassung zuzustimmen, begonnen. Ähnliche Zugeständnisse erkämpften die Volksmassen in der Toskana, im Königreich Sardinien-Piemont. Der Wiener Märzrevolution folgten Erhebungen in ganz Norditalien. General Radetzky wurde aus Mailand vertrieben, Piemont zum Krieg gegen Österreich gezwungen. Aus Angst, der sichere Sieg würde die Volksmassen und den radikal-demokratischen Flügel der nationalen Bewegung stärken, die kompromissbereite liberale Bourgeoisie dagegen schwächen, ließ sich König Alberto lieber schlagen und schloss schließlich einen Waffenstillstand. [3]


Die "Feigheit des piemontesischen Königtums"

Die Römische Republik führte zum neuen revolutionären Aufschwung in weiten Teilen Italiens. König Alberto wurde zu einem nochmaligen Waffengang mit Österreich gezwungen. Er lehnte es wiederum ab, das Volk zu mobilisieren, nahm am 23. März bei Novara erneut eine Niederlage hin und floh danach ins Ausland. Hätte Piemont "den Mut, zu revolutionären Mitteln zu greifen, es wäre nichts verloren. Aber die italienische Unabhängigkeit geht verloren nicht an der Unbesiegbarkeit der österreichischen Waffen, sondern an der Feigheit des piemontesischen Königtums", schrieb Friedrich Engels am 1. April in der "Neuen Rheinischen Zeitung".

Nach der Ausrufung der Römischen Republik ruhten nun alle Hoffnungen auf Rom. Bereits am 12. Dezember 1848 war Garibaldi mit 1.260 Mann seines Freikorps in der Hauptstadt der Revolution eingetroffen. Garibaldi hatte im Februar 1834 in Genua an einem Aufstand zum Sturz der Feudalmacht und der Fremdherrschaft teilgenommen, der scheiterte. Danach gelang ihm die Flucht nach Marseille. In Abwesenheit zum Tode verurteilt, emigrierte er 1835 nach Südamerika, wo er mit Freischärlern für die Unabhängigkeit der Republik Rio do Sul, später Santa Catarina und Uruguay kämpfte. 1843 formierte er eine italienische Legion, deren Mitglieder rote Hemden trugen, die später auch in Italien zum symbolischen Kleidungsstück seiner Kämpfer wurden.


Unumstrittener Nationalheld

Als 1848 die Revolution ausbrach, kehrte Garibaldi nach Italien zurück. Zusammen mit Mazzini wurde er Führer des revolutionär-demokratischen Flügels der nationalen Bewegung und General der Befreiungskriege. Er wurde der unumstrittene Nationalheld dieser Epoche, eine herausragende Persönlichkeit, wie sie kaum eine andere Revolution des 19. Jahrhunderts hervorbrachte. Zeitgenossen schilderten ihn als eine faszinierende Gestalt, mit den Zügen eines Messias, von unbeugsamen Stolz und voller Leidenschaft für die revolutionäre Sache seiner Zeit, als einen Mann, der sein Leben lang durch Beispiel und Überzeugung begeistern konnte, der verehrt wurde von Männern und angebetet von Frauen, die Locken seines Haares wie Reliquien aufbewahrten. Benedetto Croce schrieb über ihn und Mazzini: Sie "entflammten die Herzen und zeigten den unterdrückten Nationen die Wege". [4] Lenin hielt zu Garibaldi fest: "Man kann nicht Marxist sein, ohne höchste Achtung vor den großen bürgerlichen Revolutionären zu empfinden, deren weltgeschichtliches Recht es war, im Namen der bürgerlichen 'Vaterländer' zu sprechen, die im Kampf gegen den Feudalismus Millionen und aber Millionen Menschen neuer Nationen zum zivilisierten Dasein erhoben haben". [5]

Das Militärkomitee übertrug Garibaldi das Kommando über eine Division der Streitkräfte der Römischen Republik. Die Reaktion machte von allen Seiten mobil. Am 30. Januar 1849 traf der in Florenz gestürzte Großherzog Leopold II. bei Pius XI. in Gaeta ein. Die französische Bourgeoisie, deren Macht seit Dezember 1848 Louis Napoleon verkörperte, war ein Gegner der Römischen Republik, der Einheit Italiens und Verbündeter des Papstes. Am 25. April traf eine französische Flotte mit 17 Kriegsschiffen und einem Landekorps von 7.000 Mann unter General Charles Oudinot in Civitavecchia nördlich von Rom ein. Sie eroberten die Garnison der Stadt und setzten die demokratischen Freiheiten der Republik außer Kraft. Die Spanier landeten mit 4.900 Mann bei Gaeta und setzte Truppen an der Küste vor Rom bei Fiumicino ab. Die Österreicher fielen in die Romagna ein, die Neapolitaner überschritten mit 12.000 Mann bei Terracina die Grenze.


Für offensive Verteidigung

Garibaldi unterbreitete ein offensives Konzept zur Verteidigung, in die er die Volksmassen einbeziehen wollte. Er schlug vor, sich im Vorfeld von Rom dem Feind zu stellen, Positionen zirka 100 km nordwestlich bei Viterbo zu beziehen, um von dort aus die französischen Stellungen bei Civitavecchia anzugreifen. Ein Kontingent sollte in die Romagna geschickt werden, dort zum Aufstand aufrufen und den Gegner im Rücken angreifen. Mazzini beugte sich dem Druck der Liberalen und wollte sich auf die Verteidigung der Hauptstadt beschränken. So konnten die Franzosen am 28. April Rom angreifen und auf die Stadtmauern vorrücken. Ihr Versuch, an der Porta Cavalleggeri in die Stadt einzudringen, scheiterte jedoch. Alle bewaffneten Bürger eilten auf die Barrikaden. Garibaldi führte die Verteidiger zum Gegenangriff. Oudinot wurde unter schweren Verlusten in seine Ausgangsstellungen zurückgeworfen, viele seiner Soldaten gefangen genommen. Garibaldi, der die Franzosen unverzüglich verfolgen wollte, fand kein Gehör. Das Triumvirat setzte auf einen Kompromiss, ließ die Gefangenen frei und schloss einen Waffenstillstand.

Wiederholt griff Garibaldi die Belagerer an und warf sie weit zurück. Als er am 27. Mai auf neapolitanisches Gebiet vorrückte, wurde er von der Bevölkerung stürmisch gefeiert. Er wurde wiederum gestoppt und nach Rom zurückgerufen. [6] Das Triumvirat hatte Verhandlungen mit Frankreich zugestimmt, mit denen Paris Zeit zur Vorbereitung einer neuen Offensive gewinnen wollte. In Civitavecchia trafen dazu ständig neue Truppen und Kriegsmaterial ein.


Entscheidung am Gianicolo

In der Nacht zum 3. Juni brach Oudinot den Waffenstillstand und eroberte in einem überraschenden Angriff den die Stadt beherrschenden Gianicolo. Alle Versuche Garibaldis, den strategisch entscheidenden Hügel zurückzuerobern, scheiterten. Im Triumvirat setzte man weiter auf Verhandlungen, um den französischen General zum Rückzug zu bewegen. Man überließ die Verteidigung der Stadt allein den Einheiten Garibaldis. Von ihm am Morgen unverzüglich angeforderte Verstärkungen trafen erst am Nachmittag ein, als seine Männer, die den Hügel hinauf über offenes Gelände die an Soldaten und Geschützen überlegenen Franzosen frontal angriffen, fast aufgerieben waren. Wie der Schweizer Gustav von Hoffstetter in seinem "Tagebuch aus Italien" schrieb, gab Garibaldi seinen Männern ein Beispiel an Mut und Tapferkeit, als er die Angriffe den ganzen Tag im feindlichen Geschosshagel leitete und die letzte Attacke selbst anführte. Es gelang, die Franzosen vor den Stadtmauern zum Stehen zu bringen und ihr Vordringen in die Stadt vorerst zu verhindern. [7]

Nach der Eroberung des Gianicolo schloss die auf 60.000 Mann angewachsene französische Interventionsarmee Rom völlig ein, unterbrach die Wasserleitungen in die Stadt und eröffnete ein den ganzen Juni anhaltendes schweres Artilleriefeuer, das große Verluste vor allem unter der Zivilbevölkerung verursachte. Die Vorschläge Garibaldis, den Belagerungsring zu durchbrechen und den Kampf außerhalb der Stadt zu führen, lehnte das Triumvirat ein weiteres Mal ab.


Das Ende der Römischen Republik

Am 13. Juni forderte Oudinot Rom zur Kapitulation auf. Noch lehnte die Nationalversammlung ab. Sie erwartete, die kleinbürgerlichen Republikaner in Paris würden den Sieg erringen, aber sie wurden geschlagen. Danach nahmen die Österreicher Ancona ein, das sich heldenhaft verteidigt hatte. Damit war auch der Fall von Rom entschieden. Bis zum 30. Juni verteidigte Garibaldi vor allem mit seinem Korps heldenhaft die Römische Republik. In der Nacht zum 1. Juli rückten die französischen Linientruppen nach erneutem schweren Artilleriebeschuss mit massiver Überlegenheit vor. Erbitterte Kämpfe tobten um die Villa Spada, das Hauptquartier Garibaldis. Während der Kämpfe tagte die Nationalversammlung. Sie beschloss, am 2. Juli die Verteidigung einzustellen. In einem letzten symbolischen Akt setzte sie feierlich die Verfassung der Römischen Republik in Kraft. Am 3. Juli besetzte Oudinot die Stadt und verhängte das Kriegsrecht. Der nach Gaeta geflohene Pius IX. wagte es erst am 12. April 1850, in Begleitung eines starken französischen Truppenaufgebots nach Rom zurückzukehren. Am 12. Juli 1849 wurden Mazzini, Saffi und weitere führende Republikaner aus Rom ausgewiesen.


Ein militärischen Bravourstück

Garibaldi hatte am 2. Juli sein Korps und weitere Einheiten auf dem Petersplatz versammelt und mitgeteilt, dass er Rom verlassen und den Kampf fortsetzen werde. [8] 4.000 Mann schlossen sich ihm an. Er vollbrachte ein weiteres seiner zahlreichen militärischen Bravourstücke, als er mit dieser Truppe den französischen Belagerungsring durchbrach und nach Norden marschierte. Sein Korps wuchs auf 6.000 Mann an. Unterwegs wurde es in oft verlustreiche Kämpfe verwickelt. Als er Ende Juli in der Bergrepublik San Marino Zuflucht fand, zählte es noch 1.500 Mann. Am 4. August verstarb Garibaldis Frau Anita, die im sechsten Monat schwanger war. Sie litt an Maleria. Mehr aber noch fiel sie wohl den Strapazen des entbehrungsreichen Marsches zum Opfer. Anita Ribeiro da Silva hatte Garibaldi Ende der 30er Jahre in Südamerika kennengelernt und 1842 geheiratet. Aus einer wohlhabenden Familie kommend, kämpfte sie fortan an seiner Seite und zog furchtlos mit den Rothemden in die Schlachten.

Auf dem Gianicolo steht heute das überlebensgroße Denkmal Giuseppe Garibaldis, umgeben von einer Anzahl Büsten weiterer Persönlichkeiten des Befreiungskampfes. Längs der Straße, die zum Vatikan führt, steht auch ein Reiterdenkmal für Anita Garibaldi. Mit einer Pistole in der Hand und einem Kind auf dem Arm versinnbildlicht es ihr Leben und ihren Tod an der Seite Garibaldis.

Mit dem Fall der Römischen Republik endete die Phase der Revolution von 1848/49 und mit ihr die erste Etappe der nationalen Unabhängigkeitskriege mit einer Niederlage, weil die Monarchen das Volk mehr fürchteten als die Habsburger Gewaltherrschaft und lieber das stockreaktionäre, durch Galgen und Galeere herrschende Regime des Vatikans und seiner französischen Besatzungstruppen ertrugen. Die Monarchen hatten während der revolutionären Erhebungen überall den liberalen Verfassungen zugestimmt. Nun wieder an die Macht gebracht lehnten sie diese, die einen Kompromiss zwischen Feudaladel und Bourgeoisie darstellten, kategorisch ab.


Die Revolution ging weiter

In Italien ging der revolutionäre Prozess nach 1849 jedoch weiter und endete 1861 bzw. 1870 mit der Beseitigung der Fremdherrschaft der Habsburger, der Bourbonen und des Papstes und der Herstellung des nationalen Einheitsstaates. So gesehen war die Niederlage temporär und die Revolution errang am Ende des Risorgimento einen Dreiviertelsieg. Manche Historiker heben gern Gemeinsamkeiten im Prozess der Herstellung des Nationalstaates in Deutschland und Italien hervor.


Im Gegensatz zu Deutschland

Das beschränkt sich indessen im Wesentlichen auf den zeitlichen Abschluss 1870/71. In Deutschland war der Nationalstaat vorwiegend das Werk des Vertreters der Junkerkaste Bismarck. Er wurde nach dem Feldzug gegen Frankreich, der als Eroberungskrieg endete, im besetzten Feindesland proklamiert. In Italien konstituierte er sich dagegen im Ergebnis des Kampfes einer revolutionär-demokratischen nationalen Bewegung und gegen die Fremdherrschaft geführter Befreiungskämpfe. Zwar entstand auch in Italien keine demokratische Republik, sondern eine konstitutionelle Monarchie, zunächst jedoch weitgehend ohne die für Deutschland charakteristischen Züge des Halbabsolutismus und Militarismus mit ihren verhängnisvollen Folgen. Während sich die deutsche Bourgeoisie 1870/71 der preußischen Hegemonie unterordnete und die politische Macht mit der Junkerkaste teilte, war es in Italien umgekehrt. Die Kapitalisten des Nordens, die sich mit den Latifundistas des Südens arrangierten, indem sie deren Besitz garantierten, waren die politisch entscheidende Kraft bei der Proklamation des Nationalstaates. Sie waren in der letzten Etappe in Gestalt des piemontesischen Ministerpräsidenten, Graf Camillo di Cavour, die treibende Kraft des "Kompromisses von oben" und nicht der Turiner Hof. Die liberale Bourgeoisie und das Kleinbürgertum konnten diese Aufgabe noch erfüllen, weil sich noch kein modernes Proletariat, das eigene Forderungen stellte, herausgebildet hatte.


Der Druck des radikalen Flügels

Die italienische Bourgeoisie aber handelte nicht aus eigenem Antrieb, sondern unter dem Druck der kleinbürgerlichen Demokraten, besonders ihres radikalen Flügels, der bis Ende der 1850er Jahre die Hegemonie der Bewegung innehatte. Das Denken und Handeln der revolutionären Demokraten wurde herausragend durch Giuseppe Garibaldi verkörpert, der vor allem als militärischer Führer entscheidend das Risorgimento prägte. Als die Situation im April 1860 in einer Bauernerhebung auf Sizilien kulminierte, eilte Garibaldi mit seinem "Zug der Tausend" auf zwei in Genua gekaperten Dampfschiffen den Aufständischen zu Hilfe und brachte den bourbonischen Truppen eine vernichtende Niederlage bei. Auf Sizilien übernahm unter Garibaldi eine kleinbürgerliche revolutionär-demokratische Diktatur die Macht. [9] Von Sizilien aus setzte der Revolutionsgeneral im August bei Reggio Calabria aufs Festland über, schlug erneut die Bourbonen und nahm Anfang September Neapel ein. Seine Rothemden beherrschten nunmehr ganz Süditalien und bereiteten sich auf die Einnahme Roms vor.

Das veranlasste die Großbourgeoisie und den König von Piemont zu handeln. Hatte es Cavour noch im März "für wünschenswert (gehalten), dass der Stand der Dinge im südlichen Königreich noch einige Jahre fortdauere", so wollte er im Juli plötzlich "an Kühnheit mit Garibaldi wetteifern, um ihm nicht das Monopol der Einheitsidee zu überlassen, die jetzt einen unwiderstehlichen Zauber auf die Volksmassen ausübt". Mit dem Ziel einer Vereinigung mit dem Königreich Piemont-Sardinien sicherte sich das Turiner Parlament in einem Referendum im Süden die Zustimmung zu "einem einigen und unabhängigen Italien mit Vittorio Emanuele als konstitutionellem König". Am 17. März proklamierte dann das von Bourgeoisie und Adel beherrschte Piemonteser Parlament das Königreich Italien, von dem der Vatikanstaat ausgeschlossen blieb. [10]


Warum Tancredi die Fahne wechselte

Giuseppe Tomasi di Lampedusa hat in seinem 1958 erschienenen weltberühmten Roman "Der Leopard" augenscheinlich beschrieben, was den Feudaladel bewog, auf die Seite der Revolution zu wechseln. Für Fürst Salina vom sizilianischen Hochadel sind die Piemonteser im Herbst 1860 die Feinde des Königreichs beider Sizilien, das sie sich einverleiben wollen. Er versteht nicht, wie Tancredi, sein Neffe, als Offizier in ihrer Kavallerie dienen kann. Der erklärt ihm, warum er die Fahne gewechselt hat. "Sind nicht auch wir dabei, so denken die Kerle sich noch die Republik aus. Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert." Fürst Salina versteht, arrangiert sich mit den neuen Herren und verheiratet Tancredi mit Angelica, der Tochter des bourgeoisen Bürgermeisters, bei der "Vermögen mit Schönheit" verbunden ist. Meisterhaft hat Lampedusa wiedergegeben, wie der Konflikt zwischen Adel und Bourgeoisie "gelöst" wurde. [11]

Garibaldi ordnete sich der Monarchie unter. Er erkannte, dass der nationalistisch-royalistischen Welle schwer Widerstand entgegenzusetzen war und eine Auseinandersetzung innerhalb der nationalen Bewegung über die Frage Monarchie oder Republik - die in einen militärischen Konflikt münden musste - dieser unkalkulierbaren Schaden zugefügt hätte. Zu den Zugeständnissen des Hofes gehörte, dass Garibaldis Freikorps vorerst als eigenständiger Verband anerkannt wurde.


Garibaldis Initiativen

1862 und 1867 ergriff Garibaldi dennoch erneut die Initiative, um die nationale Einheit zu vollenden. Seine Truppen marschierten auf Rom, um die Stadt von der französischen Besatzung des Papstes zu befreien. Da Piemont sich widersetze, scheiterten die Versuche, beeinflussten aber erneut die Politik der herrschenden Kreise. So nutzte Italien 1866 die europäische Machtkonstellation zu seinen Gunsten und schloss eine Allianz mit Preußen gegen Österreich. Während Armee und Kriegsmarine geschlagen wurden, operierte Garibaldi mit einem 40.000 Mann zählenden Freikorps in Tirol erfolgreich und nahm an der Befreiung Venetiens teil, das nach der Niederlage Wiens als letzte italienische Region zu Italien kam. Nach dem Sieg Preußens am 1. September 1870 bei Sedan musste Frankreich sein Schutzkorps für den Papst aus Rom abziehen. Italien ergriff Besitz von seiner "natürlichen Hauptstadt", beseitigte die weltliche Herrschaft des Papstes und schloss den nationalen Einigungsprozess ab. [12]


Befehlshaber der Vogesenarmee der Französischen Republik

Garibaldi aber erklomm nochmals einen Höhepunkt seiner militärischen Laufbahn. Hatte er zunächst den Krieg Preußens gegen Frankreich, in dem er eine Bestrafung Napoleons "für alle seine Missetaten" sah, begrüßt, trat er nach Sedan offen gegen den Eroberungskrieg Preußens auf und bot der Französischen Republik seine Dienste an. Es zeugte zweifelsohne von seinem hohen militärischen Ansehen, wenn ihm das französische Hauptquartier das Kommando über ein internationales Korps an der Côte d'Or (die Vogesenarmee) übertrug. Garibaldi operierte erfolgreich und errang als einziger Befehlshaber auf der französischen Seite einen Sieg, als er bei Dijon die Preußen zurückschlug. Der preußische General von Werder hielt in seinem Kriegstagebuch fest, dass Garibaldi "die Bewegungsfreiheit der Preußen erheblich einschränkte". General von Manteuffel notierte "ein bemerkenswertes Operationstempo" sowie "wohlerwogene Dispositionen im Feuerhagel" und "bei Angriffen entfaltete Energie und Intensität". Hätte General Bourbaki, so Manteufel, "Garibaldis Ratschläge befolgt, wäre der Feldzug in den Vogesen zu einem der erfolgreichsten im siebziger Krieg geworden". Victor Hugo betrachtete den italienischen Befehlshaber als den einzigen Heerführer, der während des Siebzigerkrieges nicht geschlagen worden sei. [13]

Es war der Abschluss der militärischen Karriere dieses talentierten Heerführers aus dem Volk, dem auch die Pariser Kommune das Kommando über ihre Truppen anbot. Garibaldi lehnte zwar ab, bekundete aber der Kommune, dem "arbeitenden Volk von Paris, das für die Sache der Gerechtigkeit kämpft", offen seine tiefe Sympathie. Das entsprach der bereits früher von ihm bezogenen Position, in der er "die Arbeiter als seine über die ganze Welt verstreuten Brüder" bezeichnete. Diese Bekenntnisse des radikalen Revolutionärs ließen viele Garibaldiner als auch Mazzinisten zu Anhängern des Sozialismus und der Internationale werden. Während Garibaldis Heldenmut in unzähligen Schlachten weltweit bekannt wurde, weiß man weniger, dass er die von Marx 1864 verfasste Inauguraladresse als "Sonne der Zukunft" begrüßte, 1867 in Genf am internationalen Friedenskongress teilnahm, ins Präsidium gewählt wurde und auch die Bemühungen der I. Internationale um Abrüstung unterstützte.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Garibaldi zurückgezogen und in sehr bescheidenen Verhältnissen auf der Insel Caprera im Kreise seiner Familie. Oft äußerte er sich enttäuscht darüber, dass so wenige Ziele, für die das Volk in der nationalen Bewegung aufopferungsvoll gekämpft hatte, verwirklicht worden waren. Er verstarb am 2. Juni 1882. Entgegen seinem Wunsch nach einer einfachen Urnenbestattung in aller Stille, bereiteten ihm Parlament, Königshaus und Regierung ein großes Staatsbegräbnis mit politischen und militärischen Ehren. Seine Anhänger sprachen von Vereinnahmung und protestierten landesweit. Aber auch die Konservativen hatten Vorbehalte. Sicher hatte das von reaktionären Zügen geprägte Königtum Piemonts, das man gerne das Preußen Italiens nannte, einen geschickten Schachzug getan.


Der Respekt der Preußen Italiens

Die Ehrung Garibaldis aber verdeutlichte noch einmal einen gravierenden Unterschied deutscher und italienischer Haltung zur Geschichte der nationalen Einheitsbewegung. Während Italiens Preußen einem Garibaldi den zustehenden Respekt bezeugten, rechneten die Deutschen mit ihren Rebellen auf blutige Weise ab, wie die Erschießung des Festungskommandanten Oberst Tiedemann und 27 seiner Offiziere nach der Kapitulation von Rastatt im Juli 1849, die Tausenden und Abertausenden, die dem Terror der Konterrevolution zum Opfer fielen, vor Gericht gezerrt und 700.000 in die Emigration getrieben wurden, bewiesen.


Anmerkungen:

[1] Giuseppe Garibaldi: Memorie. Turin 1975, S. 212.

[2] Seit der Beseitigung der weltlichen Herrschaft des Papstes 1870 Sitz des Königs, seit der Proklamation der Republik 1946 des Präsidenten.

[3] I giorni della storia d'italia dal Risorgimento a oggi. Novara 1991, S. 95 ff.

[4] Storia d'Italia dal 1871 al 1915. Bari 1928, S. 29.

[5] W. I. Lenin: Der Zusammenbruch der II. Internationale. In: Werke, Bd. 21, Berlin/DDR 1960, S. 215.

[6] Garibaldi: Scritti politici e militare. Rom 1908, S. 45 f.

[7] Gustav Hoffstetter: Tagebuch aus Italien. Zürich 1860, S. 20.

[8] Garibaldi, a. a. O., S. 44 ff.

[9] Garibaldi, a. a. O., S. 136 ff, 147.

[10] I giorni, S. 131 ff.

[11] Der Leopard. Berlin/DDR 1961, S. 35 ff. Zu dem "Leopard", in Italien 1958 von Feltrinelli herausgebracht, sagte Louis Aragon, er ist "mehr als nur ein schönes Buch, er ist einer der großen Romane dieses Jahrhunderts, ein Roman, der bleiben wird". Er wurde in der Tat ein Welterfolg und schon ein Jahr später mit dem "Premio Strega", dem wichtigsten Literaturpreis Italiens, ausgezeichnet. Der bereits berühmte Luchino Visconti gestaltete ihn 1962 mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon in seinem Film zu einem farbigenprächtigen Gemälde über die Herstellung der Einheit Italiens. Erbitterte Kämpfe zwischen Garibaldis Rothemden und den bourbonischen Königstruppen, darunter die Erschießung von Aufständischen, kontrastieren mit rauschenden Ballszenen.

[12] I giorni, S. 159 ff.

[13] Zit. in: Christopher Hibbert, Der gerechte Rebell, Der Weg des Giuseppe Garibaldi. Tübingen 1970, S. 345 f.

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Quelle:
© 2024 by Gerhard Feldbauer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 23. Januar 2024

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