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DAS BLÄTTCHEN/2085: Davos in der "Zeit der Monster"


Das Blättchen - Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft
27. Jahrgang | Nummer 4 | 12. Februar 2024

Davos in der "Zeit der Monster"

von Jürgen Leibiger


Rebuilding Trust, Vertrauen wieder herstellen, lautete das Thema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos: Vertrauen in die Zukunft, innerhalb von Gesellschaften und zwischen den Nationen.

Die Veranstalter lassen es zwar offen, wer das Vertrauen und in wen er es verloren hat, aber ungewollt reflektieren sie mit dieser Themenwahl einen weltweit verbreiteten Vertrauensverlust in die bestehende Ordnung und das herrschende politische Establishment. Bis weit in die Regierungslager hinein wird die Existenz einer "multiplen Krise" konstatiert, eine Diagnose, die ursprünglich von linken Kreisen im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 gestellt wurde.

Als im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften noch von einer "great moderation" - so Ben Bernanke, der spätere Chef der US-amerikanischen Zentralbank - von der Überwindung von Krisen und Unsicherheiten und von der Zunahme makroökonomischer Stabilität gefaselt wurde, konstatierten kritische Wissenschaftler eine schicksalhafte, ja system- und womöglich sogar menschheitsgefährdende Verquickung mehrerer Krisenprozesse: eine beispiellose Finanzkrise, in der wirtschaftliche Existenzen millionenfach ruiniert wurden, eine krisenhafte Vertiefung der Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen, eine Umwelt- und Klimakrise, eine Entwicklungskrise in vielen armen und zurückgeblieben Ländern und eine Krise der internationalen Beziehungen.

Was von den hegemonialen Eliten damals als propagandistische Übertreibung abgetan wurde, sickert nun allmählich doch in ihr Denken ein. Zu offensichtlich und allzu bedrohlich sind die Zeichen. Eine Pandemie hat die Weltwirtschaft durchgerüttelt, Kriege gehören wieder zum Alltag, der Welthandel stagniert, die Migrationsströme schwellen an, eine Überwindung der Klima- und Umweltkrisen ist nicht in Sicht. China und die BRICS fordern den "Westen", den Hegemon der Welt, heraus. Erstaunt registriert dieser Westen, dass jenes so profitable Netzwerk der Globalisierung auch zur Falle werden kann. Mit asymmetrischer Kriegführung in Form kleiner Nadelstiche werden dieses Netzwerk und die globalen Wertschöpfungsketten empfindlich gestört. Nationalistische und autoritäre politische Kräfte fordern in vielen Ländern die alten Eliten heraus. Und kaum geraten diese von rechts unter Druck, kommen sie ihnen entgegen und rücken selbst nach rechts.

Zeiten wie diese hatte der Kommunist Antonio Gramsci in seinem Gefängnisheft von 1930 als "Interregnum" bezeichnet: "Wenn die herrschende Klasse den Konsens verloren hat, das heißt nicht mehr 'führend', sondern einzig 'herrschend' ist, Inhaberin der reinen Zwangsgewalt, bedeutet das gerade, dass die großen Massen sich von den traditionellen Ideologien entfernt haben, nicht mehr an das glauben, was sie zuvor glaubten usw. Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu unterschiedlichsten Krisenerscheinungen." Es war wohl Slavoj Žižek, der daraus 2010 in der Le Monde dipolomatique ein berühmtes Bonmot machte: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster."

Vertrauen wiedergewinnen. Diesem Thema sollten sich die Vertreter von rund 100 Regierungen, die großen internationalen Organisationen, die 1000 Partnerunternehmen des Weltwirtschaftsforums, Experten und Führungskräfte aller möglichen Organisationen in Davos widmen. Aber mehr als wohlfeile Worte hat es auch diesmal nicht gegeben. Die Bezieher von Spitzeneinkommen und die Hochvermögenden weigern sich weiterhin standhaft, mehr in den gemeinsamen Topf zur Lösung der Probleme einzuzahlen. Man setzt auf Wirtschaftswachstum, darauf, dass die unteren Schichten mit einer Zunahme der kleinen Einkommen und Vermögen schon ruhiggestellt werden könnten. Trickle-down Economics wurde das einst in den USA genannt; bei ausreichendem Wachstum für die Oberen falle auch für die Unterschichten etwas ab. Für den entsprechenden Wachstumsschub solle diesmal die "Künstliche Intelligenz als treibende Kraft für Wirtschaft und Gesellschaft" - so eines der Hauptthemen von Davos - sorgen.

Während von der Notwendigkeit wachsenden Vertrauens zwischen den Nationen geschwafelt wurde, wird die Rüstungsproduktion erhöht, finden provozierende Militärmanöver statt, rücken militärische Kräfte der NATO-Staaten in Regionen ein, die weit von ihren Grenzen entfernt liegen, verschärft die US-Administration im Einvernehmen mit ihren Verbündeten den anti-chinesischen Kurs und winkt den Europäern mit dem Zaunpfahl, indem es auf die Bremse beim Export von Flüssiggas tritt. Ängstlich blickt man nach Amerika und die dort bevorstehende Wahl: Was wird, wenn der America-first-Trump wieder als Präsident antritt und er mit dem Rückzug der Amerikaner aus der NATO und der Finanzierung des Krieges in der Ukraine ernst macht?

Wer trifft sich da eigentlich in Davos? Sind es nicht jene Kräfte, die seit vielen Jahrzehnten - es war das mittlerweile 54. Treffen - wirtschaftliche und politische Verantwortung dafür trägt, wie die Welt sich heute darstellt? Die Geldgeber dieses Treffens, diejenigen, die dort die Agenda bestimmen, sind doch die wirtschaftlich Mächtigsten auf dem Globus, die in der Weltwirtschaft seit langem das Sagen haben. Die Liste der tausend Unternehmen, die als Partnerunternehmen aufgeführt werden, man könnte sie auch die Patrones nennen, liest sich wie das Who-is-Who der globalen Finanz- und Konzernelite. Es braucht mindestens einen Umsatz von 5 Milliarden Dollar, um dazugehören zu können. Diese Elite lässt sich die Teilnahme am jährlichen Davos-Treffen (die Gesamtausgaben, die zu einem Teil vom Schweizer Staat getragen werden, betragen inzwischen fast eine halbe Milliarde Franken) schon etwas kosten. Für die Riesen unter ihnen wie Google oder McKinsey kommen mit Teilnahmegebühren, Unterkunft, den Flügen und sonstigem Transport und den gigantischen Firmenpartys in Nobelhotels da schnell über eine Million Schweizer Franken zusammen. Alles zum Wohle der Menschheit?

Sandra Navidi, die bekannte Wirtschaftsberaterin und Publizistin, die in diesen Kreisen ein und aus geht, sich aber eine gewisse kritische Distanz bewahrt hat, schreibt: "Der wirkliche Grund, warum Finanztitanen weder Mühen noch Kosten scheuen, der Konferenz beizuwohnen, sind die schier unbegrenzten Möglichkeiten, unter Gleichgestellten zu 'netzwerken'. Das WEF ist eine der berühmtesten und effizientesten Begegnungsplattformen für die internationale Finanzelite." Als "Herr der Netzwerke" betitelte das Handelsblatt einmal einen Bericht darüber. Der britische Economist schreibt davon, dass sich hier "1000 Menschen, die die Welt regieren, unter einem Dach versammeln." Und obwohl es unter den Teilnehmern viele Regierungschefs und sonstige politische Schwergewichte gibt, dominieren natürlich die Wirtschaftsvertreter. "Sie gehen nicht hin, um den Politikern Honig ums Maul zu schmieren, es ist genau umgekehrt." Ganz ohne Honig der Unternehmen für die Politiker geht es natürlich auch nicht. Im Internet findet sich noch heute die Videoaufzeichnung, wie europäische Konzernchefs - besonders markant Siemens-Chef Joe Käser - sich beim Anbiedern an den damaligen Präsident Trump gegenseitig zu überbieten suchen.

Seit einigen Jahren ist das Forum im Rahmen der UNO als internationale Organisation anerkannt. Die Zusammenarbeit basiert auf einem Partnerschaftsabkommen, das - so ein kritischer Protestbrief von über zweihundert internationalen Initiativen, Organisationen und Gruppen aus dem Jahr 2019 - "Konzernlenker zu Einflüsterern der UN-Abteilungen werden. Sie werden ihren privilegierten Zugang nutzen, um für marktbasierte, gewinnträchtige 'Lösungen' globaler Probleme zu werben, während sie gleichzeitig wirkliche Lösungen untergraben..."

Letzten Endes sind es das Hegemoniebestreben von Ländern wie den G7 und einiger Parias wie Russland, vor allem aber die Jagd der Patrones von Davos nach Umsatzwachstum und Profit, was die Welt in die heutige Zuspitzung von Widersprüchen und Krisen und den fundamentalen Vertrauensverlust geführt hat. Ja, man würde schon gern die Welt retten. Aber die Rettung der Welt muss sich rechnen. Und wenn sich das nicht rechnet und die Konzernbilanzen versaut werden? Dann ist die Welt nicht zu retten und muss halt zum Teufel gehen. Die Kapelle auf dem modernen Zauberberg von Davos wird derweil weiterspielen.

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Quelle:
Das Blättchen Nr. 4/2024 vom 12. Februar 2024, Online-Ausgabe
E-Mail: redaktion@das-blaettchen.de
Internet: https://das-blaettchen.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 27. Februar 2024

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