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GEGENWIND/880: Geht Schleswig-Holstein unter? - Klimawandel wird bedrohlicher


Gegenwind Nr. 426 - März 2024
Politik und Kultur in Schleswig-Holstein & Hamburg

Geht Schleswig-Holstein unter?

Klimawandel wird bedrohlicher

von Reinhard Pohl


Im Internet ist es oft noch umstritten, ob es den menschengemachten Klimawandel wirklich gibt. Immer wieder liest man, dass jemand bei "TicToc" oder bei "youtube" den endgültigen Beweis gefunden hat, dass alles eine Erfindung der Ampel-Koalition ist. Da ist es gut, dass es auch den "Deutschen Wetterdienst" gibt. Er existiert in dieser Form seit 1952, verwaltet aber die Wetterdaten seit 1882. Insofern kann er auch das Klima und die Veränderungen des Klimas aus wissenschaftlicher Sicht betrachten. Und da gibt es keine Zweifel.

Gerade ist der neue "Klimareport Schleswig-Holstein" [1] erschienen. Er gibt die aktuellen Entwicklungen wieder, bezieht sich aber auf die Daten der letzten 140 Jahre. Nur so kann man vom Wetter, das täglich schwanken kann, auf das Klima schließen - und das ändert sich langsam, aber stetig. Ursache dafür ist menschengemacht: Die CO2-Konzentration ist von 1960 bis 2020 von unter 320 ppm auf 420 ppm gestiegen. Das führt zur Erwärmung, im Sommer wird es trockener, im Winter feuchter. Die Niederschläge im Winter fallen überwiegend als Regen, seltener wie früher als Schnee. Der einfache Vergleich: 2022 fielen in Schleswig-Holstein 750 Liter pro Quadratmeter, 1880 waren es 627 Liter pro Quadratmeter.

Eine Folge der Erwärmung ist ein steigender Meeresspiegel - wärmeres Wasser braucht mehr Platz als kälteres Wasser. An der Nordseeküste machte das in den letzten hundert Jahren 24 cm aus. Man merkt das an den Kosten der Deicherhaltung und der Deicherhöhung, unter Umweltminister Christian von Boetticher wurde auch die Basis der Deiche verbreitert, um sie später leichter erhöhen zu können. An der Ostsee waren es zwischen 14 und 20 cm, um die sich der Meeresspiegel erhöhte.

In den nächsten 80 Jahren wird sich die Durchschnittstemperatur in Schleswig-Holstein um 3 bis 4 Grad erhöhen, dadurch wird sich der Anstieg des Meeresspiegels "deutlich beschleunigen" (Seite 9). Die Landesregierung muss sich schon jetzt darauf einrichten.

Wetter und Klima

Die Autor:innen, vor allem waren das Gabriele Krugmann und Oliver Weiner, erläutern im Klimareport auch gut verständlich, was man unter "Wetter" und was man unter "Klima" versteht. Will man das Klima beschreiben, muss man die Wetterdaten von mindestens 30 Jahren betrachten. Auf Seite 11 zeigen sie in einer Grafik die Veränderungen, die wir alle spüren: Monatsmitteltemperaturen des Jahres 2020 werden mit dem Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990 verglichen. So war die mittlere Temperatur 1961 bis 1990 im Januar ungefähr 0,5 Grad, im Jahre 2020 lag sie bei über 5 Grad.

Ausführlich werden die verschiedenen Klimamodelle vorgestellt, die von jeweils anderen CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre ausgehen. Betrachtet werden die zu erwarteten Emissionen beginnend im Jahr 2015 bis 2100. Das ist nicht nur menschengemacht, das ist auch für und von Menschen beeinflussbar. Die Modelle werden dann umgerechnet für List, Kiel, Lübeck und Hamburg. Hier werden die Veränderungen bei Niederschlägen und Temperatur für 1991 bis 2020 im Vergleich zu 1961 bis 1990 betrachtet. Dabei weist der Wetterdienst darauf hin, dass es immer regionale Unterschiede gibt. In List gibt es mehr Niederschläge, in Lübeck sind die Temperaturen im Winter niedriger.

Klimaänderung

In Schleswig-Holstein ist die Durchschnittstemperatur seit 1881 bis heute um 1,6 Grad gestiegen. Die Veränderungen setzten ungefähr 1910 ein, ab 1980 beschleunigten sie sich. Die wärmsten Jahre in Schleswig-Holstein waren 2014 und 2020, im Jahresdurchschnitt lag die Temperatur bei 10,5 Grad. Sieht man sich in der Zeit von 1881 bis 2020 die zwölf wärmsten Jahre an, so lagen 2 Jahre vor 2000 und 10 Jahre nach 2000. Seit 1960 war jede Dekade (Zeitraum von 10 Jahren) wärmer als die vorige Dekade. In der Dekade 2011 bis 2020 lag die Durchschnittstemperatur um 1,8 Grad höher als in der ersten Dekade (1881 bis 1890).

Die Zahl der Sommertage (über 25 Grad) hat sich verdoppelt. Die Zahl der Frosttage ist von 1951 bis 2022 um mehr als 27 gesunken - von rund 85 Tagen um 1950 auf weniger als 60 Tage heute. Und bis 2070 wird die Durchschnittstemperatur nochmal um 1,9 Grad steigen, wenn die Klimaschutzmaßnahmen nicht zügig umgesetzt werden und greifen - sie greifen aber nur mit großer Verzögerung.

Niederschläge

Für viele wichtig sind die Niederschläge und ihre Veränderungen. Die sind wichtig für den Hausbau, die Konstruktion der Keller, aber auch die Vorsorge für Abwässer. Alle Kommunen sind dabei, die Kapazität der Abwässersysteme zu erhöhen. Einige treffen bessere Vorsorge, indem sie Flächen entsiegeln, um größere Flächen für die Versickerung von Regenwasser vorzubereiten. In Kiel werden jetzt alle öffentlichen Parkplätze daraufhin durchgesehen, ob man dort den Teer entfernen und durchlässige Pflastersteine verwenden kann.

Nach den verschiedenen Modellen wird der Niederschlag im Sommer bis 2100 um bis zu 7 Prozent abnehmen, im Winter um bis zu 15 Prozent zunehmen. Insbesondere die Landwirtschaft muss sich also umstellen, denn bei diesen Niederschlägen wachsen bestimmte Pflanzen nicht mehr (oder müssen künstlich bewässert werden), andere dafür umso besser.

In einem Extra-Kapitel wird das "Dürrejahr 2018" gesondert betrachtet, die Definition von Dürre erklärt. Die Niederschläge von 2018 werden mit dem Durchschnitt von 1991 bis 2022 verglichen und dargestellt, wie sich das Grundwasser im Boden verändert hat. Im Gegensatz zu Syrien, Iran und Afghanistan verlieren hier die Bauern noch kein Land aus dem Anbau, müssen sich aber auf die Veränderungen einstellen, wollen sie nicht in besonders trockenen Jahren einen Großteil der Ernte verlieren. In anderen Ländern mussten und müssen zehntausende von Bauern ihr trockenes Land aufgeben, in die Städte ziehen und sich dort eine andere Arbeit suchen.

Im Osten des Landes fiel der Niederschlag 2018 um rund 40 Prozent gegenüber dem Mittel, und die Ernte fiel um 20 % schlechter aus als erwartet, teils bis zu 40 Prozent schlechter - langfristig müssen die Bauern Sorten mit tieferen Wurzeln anbauen, um ihren Ertrag zu retten. Und sie sollten sich an Klimaschutz-Maßnahmen beteiligen, also so bald wie möglich auf Diesel-Fahrzeuge verzichten. Das ist ihnen auch bekannt, rund 40 Prozent der Landwirte in Schleswig-Holstein produzieren schon Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse.

Sonnenschein

Von 1991 bis 2020 schien die Sonne 1657 Stunden im Jahr, das sind 272 Minuten am Tag. 1961 bis 1990 waren es noch 15 Minuten weniger. Das hört sich wenig an, führt aber zu mehr Hautkrebs und auch zu mehr Toten, wobei Babies und Rentner besonders empfindlich sind. Durchschnittlich wird die Dauer des Sonnenscheins um wenige Minuten pro Tag zunehmen.

Wind, Sturm und Meeresspiegel

Sturm ist alles über 8 Bft. Solche Sturmtage gab es in List im Zeitraum 1961 bis 1990 an 128 Tagen im Jahr, im nächsten Zeitraum 1991 bis 2020 waren es nur noch 105 Tage. Regional ist es sehr unterschiedlich, in Schleswig gab es im ersten Zeitraum 49 Sturmtage im Jahr, im zweiten Zeitraum 39 Sturmtage im Jahr.

Wichtiger ist also der Anstieg des Meeresspiegels, der wird nach den verschiedenen Modellen verschieden eingeschätzt, es können zwischen 63 und 101 cm bis 2100 sein. Hier wirkt sich zusätzlich aus, dass das Meer sich auch bei entschiedenen Klimaschutzmaßnahmen erst nach mehreren Jahrzehnten wieder spürbar abkühlt - der Anstieg des Meeresspiegels ist also durch die Erhöhung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 1881 bis 2022 schon festgelegt, Klimaschutzmaßnahmen können ihn erst ab 2150 oder später wieder senken. Die Kosten für den Deichbau sind also unvermeidlich, alternativ ist es möglich, Sylt und Teile von Nordfriesland und Dithmarschen aufzugeben.

Extremereignisse

Die extremen Hitzetage werden genauso wie Starkregen vermutlich in den nächsten Jahrzehnten nicht zunehmen, aber trotz aller Klimaschutzmaßnahmen auch nicht abnehmen. Um 1950 gab es Hitzetage überhaupt nicht, 2020 sind es fünf bis acht im Jahr.

Abnehmen werden die Tage mit Eis im Jahr. Das waren 1950 ungefähr 25 Tage, heute sind es eher 10 Tage im Jahr. Die werden in Zukunft seltener werden.

Auswirkungen auf die Pflanzen und Tiere

Für den Wald, den es allerdings in Schleswig-Holstein nur selten gibt, sind sehr weitgehende Anpassungsmaßnahmen an die veränderten Temperaturen und Niederschläge erforderlich. Die Baumarten müssen viel stärker gemischt werden, allerdings ist hier auch das Eingreifen von Menschen erforderlich, weil der Klimawandel für Wälder zu schnell abläuft.

Das gilt auch für alle anderen Naturräume. Wenn sich die Pflanzen und die Vegetationsperiode verändern, verändern sich auch die Nahrungsgrundlage für Vögel oder Insekten. Wir haben es jetzt schon mit Zugvögeln zu tun, die für die Reise nach Afrika zu faul sind und im Winter hier bleiben - das ist möglich. Andere ziehen nach Nordafrika, während sie früher nach Südafrika zogen, oder bleiben den Winter über in Spanien. Die Vögel, die hier bleiben, besetzen dann die besten Brutplätze, bevor die Zugvögel zurück sind, ihre Lebensweise wird sich also durchsetzen. Aber viele Tierarten müssen auch ihre Ernährungsgewohnheiten ändern, ihren Lebensraum verändern oder sie sterben aus - der Mensch kann hier eigentlich nur eingreifen, indem er das Klima schützt.

Vorhersagen

Schließlich beschäftigt sich der Klimareport Schleswig-Holstein noch mit den Möglichkeiten, Klima- und Wetter-Entwicklungen vorherzusagen. Für einige Punkte klappt das schon, für andere noch nicht. Der Report enthält oft Vorhersagen für die "Weiter-so-Perspektive" und für die "Klimaschutz-Perspektive". Da ist es für Deichgrafen oder Landwirte eine Glaubenssache, ob sie auf einen wirksamen Klimaschutz in den nächsten 30 Jahren setzen oder nicht.


Anmerkung:
[1] Deutscher Wetterdienst: Klimareport Schleswig-Holstein, 2. aktualisierte Auflage (2023), 68 Seiten, kostenlos im Netz
https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/ministerien-behoerden/V/_startseite/Artikel2024/240116_Klimabericht/Klimabericht_2023.pdf?__blob=publicationFile&v=1

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Quelle:
Gegenwind Nr. 426 - März 2024, Seite 15 - 17
Herausgeber: Gesellschaft für politische Bildung e.V.
Schweffelstr. 6, 24118 Kiel
Redaktion: Tel.: 0431/56 58 99, Fax: 0431/570 98 82
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 29. März 2024

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