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STATISTIK/140: Promotion ... Dr. med. - Ein alter Hut? (SHÄB)


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023

Dr. med. - Ein alter Hut?

von Dr. Uta Kunze und Cornelia Ubert


PROMOTION. Insgesamt 54.000 Promovierende gab es im vergangenen Jahr im Bereich Medizin/Gesundheitswissenschaften in Deutschland - davon rund 62 Prozent Frauen. Auch für Schleswig-Holstein lieferte eine Auswertung des Mitgliederverzeichnisses der Ärztekammer interessante Daten.


Tabelle: 'Anzahl der promovierten Mitglieder in Abhängigkeit von der Altersklasse'

Die größte Anzahl an Promovierten gibt es bei den 1960 bis 1969 Geborenen (N=2.543). Hier ist der Anteil der männlichen Mitglieder mit Doktortitel (N=1.434/56 Prozent) höher als der Anteil der weiblichen Mitglieder mit Doktortitel (N=1.109/44 Prozent). In der Klasse der 1970 bis 1979 geborenen Mitglieder ändert sich die Geschlechterverteilung, es besitzen 1.075 (51 Prozent) Ärztinnen und 1.023 (49 Prozent) Ärzte einen Doktortitel.


Nur ein erfolgreicher Abschluss der Promotion berechtigte zur Ausübung der Heilkunde, sodass die Promotion integral zum Studium der Humanmedizin dazugehörte: So war es bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, bevor der Staat die Approbation erteilte. Geblieben ist jedoch die Tradition, dass - im Gegensatz zu vielen anderen Studiengängen - die medizinische Promotion bereits während des Studiums angefangen wird, was auch die relativ hohen Zahlen an Promotionen erklärt.

Gilt das auch heute noch, oder ist der Doktortitel in der Medizin inzwischen ein "alter Hut"? Mit dieser Frage hat sich eine interne Arbeitsgruppe der Ärztekammer Schleswig-Holstein befasst. Anlass hierfür war die Wahrnehmung, dass der Anteil der promovierten Ärztinnen und Ärzte deutlich zurückgeht. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Promotionsarbeit bei Studierenden der Humanmedizin häufig den ersten Kontakt mit dem wissenschaftlichen Arbeiten darstellt, war es Ziel der Arbeitsgruppe, mithilfe der Zahlen in Schleswig-Holstein diese Wahrnehmung zu objektivieren.


Tabelle: 'Doktortitel in Führungspositionen?'

In der Tabelle ist die Gesamtzahl der Chefärztinnen und Chefärzte (Ärztliche Direktorinnen und Direktoren sind inbegriffen) nach Altersklassen dargestellt, sowie die Anzahl derer, die in den jeweiligen Altersgruppen promoviert haben.

Basis für die Auswertung waren Angaben aus dem Mitgliederverzeichnis der Ärztekammer Schleswig-Holstein, die anonymisiert betrachtet wurden. Einbezogen wurden alle Ärztinnen und Ärzte der Geburtsjahrgänge 1940 bis 1999, insgesamt waren das 18.965 Ärztinnen und Ärzte (Datenstand 2022). Diese wurden jeweils in Klassen von Geburtsjahrgängen von jeweils 10 Jahren aggregiert.

Bei den folgenden Darstellungen handelt es sich um eine rein deskriptive Analyse ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit - wohl aber mit dem Ziel, einen Überblick zu bekommen. Die wichtigsten Ergebnisse:

• Die absolut größte Zahl an Promovierten gibt es bei den zwischen 1960 bis 1969 Geborenen (N=2.543). In den Jahrgängen, die in den folgenden Jahrzehnten geboren wurden, nimmt die absolute Zahl der promovierenden Mediziner ab: 2.098 für die Jahrgänge zwischen 1970 und 1979, 1.637 für die 1980er-Jahrgänge und nur noch 397 bei den in den 1990er-Jahren Geborenen.

• Auch im Verhältnis zur Gesamtzahl der Ärztinnen und Ärzte sinkt die Zahl der Promovierten stetig. Am größten war der Anteil an promovierten Ärztinnen und Ärzte bei den Jahrgängen der 1940er-Jahre mit 80 Prozent bei den Männern und fast 70 Prozent bei den Ärztinnen dieser Jahrgänge. Diese Anteile sanken kontinuierlich, bis auf rund 15 Prozent bei den Männern und knapp über 20 Prozent bei den Frauen der 1990er-Jahrgänge.

• Die Geschlechterverteilung ändert sich deutlich über die Jahrzehnte. In den Jahrgängen der 1940er-Jahre lag der Anteil der Frauen an den Promovierenden noch bei unter 30 Prozent und stieg dann stetig. Ab den 1970er-Jahren promovieren mehr Frauen als Männer. In den 1990er-Jahren waren es mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer.

Die Tendenz zu promovieren scheint also sowohl bei Frauen als auch bei Männern rückläufig zu sein. Dieser Trend zeigt sich bei den männlichen Mitgliedern etwas deutlicher. Zu berücksichtigen ist allerdings: In den Altersgruppen der 1980er-Jahrgänge und noch mehr in den Geburtsjahrgängen 1990 bis 1999 - diese Mitglieder sind 23-33 Jahre alt - befinden sich manche Ärztinnen und Ärzte derzeit noch im Promotionsverfahren oder könnten sich noch zu einem späteren Zeitpunkt für eine Promotion entscheiden.

Untersucht wurde auch die Frage, wie oft sich promovierte Ärztinnen und Ärzte in Führungspositionen in Kliniken wiederfinden. Hier zeigt sich über alle Altersgruppen, dass Leitungspositionen vorwiegend mit promovierten Ärztinnen und Ärzten besetzt werden. Über beide Geschlechter betrachtet ist dieser Anteil an Chefarzt-Positionen und Ärztlichen Direktoren bislang nie unter 80 Prozent gesunken. Dies liegt vor allem an den Männern, die überdurchschnittlich häufig mit Doktortitel in diese Positionen kommen. Chefärztinnen dagegen haben seltener promoviert, hier beträgt der Anteil nur bei den in den 1980er-Jahren Geborenen über 80 Prozent.

Ab dem Geburtsjahrgang 1960 scheint es zwischen den Geschlechtern keinen Unterschied mehr zu machen, ob sie mit oder ohne Doktortitel eine Oberarztstelle erhalten - die Anteile unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern kaum noch, sie bewegen sich stets zwischen 60 und 70 Prozent.

Berücksichtigt werden muss bei diesen Darstellungen, dass das Führen und Anzeigen eines Doktortitels freiwillig ist. Nicht jeder Doktortitel, der nach der primären Meldung an die Ärztekammer erworben wurde, wird tatsächlich angezeigt. Hinzu kommt, dass bei 1990 bis 1999 Geborenen nicht alle Promotionsverfahren abgeschlossen sind. Außerdem sind die Fallzahlen teilweise sehr gering und schränken die Aussagekraft ein.

Zusammenfassend lässt sich ein Rückgang der promovierten Ärztinnen und Ärzte bestätigen. In Führungspositionen zeigt sich dieser Trend allerdings nicht. Aus den oben genannten Gründen soll auf eine weitere Interpretation der Ergebnisse zu diesem Zeitpunkt verzichtet werden.

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- Promotion - ein alter Hut?
- Eine besondere ärztliche Aufgabe:
  Die Leichenschau
- Lieferengpässe bei Arzneimitteln
- MFA - ein unterschätzter Beruf
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Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 12, Dezember 2023
76. Jahrgang, Seite 28-29
Herausgeber: Ärztekammer Schleswig-Holstein
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