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LATEINAMERIKA/2176: Brasilien - Der Kampf gegen Rassismus geht weiter (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Brasilien
Der Kampf gegen Rassismus geht weiter

von Gabriela Moncau und Monyse Ravena


Kollektiver antirassistischer Kampf: Zum 20. Mal gingen die Menschen in São Paulo im Rahmen des Tages des Schwarzen Bewusstseins am 20. November auf die Straße.

(São Paulo, 20. November 2023, brasildefato) - Die 20. Marcha Consciência Negra in São Paulo (SP) brachte Tausende Menschen auf die Avenida Paulista im Zentrum der Stadt. Darunter Mitglieder von Organisationen der Schwarzen Bewegung, politischen Parteien, Bürger*innenbewegungen und Gewerkschaften. Die Versammlung begann um die Mittagszeit im Außenbereich des Kunstmuseums von São Paulo (Masp). Angeführt wurde die Demonstration vom Block Ilú Obá de Min, der ein Transparent mit der Aufschrift "Der Kampf geht weiter" trug.


Gedenken an Schlüsselfiguren des antirassistischen Kampfes

Die Anwesenheit überwiegend junger Menschen stand im Kontrast zu den auf Plakaten und in Reden verehrten historischen Persönlichkeiten. Im Mittelpunkt der Demonstration standen Anführer*innen des afrobrasilianischen Widerstands wie Dandara und Zumbi - das Todesdatum des Quilombo [1]-Anführers Zumbi aus Palmares am 20. November 1695 machte den Tag zum "Dia da Consciência Negra" (etwa: Tag des Schwarzen Bewusstseins). Aber auch Quilombola-Aktivistin Bernadete Pacífico, die im August in Bahia ermordet wurde, stand im Fokus des Protestes.

Zu den wichtigsten Forderungen des Protests gehörte die Beendigung der staatlichen Gewalt gegen Schwarze und andere marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Die Ende Juli von der Regierung Tarcísio de Freitas eingeleitete "Operação Escudo" (Operation Shield) in der Baixada Santista ging als die tödlichste formelle Intervention der Militärpolizei von São Paulo seit dem Massaker von Carandiru 1992 in die Geschichte ein. Die Anwohner*innen beschuldigen staatliche Beamte in 46 Tagen 33 Menschen durch Folterung und Hinrichtungen getötet zu haben.


Stimmen des Protests: der Tag ist eine Errungenschaft der Schwarzen Bevölkerung

"Ich bin gekommen, um meine Stimme mit der meiner Brüder und Schwestern zu vereinen, nicht nur in einem symbolischen Moment des Kampfes für die vom Staat verfolgten Schwarzen, sondern auch um zu zeigen, dass wir Generation für Generation aufstehen", sagte Monique Brasil, eine Bewohnerin des Südens von São Paulo und Mitglied der "Movimento Popular Brasileiro" (Brasilianische Volksbewegung). "Wir weinen, wir trauern um die Gewalt, aber wir haben auch viel zu feiern mit unseren Ältesten, die so viel erreicht haben, dass wir heute hier sein können", fügte Monique hinzu.

Die 17-jährige Rafaela Rodrigues besucht einen Kurs von "UNEafro" (Kollektiv in Brasilien, das Aktivist*innen und Pädagog*innen durch Bildung für Racial Justice zusammenbringt) und möchte Medizin studieren. "Bei jeder Batuque, jeder Rede, spürt man ein anderes Gefühl, denn dort, wo ich wohne, sind die meisten Menschen weiß", sagt die Schülerin, die in Poá in der Metropolregion São Paulo lebt. "Hier zu sein, Menschen wie dich zu sehen, mit Haaren wie deinen, einer Kultur wie deiner, das ist einfach zu schön", sagte sie.

Die Lehrerin Bernadete da Silva sagt mit anderen Worten, aber mit ähnlicher Bedeutung, sie verpasse nie eine Marcha Consciência Negra, weil er eine Quelle der Ermutigung für den Kampf sei.

"Wir schließen 20 Jahre Märsche, Kampf und Geschichte ab. Es ist nicht einfach, das Gesetz 10.639/03 durchzusetzen", sagte Silva und meint damit den obligatorischen Unterricht in afro-brasilianischer Geschichte und Kultur an den Schulen.

"Es ist nicht einfach, Rassismus-Themen im Klassenzimmer zu behandeln, denn oft hat man keine Unterstützung, man kämpft alleine. In solchen Momenten finden wir Kraft", sagte Bernadete da Silva, die in Cidade Tiradentes im äußersten Osten von São Paulo lebt. "Durch diesen Marsch hoffe ich, Kraft zu schöpfen, um weiterhin gegen den Rassismus in der brasilianischen Gesellschaft zu kämpfen", fügte sie hinzu.

"Der 20. November wurde 1978 ins Leben gerufen, und seine Tradition besteht genau darin, Straßenproteste abzuhalten", erinnerte Flávio Jorge von der Nationalen Koordination Schwarzer Entitäten CONEN (Coordenação Nacional de Entidades Negras) und wies darauf hin, dass das Datum in São Paulo zu einem gesetzlichen Feiertag geworden ist: "eine Errungenschaft der Schwarzen Bewegung".

Dies ist das erste Jahr, in dem dieser Tag auch ein gesetzlicher Feiertag in São Paulo ist. Auf Druck der Schwarzen Bewegung wurde der vom Abgeordneten Teonílio Barba der Arbeiterpartei (PT) vorgeschlagene Gesetzentwurf im September angenommen. Zuvor wurde der Feiertag von den einzelnen Gemeinden festgelegt.

Es war auch 1978, als die Vereinigte Schwarze Bewegung MNU (Movimento Negro Unificado) auf den Stufen des Stadttheaters gegründet wurde. Dieser Ort ist nun Endpunkt der Demonstration im Zentrum von São Paulo.


Anmerkung:
[1] Der Begriff des "Quilombo", der im Spanischen umgangssprachlich noch heute für "Unordnung" oder "Chaos" verwendet wird, geht auf die portugiesische Kolonialherrschaft zurück. Mit der Kolonisierung kam die Sklaverei und der massenhafte Import Schwarzer Menschen aus dem afrikanischen Kontinent. Immer wieder gelang es den Opfern des Menschenhandels zu entkommen und in den unwegsamen Weiten des Landes versteckte Siedlungen aufzubauen, die Quilombos genannt wurden. Das Wort stammt ursprünglich aus den Bantu-Sprachen und bedeutet Wohnsiedlung. Der größte und bekannteste Quilombo Palmares wurde um 1600 gegründet. Zwischenzeitlich lebten dort ca. 30.000 entflohene Sklav*innen und frei geborene Menschen. Der 20. November, der Todestag von Zumbi do Palmares, dem berühmten Bewohner und Verteidiger der von ständigen Angriffen bedrohten Siedlung, wird in Brasilien als Tag des Schwarzen Bewusstseins gefeiert.


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Quelle:
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 1. Dezember 2023

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