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INSEKTEN/339: Raum für Vielfalt - Was Insekten bedroht (WWF Magazin)


WWF Magazin, Ausgabe 3/2023 WWF Deutschland - World Wide Fund For Nature

Thema Insekten: Sie sind die heimlichen Herrscher der Welt - und im Untergang begriffen. Das gefährdet auch die Lebensgrundlagen des Menschen

Raum für Vielfalt
Insekten sind die artenreichste Tierklasse der Welt. Schätzungen gehen von fünf Millionen Spezies aus.

von Florian Lauer, Adrian Lorberth und Peter Weißhuhn; WWF


Ob in schwülwarmen Regenwäldern, reißenden Bächen oder tief in der Tundra: Es gibt kaum einen Lebensraum, den sie nicht besiedeln. Insekten sind die heimlichen Herrscher der Welt. Ohne sie würden die Ökosysteme unseres Planeten nicht mehr funktionieren. Dass Insekten und ihre Lebensräume zusehends schwinden, sollte uns alle beunruhigen.

Es gibt sie mit zwei oder vier Flügeln - oder auch ganz ohne. Von winzig wie die nur 0,13 Millimeter kleinen Zwergwespen bis zu den gigantischen Stab schrecken von mehr als einem halben Meter Länge. Manche sind schlicht grau, andere schillern in allen Farben. Eines jedoch ist bei allen Insekten gleich: Sie besitzen sechs Beine. Insekten sind die artenreichste Tierklasse der Erde. Fast eine Million unterschiedliche Arten wurden bis jetzt beschrieben. Doch weil die meisten Insekten klein sind oder sehr verborgen leben, wurden vermutlich viele Spezies noch nicht entdeckt. Auf mehr als fünf Millionen Arten wird ihre wahre Vielfalt geschätzt. Dagegen ist die Zahl der Wirbeltiere mit weniger als 75000 Arten relativ bescheiden. Ähnlich verhält es sich mit der Anzahl der Insekten. Trotz ihrer geringen Größe übertreffen allein alle Ameisen und Termiten in den Tropen zusammen gerechnet das Gewicht aller dortigen Wirbeltiere um das Vielfache. Heuschreckenschwärme in Afrika können viele Milliarden Individuen umfassen.

Insekten halten Ökosysteme lebendig

Insekten sind für die Ökosysteme so wichtig wie für uns Menschen Vitamine und Spurenelemente. Vier Fünftel aller Wild- und Kulturpflanzenarten werden durch Insekten bestäubt. Insekten sorgen auch für sauberes Wasser, indem sie es filtern oder anderweitig reinigen. Sie halten den Boden fruchtbar, weil sie organische Abfälle in wertvollen Humus verwandeln. Viele Arten sind auf Aas und Dung spezialisiert. Ohne diese Putzkolonnen würden sich Krankheiten rasant ausbreiten. In den USA und in Großbritannien wird allein der Wert der von Dungkäfern geleisteten Dienste, vor allem der Abbau von Säugetierkot, auf mehr als 800 Millionen US-Dollar pro Jahr geschätzt.

Bei der Bestäubung ist es besonders komplex. Es gibt sehr spezialisierte Beziehungen, bei denen nur eine einzige Insektenart eine Pflanzenart bestäuben kann. Dies kommt besonders zwischen Orchideen und Nachtfaltern vor. Die Orchideen der Gattung Angraecum "verstecken" den Nektar sehr tief in ihrer Blüte. Nur Falter mit besonders langem Saugrüssel kommen an ihn heran und bestäuben dabei die Orchidee.

Dann gibt es Pflanzenarten mit Blüten, die von vielen Insektenspezies angeflogen werden. Hier ist es oftmals wichtig, welche Art von Insekt die Blüte besucht. Denn nicht alle bestäuben die Pflanze gleich wirkungsvoll. Einige Nutzpflanzen wie die Erdbeere setzen auf eben diese Vielfalt. Sie reifen besonders gut, wenn sie von verschiedenen Bestäubern besucht werden. Auch beim Kürbis verbessern mehrere Insekten die Bestäubung. Bei ihm ist sogar die Reihenfolge der Besucher entscheidend. Wenn erst eine große Holzbiene und dann eine kleine Furchenbiene die Blüte bestäubt, entstehen mehr Samen als andersherum.

Allgemein gilt: Neben der Anzahl der Individuen ist auch die Vielfalt der Insekten wichtig. Je mehr Arten vorhanden sind, desto stabiler ist das Ökosystem. Es ist wie eine Form von Versicherung: Wenn aufgrund ungünstiger Verhältnisse eine Art im Bestand zurückgeht, kann eine andere profitieren und übernimmt die Aufgaben der benachteiligten Art.

Was Insekten bedroht

Dass Insekten auf dem Rückzug sind, weiß die Fachwelt schon seit Jahrzehnten. Erst die 2017 veröffentlichte Studie des Entomologischen Vereins Krefeld brachte dem drastischen Insektensterben die notwendige Aufmerksamkeit der Gesellschaft. Ihr Fazit: Von der gesamten Biomasse der Insekten haben wir seit 1989 in Deutschland bereits drei Viertel verloren.

Der dramatische Rückgang hat viele Gründe. Einer der Haupttreiber ist der Verlust der strukturellen Vielfalt auf großer Fläche. Unsere Landschaft wird eintöniger, weil die Landwirtschaft immer intensiver wird. Außerdem werden stetig weitere Böden durch Siedlungen und Straßen mit Asphalt und Beton versiegelt - laut Umweltbundesamt in Deutschland jeden Tag rund 55 Hektar. Auf diese Weise verschwinden zunehmend Insektenlebensräume - neben den natürlichen Habitaten auch Kulturflächen wie Streuobstwiesen, artenreiches Grünland oder Hecken. Hinzu kommt die Belastung der Umwelt durch unterschiedlichste Chemikalien aus der Landwirtschaft, Industrie und auch der Forstwirtschaft.

Tödliche Lichtverschmutzung

Als sei das noch nicht genug, bedroht auch die stark zugenommene Beleuchtung die nachtaktiven Insekten. Sie umkreisen die nächtlichen Lichtquellen, bis sie vor Erschöpfung sterben. Andere verbrennen an den heißen Leuchten oder fallen angelockten Fressfeinden zum Opfer. Laut einer wissenschaftlichen Hochrechnung sterben allein durch die Straßenbeleuchtung in Deutschland jeden Sommer bis zu 100 Milliarden Insekten. Bei dieser Schätzung sind Leuchtwerbung, Fassadenbeleuchtung, Flutlicht oder private Garten- und Hausbeleuchtung noch gar nicht einbezogen.

Auch die Erderhitzung wird die Welt der Insekten stark beeinflussen, allerdings auf unterschiedliche Art und Weise. Einige Arten profitieren und können ihren Lebensraum nach Norden oder in höhere Bergregionen ausweiten. Andere Arten, die es lieber kühler mögen, sind hingegen auf dem Rückzug. Hummeln zum Beispiel leiden besonders unter den hohen Temperaturen. Das Verschwinden der Insekten hat erhebliche Folgen - auch für unsere Ernährung. Von den 115 am häufigsten angebauten Nutzpflanzen weltweit - seien es Kaffee in Südamerika oder Erdbeeren, Äpfel und Tomaten in Europa - sind 87 von Bestäubern abhängig. Einige wenige Nutzpflanzen werden durch Fledermäuse oder Vögel bestäubt, den Großteil übernehmen jedoch die Insekten. Würden all diese Nutzpflanzen aufgrund fehlender Bestäubung an Qualität und Menge einbüßen, hätte das verheerende Folgen für die Menschheit. Denn für die große Mehrheit dieser Nutzpflanzen gäbe es zur Bestäubung keine natürliche Alternative.

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WWF-Projekt für Insekten
Modelllandschaften für den Insektenschutz zu schaffen, das ist das Ziel des BROMMI-Projekts. In den UNESCO-Biosphärenreservaten Schaalsee, Schorfheide-Chorin, Mittelelbe, Rhön (bayerischer Teil) und Schwarzwald werden gemeinsam mit dem WWF, Landwirten, Kommunen und weiteren Partnern(*) beispielhafte Maßnahmen für den Erhalt von Insekten umgesetzt. Neben bereits erprobten Methoden wie dem Anlegen von Blühstreifen werden auch neue Maßnahmen für mehr naturnahe Bewirtschaftung ausprobiert und wissenschaftlich begleitet. So werden zum Beispiel Käferbänke (Erdwälle im Acker) und Gehölzsäume (Büsche entlang von Ackerrändern) angelegt oder insektenfreundliche Mähgeräte angeschafft. Darüber hinaus soll das Projekt auch politisch wirken und die Rahmenbedingungen für den Insektenschutz in ganz Deutschland verbessern. Das Projekt begann im Juni 2020 und läuft bis Dezember 2025

(*) Gefördert wird das BROMMI-Projekt vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Weitere Partner sind der Nationale Naturlandschaften e.V. und das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung.
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Ohne Bestäuber keine Nahrung

Schon heute werden Bienenvölker mit mehreren 10.000 Tieren pro Hektar zum Bestäuben ganzer Plantagen eingesetzt. Doch einfach mehr Honigbienen als Ersatz für Wildinsekten einzusetzen, ist keine Lösung. Wildbienen sind bei vielen Nutzpflanzen die klar besseren, weil effizienteren Bestäuber. Um einen Hektar einer Apfelplantage zu bestäuben, reichen schon weniger als 550 Exemplare der Gehörnten Mauerbiene aus. Außerdem ist es schlicht gefährlich, alles auf eine einzige Bestäuberart zu setzen. Würde sie wegen Krankheit oder Klimakrise ausfallen, gäbe es keinen Ersatz.

Die Bestäubung von Pflanzen durch Insekten hat auch einen enormen wirtschaftlichen Marktwert. Er wird aktuell auf rund 577 Milliarden Dollar pro Jahr weltweit geschätzt. Hinzu kommen mehr als 400 Milliarden Dollar Wirtschaftsleistung durch den Nutzen der Insekten als Parasiten und Fressfeinde von Schädlingen. Darüber hinaus ist der Wert von Insekten für die Pharmaindustrie oder als Nahrungsmittel für eine wachsende menschheit noch gar nicht erfasst.

Insekten lockern das Erdreich auf und sorgen dafür, dass Regenwasser besser aufgenommen wird. Ohne Insekten wie Käfer und ihre nahen Verwandten wie Springschwänze würden unsere Böden verdorren, weil kaum mehr Humus gebildet würde, der sie fruchtbar macht. Zudem würden sich Dung und Aas in kurzer Zeit anhäufen und die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen. Insekten bilden eben einen wichtigen Teil des Fundaments, auf dem alles Leben aufgebaut ist. Sie stehen weit vorn in der Nahrungskette und beeinflussen alles, was danach kommt. Für viele Amphibien, Reptilien, Vögel und Fledermäuse sind Insekten die Lebensgrundlage. Bei ihnen könnte der massive Insektenschwund einen fatalen Effekt auslösen - ähnlich wie beim Spiel Jenga. Mit jedem herausgezogenen Stein verliert der aufgestapelte Turm an Stabilität, bis er schließlich zusammenbricht. Verliert auch unsere Nahrungskette mit den Insekten ihre Grundlage, droht unseren Ökosystemen der Kipppunkt. Dann haben auch wir Menschen ein nahezu unlösbares Problem.

So weit dürfen wir es nicht kommen lassen. Der WWF setzt sich für echte Fortschritte in der EU-Agrarpolitik ein und fördert zugleich konkrete beispielhafte Projekte für mehr naturnahe und damit insektenfreundliche Landschaften. Wir appellieren an alle, den noch verbliebenen Insekten wieder eine Zukunft zu geben und den Negativtrend umzukehren.
Ob auf den eigenen Balkon, im Schulgarten oder im Stadteil: Jede Aktion zählt.


Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:
  • Artenreiche Wiesen bieten Lebensraum für zahlreiche Insektenarten.
  • Alien mit Federboa: Aus dieser Raupe schlüpft irgend wann die Seladoneule, ein in Europa weitverbreiteter nachtaktiver Schmetterling.
  • Der Distelfalter gehört zu den heimischen Schmetterlingen mit der längsten Wanderroute: Er fliegt bis zu 4000 Kilometer pro Jahr - von Nordeuropa bis Westafrika. Der Hummelschwärmer gehört zur Familie der Schwärmer, die meist nachtaktiv sind. Der Hummelschwärmer jedoch fliegt auch tagsüber Blüten an.
  • Für die Nahrung sorgen die Weibchen, die die Baumrinde von Eichen anritzen, bis Flüssigkeit austritt. Die Männchen des bis zu acht Zentimeter langen Hirschkäfers haben eine Art Geweih aus Kieferzangen. Damit kämpfen sie mit anderen Männchen.
  • Rosenkäfer sind eine weltweit verbreitete Käfergruppe. Als Larven verputzen sie gerne Holzreste im Kompost. Als Käfer leben sie von Nektar, Pollen und reifem Obst.
  • Die Gattung der Rüsselkäfer ist extrem artenreich. Einige Spezies wie der Borkenkäfer gelten in Land- und Forstwirtschaft als Schädling. Dieser Rüsselkäfer lebt im Amazonasregenwald.
  • Dungkäfer gehören zur Putzkolonne unter den Insekten. Sie ernähren sich vor allem von Rinder- und Pferdemist. Ohne ihre wertvolle Arbeit würden sich Krankheiten viel leichter ausbreiten.

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Insekten schützen

Wenn wir die Insektenwelt bewahren wollen, ist die gesamte Gesellschaft in der Pflicht. Neben Politik und Landwirtschaft können auch Sie in Ihrem Umfeld dazu beitragen, den Artenreichtum von Insekten wie Bienen und Faltern oder Käfern zu fördern.

Mehr Natur in Siedlungen
Parks, Grünstreifen an Straßen, Verkehrsinseln, Brachflächen und Gewässer sind Lebensräume für Insekten. Das gilt es zu beachten:

  • Höchstens zweimal im Jahr mähen mit Abnahme des Mähguts
  • Aufwertung artenarmer Grünflächen mit Übertragung von artenreichem Mähgut
  • Insektenfreundliches Saatgut verwenden und dabei auf Regionalität achten

Naturnahe Landwirtschaft
Insekten sollen leicht zwischen verschiedenen Lebensräumen umherwandern können. Dafür braucht es:

  • Kleinere Ackerflächen
  • Eine abwechslungsreiche Fruchtfolge
  • Mehr blühende Pflanzen und größere strukturelle Vielfalt an Landschaftselementen wie Hecken oder Tümpeln
  • Ein Minimum an Pestiziden in der Land- und Forstwirtschaft. Dafür setzt sich der WWF auch auf politischer Ebene ein

Insektenfreundliche Gärten und Terassen
Schaffen Sie ein Zuhause für tag- und nachtaktive Insekten:

  • Auf Pestizide, Dünger und das für Insekten tödliche Mulchen verzichten
  • Grasflächen seltener mähen (ein bis zwei Schnitte pro Jahr reichen of aus) und die Schnitthöhe auf mindestens acht Zentimeter erhöhen. Ungemähte Flächen als Rückzugsorte für Insekten lassen
  • Trockenmauern, Laubhaufen, Kompost, Totholz oder Steinhügel schaffen
  • Regionale Saatgutmischungen verwenden
  • Heimische Pflanzenarten bevorzugen wie kriechender Günsel, gewöhnlicher Natternkopf oder Wiesen-Flockenblume. Aber auch insektenfreundliche Exoten wie Muskateller-Salbei bereichern den Garten
  • Nachtaktive Insekten anlocken, zum Beipiel mit Holunder, Melisse, Lichtnelke, Schnittlauch, Thymian, Duft-Geißblatt und Phlox
Weniger Licht
  • Die Lichtmenge reduzieren
  • Nur nach Bedarf beleuchten - durch eine Zeitschaltuhr oder einen Bewegungssensor
  • Auf das Anstrahlen von Bäumen, Teichen oder Wänden verzichten
  • Keine Bodenstrahler, Suchschweinwerfer oder rundum strahlende Dekoleuchten verwenden. Beleuchten Sie Schilder von oben nach unten
  • Kein Licht in den Himmel strahlen lassen
  • Kaltweißes Licht mit einer Wellenlänge unter 500 Nanometern oder einer Farbtempertaur von über 3000 Kelvin vermeiden

Mehr Infos und Tipps für den Insektenschutz auf wwf.de/insektenschutz

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Quelle:
WWF Magazin 3/2023, Seite 8-17
Herausgeber:
WWF Deutschland
Reinhardtstraße 18, 10117 Berlin
Tel.: 030/311 777 700
E-Mail: info@wwf.de
Internet: www.wwf.de
 
Die Zeitschrift für Förderinnen und Förderer des WWF Deutschland
erscheint vierteljährlich

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 8. März 2024

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